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| Öffentliche Versicherer - Interview

"Wir müssen die Blickrichtung ändern"

Digitalisierung erweitert das Geschäftsmodell von Krankenversicherern in Richtung Gesundheitsdienstleistung, erklärt der neue Union-Vorstandschef Andreas Kolb.

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Herr Kolb, seit Jahresmitte sind Sie Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Beamtenkrankenkasse, der Union Krankenversicherung und der Union Reiseversicherung. Wo stehen die Unternehmen derzeit?
Andreas Kolb: Die Unternehmen sind sehr erfolgreich. Wir sind der Krankenversicherer und damit auch der Gesundheits-, Pflege- und Reise-Partner der Sparkassen-Finanzgruppe. Bayerische Beamtenkrankenkasse und UKV bilden gemeinsam die Nummer drei der privaten Krankenversicherer in Deutschland nach den versicherten Personen.

Wir sind außerdem Marktführer in der Förderpflege und die Nummer zwei bei den Zusatzversicherungen für gesetzlich Versicherte. Mit 70 Prozent Marktanteil sind wir auch bei der Beihilfeablöseversicherung Marktführer, wir sind also auch Partner der Kommunen und Kirchen in ganz Deutschland. Das ist für mich eine hervorragende Ausgangsbasis.

Wie profitieren Sparkassen von dieser guten Position im Markt?
Die Sparkassen haben ja immer eine Doppelrolle – einmal durch die Eigentümerschaft und zugleich als Vertriebspartner. Im jetzigen Nullzins- oder Negativzinsumfeld gilt es für sie umso mehr, im Verbund Geschäft, letztlich Erträge, zu generieren.

Versicherungen sind dabei die idealen Ergänzungen zu Bankprodukten. Deswegen können Sparkassen mit ihrem großen Privatkundenanteil in Deutschland sehr gut vom Versicherungsgeschäft profitieren. Auch kann man Versicherungen zur Kundenbindung nutzen.

Rücken Versicherer und Sparkassen jetzt näher zusammen?
Ein Paradebeispiel sind die Krankenversicherungen. Da gibt es einen großen Partner, der mit allen öffentlichen Versicherern zusammenarbeitet – die Bayerische Beamtenkrankenkasse und die UKV unter dem Dach der Versicherungskammer. Insofern sind wir da schon recht weit.

 
© Union

Gibt es weitere Beispiele für eine verbesserte Zusammenarbeit?
Eine perfekte Zusammenarbeit für uns gibt es bei der Pflegeversicherung. Wir haben gemeinsam bundesweit die Sparkassen-Förderpflege gebrandet. Übrigens damals ein bundesweiter Schwerpunkt der Sparkassenwerbung.

Stichwort digitales Gesundheitswesen: Hier gibt es Potenziale und Mehrwerte für Kunden, aber auch Sorgen, Ängste und Vorurteile.
Allgemein gesprochen, ist natürlich die Digitalisierung im Bereich des Gesundheitswesens sehr vielschichtig. Das beginnt beim Kunden, der auf die Frage, wie er gesund bleibt, eine Antwort sucht. Ernährung, Bewegung, Schlaf, das sind da die Treiber. Dafür gibt es schon Angebote, nicht primär von Krankenversicherungen.

Die Digitalisierung in der Medizin ist außerdem ein riesiges Forschungsthema. Der größte Schatz liegt in den Daten: Welche Behandlung führt zu welchem Erfolg? Dies bekommt eine neue Dimension, indem ganze Behandlungsstrecken digital erfassbar sind.

International geht man mit Daten deutlich anders um. Auch in Deutschland müssen wir endlich anfangen, mit den Daten zu arbeiten – im Sinne des Kunden, im Sinne einer besseren Versorgung, im Sinne eines besseren Behandlungsergebnisses.

Wie ist der Stand bei der Plattform „Meine Gesundheit“?
„Meine Gesundheit“ haben wir mit Gesundheitspartnern als zentrale Anlaufstelle für unsere Kunden an den Start gebracht. Das Portal ist seit vergangenem Jahr verfügbar und wird aktuell für Voll- und Quotenversicherte ausgerollt.

Wir haben dies nicht alleine aufgebaut: mit an Bord sind die AXA, die Debeka, und die HUK-Coburg. Bei der Digitalisierung im Gesundheitssektor wollen wir, im Sinne des Kunden, die beste Lösung am Markt gemeinsam anbieten. Wir vereinigen mehr als die Hälfte aller Privatversicherten und mehr als 70 Prozent aller Beihilfeberechtigten in diesem Konsortium.

Was haben Versicherte und Dienstleister von dem Angebot?
Wir wollen mit „Meine Gesundheit“ nicht nur dem Kunden eine E-Health-Plattform anbieten, sondern ihn auch mit Ärzten, Apotheken und Krankenhäusern vernetzen, so dass der Kunde seine Gesundheit digital organisieren kann.

Unser IT-Partner CompuGroup, der „Meine Gesundheit“ betreibt, hat bereits mehr als die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte als Vertragspartner. Das vereinfacht die Anbindung der Leistungserbringer an die Plattform erheblich und garantiert das höchste Maß an Datensicherheit.

Darüber hinaus engagieren wir uns stark beim Thema Kooperationen mit gesetzlichen Krankenkassen und sind Partner der AOK Bayern.

Gibt es konkurrierende Angebote?
Wir haben es geschafft, eine elektronische Gesundheitsakte mit allen rechtlichen Anforderungen ohne gesetzliche Verpflichtung bereits heute auf den Markt zu bringen und sehen uns deswegen als Vorreiter.

Wir bieten mit „Meine Gesundheit“ unter anderem einen elektronischen Terminservice bei Ärzten an, stellen ein Gesundheitsmagazin bereit und schaffen Transparenz zu Wechselwirkungen bei Medikamenten.

Über den Kooperationspartner Tele-Clinic bieten wir bereits heute einen Online-Arztkontakt inklusive Online-Rezept und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Smartphone an. Gerade im Hinblick auf volle Wartezimmer und für den ländlichen Raum ein wichtiges Zukunftsthema.

 
Tochter mit ihrer pflegebedürftigen Mutter und einem Arzt. Die Plattform "PflegePartner" der Union Krankenversicherung hilft Angehörigen, die Pflegesituation besser zu meistern. © dpa

Sie haben 2019 die Pflegeabsicherung um den Pflege-Partner erweitert. Was ist das genau?
Durch die gesetzliche Pflegeversicherung ist nur rund die Hälfte der Kosten gedeckt. Private Vorsorge ist daher unabdingbar. Deutschlandweit sind erst vier Prozent der Bevölkerung privat pflegezusatzversichert. Angesichts des finanziellen Risikos gibt es also einen riesigen Aufklärungsbedarf.

Neben der Finanzierung ist die Organisation der Pflege eine große Herausforderung. Gerade die Angehörigen eines Pflegefalls finden sich oftmals plötzlich und ohne Vorwarnung in einer völlig neuen Situation wieder. In kürzester Zeit müssen zahlreiche Fragen geklärt und viele Entscheidungen getroffen werden.

Genau hier setzt unser Pflege-Partner an. Wir organisieren die ersten Monate im Pflegefall und sind persönlich für die Betroffenen da. Darüber hinaus haben wir mit dem digitalen Pflege-Partner eine Plattform entwickelt, die den Angehörigen hilft, die Pflegesituation dauerhaft besser zu bewältigen. Diese vernetzt die Pflegenden, das Pflegepersonal und die Angehörigen und hilft beispielsweise bei der Antragstellung, die Aufgaben zu organisieren und verwaltet wichtige Dokumente.

Wir bieten diesen Service nicht nur für den Kunden selbst, sondern auch im Falle der Pflegesituation eines Elternteils oder Kindes. Seit Start unseres neuen Services Pflege-Partner gewinnen wir jeden Monat mehr als 1000 Neukunden dazu.

Wie wird die Digitalisierung Ihre Branche verändern?
Wir sind aufgerufen, die Blickrichtung zu ändern. Auch wenn wir nicht unser gesamtes Geschäftsmodell infrage stellen müssen, so wird es immer wichtiger, den künftigen Bedarf der Kunden genau zu kennen.

Wir stehen für finanzielle Absicherung eines Risikos. Der Kunde hat jedoch gerade, wenn es um seine Gesundheit geht, viele weitere Fragen und Bedürfnisse. Und darauf wollen wir reagieren und uns noch mehr darauf ausrichten, unsere Kunden rund um das Thema Gesundbleiben und optimale Versorgung zu unterstützen.