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Nachhaltige Geldanlagen
Expansiv und beständiger auch in Coronazeiten
Nachhaltiges Investieren war lange ein Randthema. Das hat sich geändert. Ein aktueller Marktbericht des Fachverbands FNG weist 1,6 Billionen Euro an verantwortlichen Investments und 269 Milliarden Euro für nachhaltige Anlagen aus.

Dass nachhaltiges Investieren eine Wachstumsstory ist, dokumentiert der Fachverband Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) seit 2005 in seinen Marktberichten. Die Anfang Juni in Berlin vorgestellte Studie unterstreicht dies beeindruckend.

Innerhalb eines Jahres hat sich das Volumen nachhaltiger Anlagen, die Umwelt-, Sozial- und Governancekriterien explizit in den Anlagebe­din­gun­gen festschreiben, in Deutschland um 23 Prozent auf  269,3 Milliar­den Euro erhöht (siehe Abbildung 1).

Nachhaltige Produkte haben erstmals den Sprung über die Fünf-Prozent-Marke geschafft und 2019 einen Gesamtmarktanteil von 5,4 Prozent erreicht. Sogar 1,6 Billionen Euro würde das Anlagevolumen betragen, wenn schwächere Kriterien sogenannter „verantwortlicher Investments“ zugrunde gelegt werden.

Highlights des FNG-Marktberichts sind das dominierende Volumen bei nachhaltigen Mandaten (120,3 Milliarden Euro, plus 36 Prozent) sowie bei nachhaltigen Investmentfonds (63,2 Milliarden Euro, plus 41 Prozent).

Privatanleger investieren stärker nachhaltig

Positiv überrascht hat der gestiegene Anteil von Privatinvestoren bei den Anlegertypen. Er hat die Zehn-Prozent-Marke überschritten und im Anlage­volumen sogar um 96 Prozent zugelegt (siehe Abbildung 2).

18,3 Milliarden Euro werden von privaten Anlegern gehalten. Ein deutliches Zeichen, dass umweltrelevante Themen (zum Beispiel Klima­schutz), aber auch soziale Aspekte (zum Beispiel Arbeitsstandards, Lieferketten) immer stärker auch private Anlageentscheidungen beeinflussen.

Davon unbenommen waren institutionelle Investoren aber weiterhin Treiber der Marktentwicklung. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass der Anteil der öffentlichen Hand unter den Institutionellen signifikant von 3,9 Prozent auf 16,6 Prozent gewachsen ist. Beispielsweise legen das Land Nordrhein-Westfalen oder die bayrische Landeshauptstadt München bei ihren Anlageentscheidungen inzwischen auch Kriterien zugrunde, die vom FNG für nachhaltige Investments entwickelt werden. Während der gesellschaftliche Diskurs über Nachhaltigkeit wie auch die normative Ebene für Investmentgesellschaften bereits zum Tagesgeschäft gehören, zeigen ergänzende Erhebungen des FNG, dass die IT-Integration von Umwelt-, Sozial- und Governancedaten noch eine Herausforderung ist. Gleiches gilt für die Verfügbarkeit entsprechender Daten für einzelne Anlagetitel.

Verlauf in Österreich und der Schweiz ähnlich

Für den österreichischen Markt meldet das FNG ganz ähnliche Entwick­lungen. Unser Nachbarland ist traditionell durch hohe Nachhaltigkeits­affinität und das Engagement der öffentlichen Hand geprägt. Mit einem Wachstum von 77 Prozent sind die Investments privater Anleger in nachhaltige Produkte dort 2019 auf rund 6,8 Milliarden Euro gestiegen. Das Gesamtvolumen nachhaltig veranlagter Investments beträgt insgesamt 30,1 Milliarden Euro. Das ist ein neuer Rekordwert, der gleichzeitig einem Gesamtmarktanteil von 15,6 Prozent entspricht.

Auch für die Schweiz lassen sich, trotz abweichender Datenbasis, vergleichbare Trends ableiten. 2019 hat sich dort das Volumen nachhaltiger Investments um 62 Prozent auf über eine Billion Schweizer Franken erhöht. Das entspricht einem Anteil am Gesamtmarkt von 38 Prozent. Im Volumen und währungsbereinigt haben private Investoren sogar um 185 Prozent zulegt. Sie stellen 36 Prozent aller Anleger.

Treiber des Wachstums

Die Entwicklung des Markts nachhaltiger Investments in der DACH-Region ist beeindruckend und zerstreut letzte Zweifel an der Relevanz des Themas für die Anlagemärkte und ihre Transformation.

Zwar ist ein Marktanteil von 5,4 Prozent – etwa in Deutschland – noch kein wirklich beeindruckender Wert. Die nun schon über Jahre währende Dynamik spricht jedoch für sich.

Das FNG sieht eine der Wachstumsursachen in der deutlich gestiegenen Bedeutung nachhaltiger Investments im Bereich privater Anleger. Treiber hierfür sind:

  • Europäische Maßnahmen zur Förderung dieser Anlageprodukte;
  • zivilgesellschaftliche Aktivitäten (zum Beispiel Fridays for Future, Kohleausstieg);
  • stärkere Berichterstattung über Nachhaltigkeitsthemen.

Bei Produktanbietern wie auch institutionellen Investoren stehen dagegen eher regulatorische Treiber im Vordergrund. Führend ist hier die Arbeit auf EU-Ebene an einer Taxonomie für nachhaltige Anlagen. Sie tritt 2021 in Kraft. Ab 2022 stellt dann eine Revision der Mifid II neue Anforderungen an die Adressierung von Nachhaltigkeitsthemen in Beratungssituationen.

Während in der Vergangenheit eine überschaubare Zahl an Investoren und Produktanbietern durch wertbezogene Überlegungen oder Rendite-Risiko-Betrachtungen den Weg zu nachhaltigen Investments gefunden hat, sorgen ordnungspolitischer Druck und neue regulatorische Treiber nun dafür, dass sich die Finanzbranche in ihrer Breite aktiv mit dem Thema befassen wird (muss).

Nicht zuletzt führt das zu einem erheblichen Bedarf für (Weiter)Bildung bei Mitarbeitenden. Erste Umsetzungserfolge zeigen sich bereits jetzt in zunehmenden Marktaktivitäten.

Stabil in Coronazeiten

Die statistischen Daten des Marktberichts des FNG enden zeitlich vor den Auswirkungen der Coronapandemie auf Finanz- und Kapitalmärkte. Dennoch lassen Äußerungen von Finanzinstituten im Umfeld der Studienveröffentlichung erste Rückschlüsse auf die Rolle nachhaltiger Investments im Coronakontext zu.

Nachhaltigkeitsbanken weisen etwa auf gestiegene Mittelzuflüsse im ersten Quartal 2020 hin. Ein Institut spricht sogar vom „besten Quartal ever“. Gerade Neuanlagen werden danach offenbar zu erheblichen Teilen nachhaltig veranlagt.

Kundenbetreuer berichten ferner, dass die Bereitschaft, sich mit Nach­haltigkeitsthemen intensiver zu befassen, bei Anlegern steigt. Solche, die sich bereits in der Vergangenheit mit derartigen Themen befasst haben oder – besser noch – über eine eigene Nachhaltig­keits­kultur verfügen, sehen sich den Marktanforderungen gewachsen. Die „Mapping-Übung für Kriterien“ bei Produkten und im Vertrieb ist laut FNG für die Erfahrenen daher Routine, für Neueinsteiger aber eine Herausforderung.

Auch aus der Sicht von Portfoliomanagern scheint die Berücksichtigung von ESG-Faktoren in Anlageprozessen im Coronakontext positiv zu wirken. Schon die Überlegung, dass Investments in Wirtschaftsbereiche, die sich an Grundbedürfnissen orientieren, oder auf resiliente Gesundheitssysteme fokussieren, weniger krisengefährdet sind als volatile Konsum- und Luxussegmente, leuchtet ein.

Chancen zu nutzen, ist dabei eine plausible Option. Tatsächlich konnten im Coronatief viele nachhaltige Anlagetitel gegenüber traditionellen Be­werbern mit geringeren Verlusten und gebremster Volatilität punkten. Analysiert man dies, so weisen Studien unter anderem faktorbasiert darauf hin, dass es eben ESG-Größen waren, die dafür verantwortlich zeichnen. So finden sich etwa bessere Werte in Rendite-Risiko-Profilen oder der Information Ratio.

Sollten die Märkte dauerhaft wieder zu den Höchstständen vom Jahres­beginn 2020 zurückkehren, ist zu erwarten, dass auch das positive Alpha nachhaltiger Titel zunehmend abschmilzt. Schlussfolgernd kann damit die These unterlegt werden, dass nachhaltiges Investment und die verbundenen ESG-Größen auch/gerade wegen der Coronapandemie eine neue (größere) Bedeutung erfahren. Weitere Forschungsergebnisse dazu werden die Entwicklung aufzeigen.

Aus der Nische in eine dynamische Zukunft

Unerheblich ist, wie man den Begriff „Nische“ definiert: Nachhaltiges Investment hat sein Nischendasein definitiv verlassen. Dafür sprechen die Höhe der investierten Mittel ebenso wie die messbare Marktresonanz in der Branche.

Und auch ein weiterer Faktor deutet auf ein „Mainstreaming“ des Themas: Seitdem alt eingeführte Fachorganisationen wie das FNG mit jüngeren Nachhaltigkeitsinitiativen oder etablierten Branchenverbänden um den Vertretungsanspruch und die Sprachhoheit im Bereich nach­hal­tiger Investments konkurrieren müssen, wird selbst Außenstehenden klar, „wo die Musik spielt“. Nachhaltig zu investieren, ist inzwischen zu einem markttreibenden Faktor geworden.

Fazit

Ob der Wunsch der Bundesregierung, Deutschland zu einem international führenden Standort der nachhaltigen Finanzwirtschaft zu entwickeln, auf mittlere Sicht realistisch ist, mag im Umfeld der Coronapandemie diskutiert werden. Zumindest aktuell wird Nachhaltigkeit hierzulande eher im realwirtschaftlichen Bezug von Konjunkturprogrammen verstanden. Gleichwohl kommt Finanzinstituten als Intermediären und Dienstleistern der Realwirtschaft auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu. Nicht zuletzt glaubt die Branche selbst an ein signifikantes und stabiles Wachstum im Bereich nachhaltiger Anlagen.

Eine begleitende Erhebung des FNG hat herausgearbeitet, dass 61 Prozent der Befragten für 2020 ein Wachstum nachhaltiger Geldanlagen oberhalb von 15 Prozent erwarten (siehe Abbildung 3). Gerade bei nachhaltigen Investmentfonds werden bereits kurzfristig steigende Nettoabsätze gesehen. Ganz anders noch als vor einigen Jahren werden dabei klare externe Rahmensetzungen (zum Beispiel in Form von Regulation), in der Branche als Erfolgsbedingung gesehen.

Die Zeichen stehen mithin im doppelten Sinn auf „Grün“. Kein Institut mit einer ernst zu nehmenden Zukunftsstrategie kann Nachhaltigkeit heute als unbekannte Größe betrachten. Jedoch werden Weitsicht in der Geschäftspolitik, Kompetenz der Mitarbeitenden sowie systematisches Erwartungshaltungsmanagement und Kundenorientierung in der Produkt- und Angebotsgestaltung darüber bestimmen, welche Institute vom weiteren Wachstum profitieren und welche Institute lediglich trendfolgend mit minimalen oder negativen Margen agieren.

Quellen
Der Markbericht 2020 des FNG ist hier online abrufbar. Ergänzende Informationen und einen Rückblick auf vorige Jahre bietet die zugehörige Webseite der FNG.

Autor
Dr. Markus Scholand ist für den Ecofin-Verbund als Wissensmanager und Fachautor in München und Meschede tätig. Er beschäftigt sich in Forschung und Beratung mit der Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle. Der Verfasser dankt Elke Bredl von eKonzept Bredl (München) für ihre konstruktiven Anmerkungen zum Manuskript.

Markus Scholand
– 19. Juni 2020