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Nachhaltige Kapitalanlagen
Grüne Welle
Nachhaltige Kapitalprodukte entwickeln sich zum großen Trend. Das wachsende Interesse von Privatkunden stellt die Sparkassen aber vor neue Herausforderungen.

Grün Investieren – das ist bei den Privatkunden der Sparkasse Hanau seit geraumer Zeit gefragter denn je. „In unseren Kundenberatungen stellen wir seit einigen Monaten eine steigende Nachfrage nach nachhaltigen Kapitalanlagen fest und haben deshalb auch unser Produktangebot entsprechend erweitert“, erklärt Ingo Wiedemeier, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hanau.

Als Auslöser für das wachsende Interesse sieht er die aktuelle Nachrichtenlage. „Oft sind es Meldungen in den Medien, die unsere Kunden nachdenklich stimmen. Diese möchten dann auch nachhaltige Aspekte in ihren Anlagen berücksichtigt wissen.“

Ingo Wiedemeier
Stellt seit einigen Monaten eine steigende Nachfrage nach nachhaltigen Kapitalanlagen fest: Ingo Wiedemeier, Vorstandschef Sparkasse Hanau.

Depotvolumen mehr als verdreifacht

Ähnlich sieht dies Sascha Neumann, Leiter Private Banking bei der Nord-Ostsee Sparkasse: „Wir hatten 2019 eine sprunghafte Nachfrage nach nachhaltigen Anlagemöglichkeiten. Unser Depotvolumen hat sich in diesem Bereich mehr als verdreifacht. Das liegt natürlich zum großen Teil an der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte, ausgelöst durch Greta Thunberg und die ständige Präsenz dieses Themas in den Medien“, betont der Spezialist.

Dennoch schiebt er das wachsende Kundeninteresse an grünen Geldanlagen nicht nur auf die mediale Präsenz der „Friday for Future“-Bewegung. „Das Umweltbewusstsein ist grundsätzlich in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Dabei umfasst Nachhaltigkeit weit mehr als das Thema Umwelt“, meint er.

Umweltthemen, soziale Fragen und Unternehmensführung

Denn Kapitalanleger von nachhaltigen Investments richten sich nach den Kriterien „ESG“. Hinter den drei Buchstaben stecken – auf Englisch – die drei Dimensionen grüner Geldanlagen: Umweltthemen, soziale Fragen, Unternehmensführung. Denn Geldverdienen und gutes Gewissen – das wird für Privatkunden immer wichtiger.

Darauf stellen sich die Sparkassen zunehmend ein: „Uns ist es wichtig, unseren Kunden ein möglichst breites Angebot entlang ihrer Wünsche machen zu können. Wir bieten dabei keine eigenen Produkte, sondern kooperieren neben der Dekabank auch mit weiteren Partnern wie beispielsweise Franklin Templeton und Swisscanto“, sagt Neumann.

Zunehmende Nachfrage auch von privaten Anlegern

Denn die Nachfrage nach grünen Geldanlagen wächst rasant. „Das Interesse von Privatkunden an nachhaltigen Kapitalanlagen steigt deutlich“, erklärt Ullrich Hartmann, Partner im Bereich Financial Services beim Wirtschaftsprüfer und Berater (PWC). Aktuell sei „es zwar immer noch so, dass das Interesse der institutionellen Anleger um ein Vielfaches größer ist als das von Privatkunden. Privatkunden holen jedoch deutlich auf und wir erwarten, dass sich dieser Trend ab 2020 noch deutlich verstärkt“, meint er.

Das belegt auch eine jüngste Umfrage der Beratungsfirma Cofinpro unter 180 Banken und Finanzdienstleistern. 87 Prozent der Institute rechnen demnach damit, dass grüne Geldanlagen in den nächsten Jahren rasch an Bedeutung gewinnen. Ein Grund hierfür ist, dass Fonds ihre Portfolios stärker nach Umwelt- und Ethikthemen umschichten, um Privatkunden anzulocken. „Institutionelle Investoren stellen ihre Ausrichtung auf nachhaltige Investments öffentlich dar, was wiederum auch eine Sogwirkung auf Privatkunden hat“, so PWC-Spezialist Hartmann.

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87 Prozent der Institute rechnen damit, dass grüne Geldanlagen in den nächsten Jahren rasch an Bedeutung gewinnen.

Sparkassen bauen ihre Portolien aus

Doch das ist nur eine Facette. Auch das veränderte Verhalten der Verbraucher selbst trägt dazu bei, dass Privatkunden immer mehr auf Geldanlagen mit Anstand achten. „Heute informieren sich die Verbraucher umfassender und intensiver über Themen wie Umweltschutz oder Menschenrechte und wollen dies auch bei der Geldanlage berücksichtigen“, erklärt eine Sprecherin der Frankfurter Sparkasse.

Zwar mache diese Kundengruppe bei dem Institut gemessen an der Gesamtzahl der Anleger noch einen geringen Teil aus. Doch die Sparkasse ist dabei, das Portfolio an grünen Kapitalprodukten deutlich aufzustocken. „Unserer Angebot an nachhaltigen Produkten haben wir bereits im letzten Jahr um den Aktienfonds Swisscanto Equity Funds Sustainable erweitert und werden ab Februar 2020 den Deka-Portfolio Nachhaltigkeit Globale Aktien zusätzlich in die Produktkörbe aufnehmen“, so die Sprecherin.

Auch die Sparkasse Leipzig will 2020 nachziehen. „Derzeit bieten wir ausgewählte nachhaltige Fonds für Kunden an, die ihr Geld in sozial und ökologisch handelnde Unternehmen investieren möchten“, heißt es bei dem Institut. Dazu gehören Deka Nachhaltigkeit Aktie CF (A) und West-Invest Inter-Select.

Sparkasse Hannover bietet eigenen Sparkassenbrief N+

Besonders engagiert ist auch die Sparkasse Hannover. Sie bietet seit 2016 neben nachhaltigen Fonds – unter anderem von der Deka – einen eigenen nachhaltigen Sparkassenbrief N+ an. „Der jährliche Absatz dieses Produktes übertrifft den Absatz in nachhaltigen Fonds deutlich“, erklärt Vorstandsmitglied Kerstin Berghoff-Ising.

Ein Grund ist, dass die Sparkasse den Verkauf des Produkts mit einer Summe fördert, um nachhaltige Initiativen anzustoßen. „Das ermöglicht uns, vielfältige wertvolle Projekte zu unterstützen. So fördern wir, dass Kinder lernen, wie man klimaneutral kocht. Wir bezuschussen Lastenräder für Kleinunternehmer bis hin zu Tagesmüttern und wir fördern die Begrünung von Dächern“, erläutert Berghoff-Ising.

EU-Aktionsplan erfordert neue Beratungsansätze

Die grüne Welle bei den Kapitalanlagen hat aber auch einen politischen Hintergrund: Die EU hat einen Aktionsplan verabschiedet, der vorsieht, dass sich Banken, institutionelle Anleger und Sparkassen mehr für ein nachhaltiges Finanzwesen einsetzen sollen. Das stellt die Sparkassen vor neue Aufgaben – vor allem in der Kundenberatung.

„Die Regulierung rund um das Thema nachhaltige Finanzanlagen ist deutlich umfangreicher geworden. So wird beispielsweise über eine anstehende Änderung der Mifid II, die im Frühjahr 2019 veröffentlicht wurde, der per 2018 eingeführte Zielmarktabgleich erweitert“, sagt PWC-Experte Hartmann. In diesem Zielmarktabgleich müsse zukünftig ein zusätzliches Kriterium „Nachhaltigkeit" berücksichtigt werden. Konkret bedeute dies: „Wenn ein Kunde sich nachhaltige Finanzinstrumente wünscht, darf der Berater ihm auch ausschließlich nachhaltige Finanzprodukte anbieten“, so Hartmann.

Für die Sparkassen bedeutet dies einen größeren Aufwand. „Unsere Berater müssen in einem noch größeren Umfang Auskunft geben können über die Geschäftspolitik von den jeweiligen Emittenten beziehungsweise über die Unternehmen, die in Fonds enthalten sind“, sagt die Sprecherin der Frankfurter Sparkasse – und ergänzt: „Dabei spielen bei den Gesprächen die verschiedenen Nachhaltigkeitsdefinitionen und Ausschlusskriterien eine Rolle.“

Bislang haben die Sparkassen noch fast ein Jahr Zeit, um ihre Berater auf die neuen gesetzlichen Anforderungen zu schulen. Doch die Institute stehen hier vor großen Herausforderungen – besonders in der Beratung.

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„Unsere Berater müssen in einem noch größeren Umfang Auskunft geben können über die Geschäftspolitik von den jeweiligen Emittenten beziehungsweise über die Unternehmen, die in Fonds enthalten sind“, sagt die Sprecherin der Frankfurter Sparkasse.

Was versteht der Kunde unter Nachhaltigkeit?

„Zunächst einmal ist es wichtig zu erfahren, was der Kunde selbst unter Nachhaltigkeit versteht. Viele verbinden damit ein ökologisches Bewusstsein, dabei gehören oft noch weitere wichtige Faktoren dazu“, sagt Neumann, Leiter Private Banking bei der Nospa. Dazu zählt, ob und wie Anlagegesellschaften ihre Fonds sozial ausrichten und ob sie dies in ihre Corporate Governance aufgenommen haben. „Das ist vielen Kunden nicht bewusst, unterstreicht aber ihre Entscheidung für so einen Fonds“, so der Experte.

Die Nospa orientiert sich bei den Schulungen ihrer Berater nah an der nachhaltigen Kapitalanlage. „Wir halten es für sinnvoll, unsere Mitarbeiter am Produkt entlang zu schulen, deshalb gibt es für unsere nachhaltigen Produkte spezielle Produktschulungen.“ Dabei wird das Institut von den Fondsanbietern unterstützt.

PWC-Experte Hartmann sieht hingegen bei den Instituten noch großen Nachholbedarf. „Einige Institute sind hier auf einem guten Weg und haben damit bereits 2018 begonnen, andere sollten dieses Thema spätestens jetzt oben auf ihrer Agenda haben“, meint der Fachmann. So würden viele Berater Begriffe wie Rendite, Kosten und Laufzeit von Kapitalanlagen aus dem Effeff kennen. Das gelte aber nicht bei grünen Themen: „Nachhaltigkeit ist schnell ein unvertrautes Terrain, wenn man zum Beispiel auf bestimmte technische Kriterien wie CO-Ausstoß abstellt“, sagt Hartmann.

Berater muss vom Produkt überzeugt sein

Rolf Häßler, Geschäftsführer des Instituts für Nachhaltige Kapitalanlagen (NKI), rechnet indes damit, dass Sparkassen mit grünen Kapitalanlage vor neuen Absatzchancen stehen. Wichtig sei aber, dass die Berater von den grünen Produkten überzeugt sind. „Viel wird davon abhängen, wie sicher sich die Berater bei dem Thema fühlen und welche ,Berührungsängste‘ sie bei diesem Thema haben.

Nur wenn sie hier über umfassende Informationen verfügen und diese gezielt einsetzen können, werden sie entsprechende Produkte mit Überzeugung empfehlen können – und die Anleger werden der Empfehlung folgen“, sagt Häßler.

Entscheidend sei hier die Erstansprache der Kunden: „Eine Aussage wie ,Ich muss Sie das fragen: Grundsätzlich gäbe es auch die Möglichkeit …‘ hat eine ganz andere Wirkung als ,Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, bei Ihrer Kapitalanlage auch auf Klimaschutz und andere Umweltthemen zu achten?‘“, erläutert der Experte.

Nachholbedarf bei Angeboten

Häßler sieht das Angebot für nachhaltige Produkte bei den Sparkassen noch nicht ausgereizt. „Der Sparkassensektor hat den Vorteil, dass die Deka als Wertpapierhaus der Sparkassen bereits über eine eingeführte Palette entsprechender Produkte verfügt. Auch einige Sparkassen können ihren Anlegern bereits eigene nachhaltige Anlageprodukte bieten, etwa die Haspa mit ihrem Hamburger Nachhaltigkeitsfonds“, sagt er.

Doch die Institute sollen auch überlegen, nachhaltige Spar- und Immobilienangebote zu schaffen. „Hierfür müssen sich die Sparkassen mit einem entsprechenden Angebot wappnen.“

Die grüne Welle im Finanzsektor liefert den Sparkassen aber einen weiteren Pluspunkt. Die auf das Gemeinwohl ausgerichteten Institute haben ein gutes Argument, um sich vom hart umkämpften Wettbewerb um Privatkunden abzuheben. Dazu sollten die Sparkassen aber noch mehr für Nachhaltigkeit trommeln, „welche ganz konkreten Maßnahmen sie beispielsweise im Geschäftsbetrieb, im Personalbereich sowie im Kredit- und Anlagegeschäft durchführen“, sagt Häßler.

Gregory Lipinski
– 6. Februar 2020