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| DSV-Gruppe (Deutscher Sparkassenverlag)

Payment-Vorreiter mit Augenmaß

Bargeld, Karten, Smartphones – alles nur Brückentechnologien? DSV-Geschäftsführer Michael Stollarz und Ottmar Bloching über Gegenwart und Zukunft des Bezahlens.

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Herr Stollarz, Herr Bloching, erstmals ist der Umsatzanteil von Bargeld im Handel unter den Anteil der Kartenzahlungen gesunken. Ist Bargeld ein Auslaufmodell?
Stollarz: Bargeld bleibt sicherlich, und gleichzeitig wird zunehmend mit unbaren Mitteln gezahlt werden, per Karte, per Mobile- oder per In-App-Zahlung. Voraussetzung ist, dass wir den Privat- und den Händlerkunden attraktive Angebote machen, die sie annehmen. Der Markt gibt uns vor, in welcher Form er mit Geld umgehen möchte.

 
"Neue Märkte werden heutzutage sehr schnell besetzt – und es kann auch für uns lohnend und sinnvoll sein, ganz vorn zu stehen." Michael Stollarz, Vorsitzender der Geschäftsführung der DSV-Gruppe (Deutscher Sparkassenverlag) © DSV

Bloching: Deutschland galt lange als Bargeld-Liebhaberland. Nun ist es aber gelungen, das bargeldlose Bezahlen aus Sicht des Kunden so einfach zu machen, dass es gerade im vergangenen Jahr sehr stark zugelegt hat. Die Sparkassen-Finanzgruppe hat dazu mit der laufenden Vollausstattung der Sparkassen- Girocards und Sparkassen-Kreditkarten mit Kontaktlos-Funktion sowie der App „Mobiles Bezahlen“ einen maßgeblichen Beitrag geleistet. Der Trend dürfte sich verstärken, zumal mit jeder Kartentransaktion, die dazukommt, die Kosten pro Bargeldtransaktion steigen. Bargeld ist aber kein Auslaufmodell, unsere Mentalität in Deutschland ist weiterhin auch bargeldbezogen.

 
"Knapp 30 Prozent aller Girocard-Transaktionen der Sparkassenkunden sind inzwischen kontaktlos." Ottmar Bloching, Mitglied der Geschäftsführung der DSV-Gruppe und Vorsitzender der Geschäftsführung der S-Payment. © DSV

Die jüngsten Innovationen gehen auch weg von der Karte. Wie lange wird der Kunde diese denn noch nutzen?
Bloching: Diese Diskussion führen wir mit vielen Vorständen. Wir sagen: Es gibt noch eine ganze Zeit lang Karten. Dass Kredit- und Debitkarten weiterhin sehr gerne genutzt werden, zeigt sich schon an der Popularität des kontaktlosen Zahlens per Karte. So sind knapp 30 Prozent aller Giro­card-Transaktionen der Sparkassenkunden inzwischen kontaktlos. Wir hatten allein im Mai 53,3 Millionen Transaktionen, das hat uns selbst überrascht.

Stollarz: Und die Karte ist ja längst auch auf dem Handy verfügbar, die An­droid-App „Mobiles Bezahlen“, in der unsere Kunden die Sparkassen-Girocard oder die -Mastercard digitalisieren können, wurde inzwischen rund 600 000 Mal aus Google Play heruntergeladen. Das mobile Zahlen per Smartphone wird noch einen weiteren Schub erfahren. Zum einen, weil künftig neben der Sparkassen-Girocard und der Mastercard-Kreditkarte auch die Visa-Kreditkarte in die Sparkassen-App „Mobiles Bezahlen“ integrierbar ist. Zum anderen, weil auch andere Anbieter wie Apple in den deutschen Markt einsteigen. In diesem Fall können die Sparkassenkunden noch in diesem Jahr zunächst mit ihren Mastercard- oder Visa-Kreditkarten und später mit ihren Girocards dabei sein.

 
Motiv des Sparkassenverlags zum einjährigen Bestehen der App ,Mobiles Bezahlen'. Der DSV will weitere Smartphone-Dienste anbieten. © DSV

Bloching: Mobiles Bezahlen hat auch einen Coolness-Faktor, was uns hilft. Aber irgendwann wird die Karte wohl vom Smartphone abgelöst werden. Der Sparkassenkunde hat dieses immer bei sich, außerdem werden wir weitere Smartphone-Dienste wie eine Transaktionshistorie anbieten. Diese ermöglicht es dem Kunden, seine Ausgaben über das Smartphone so zu managen, wie er das früher über das Bargeld im Geldbeutel gemacht hat. Die Transaktionshistorie für den Kunden wollen wir Anfang 2020 in Zusammenarbeit mit der Finanz Informatik einführen.

Außerdem werden wir die Freigabe einer Zahlung direkt über das Smartphone ermöglichen – je nach Wunsch und Verfügbarkeit per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung. Die Eingabe der Geheimzahl am Kassenterminal ist dann nicht mehr erforderlich. Ein weiteres Angebot machen wir den minderjährigen Kunden ab 13 Jahren, von denen die große Mehrheit ein Smartphone besitzt. Sie können ab Ende November ebenfalls in die Welt des mobilen Bezahlens eintauchen und mit ihren digitalen Karten im Handel bezahlen.

Sind „coole“ neue Anwendungen wie das kontaktlose Zahlen Selbstläufer, für die Sie nicht viel Marketing und PR betreiben müssen?
Bloching: Nein, PR und Marketing sind und bleiben sehr wichtig. Bereits vor der Entwicklung neuer Produkte prüfen wir intensiv, was für den Kunden und Händler am einfachsten und attraktivsten ist. So haben wir uns beim kontaktlosen Zahlen erst nach ausführlichen Marktuntersuchungen auf die Schwelle von 25 Euro zur Markteinführung verständigt, ab der die Geheimzahl einzugeben ist. Werbung schalten wir auch weiterhin, aber gezielter als früher. Für das Kontaktloszahlverfahren haben wir beispielsweise Werbung an den Kassenterminals platziert. Denn der Kunde entscheidet am Point of Sale, also muss er dort informiert und motiviert werden.

 
Chipsensor für die Gesichtserkennung in Smartphones. Der Sparkassenverlag wird es Kunden künftig ermöglichen, Smartphone-Zahlungen per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung freizugeben. © dpa

Schauen wir einmal in die Glaskugel: Wie lange wird das Smartphone als Bezahlwerkzeug eine Rolle spielen, und was kommt danach?
Stollarz: Wir beschäftigen uns durchaus mit der Frage, welche Payment-Funktionalitäten ein Kunde in zwei, in fünf, in zehn Jahren erwartet. Ersetzen neue Interfaces das Smartphone? Wir beobachten aktuell Trends, etwa bei den Identifikationsverfahren, und analysieren Entwicklungen in den skandinavischen Ländern, in Frankreich sowie in Österreich. Wir werden der Sparkassen-Finanzgruppe mit einer Szenariostudie „Bezahlen 2030“ eine Vorstellung davon geben, welche Funktionalitäten zukünftig erwartet werden und welche drei oder vier Themen wir für besonders relevant halten und schwerpunktmäßig besetzen sollten.

Ist es das Ziel der Sparkassen- Finanzgruppe, beim Payment der Vorreiter zu sein?
Stollarz: Unbedingt, aber mit Augenmaß! Der Marktführer hat nicht den Anspruch, in allen Fällen der „First Mover“ zu sein. Oftmals ist es eher angemessen, erst mit einem massenmarktfähigen Produkt als „Fast Follower“ in den Markt zu gehen, wenn ein bestimmtes Verfahren sich bewährt hat. Aber andererseits werden neue Märkte heutzutage sehr schnell besetzt, und es kann auch für uns lohnend und sinnvoll sein, ganz vorn zu stehen. Dass wir dies als Sparkassen-Finanzgruppe leisten können, haben wir zuletzt beim Mobile Payment bewiesen.

In welchen Feldern könnten die Sparkassen First Mover sein?
Bloching: Überall, wo es uns gelingt, Dinge, die wir schon können, mit bestehenden Anwendungen und Angeboten sinnvoll zu verknüpfen. So ließe sich die Gesichtserkennung als App-Zugangsfunktion einsetzen. Oder nehmen Sie das Thema Händler-App. Viele Händler hätten gerne jeweils eine eigene App. Deswegen denken wir darüber nach, den Händlern die Lösungen der Sparkassen-Finanzgruppe, wie Paydirekt oder kontaktloses Bezahlen, anzubieten und diese in ihren Apps zu hinterlegen.

Hier könnten auch Stromanbieter, Taxidienste oder Tankstellenbetreiber vertreten sein – der Kunde bräuchte bei der Tankstelle nur noch die Zapfsäule auszuwählen, zu tanken und könnte dann wegfahren. Gerade auch für die Stromzapfsäulen wären solche Zahlungsfunktionen sinnvoll. Und wenn der Händlerkunde einen Mehrwert anbieten kann, wird er auch bereit sein, für solche Angebote zu zahlen.

Stollarz: Wobei man übrigens auch wieder fragen kann, ob die App tatsächlich das Vehikel der Zukunft ist. So wollen mittlerweile Anwender direkt über Dienste wie Youtube oder Instagram gehen, ohne den Umweg über eine separate App. Selbstverständlich behalten wir als DSV auch diese Entwicklung im Auge. In jedem Fall gilt: Bei allen Anwendungen werden wir immer darauf achten, den Sparkassen „schlüsselfertige“ Produkte an die Hand zu geben, die sie ihren Kunden sofort funktionsfähig anbieten können. Denn nur, wenn die Anwendungen einfach integrierbar sind, sind sie für das einzelne Institut auch lohnend.

Werden Entscheidungen über den Einsatz neuer Anwendungen in der Sparkassen-Finanzgruppe ausreichend schnell gefällt?
Stollarz: Um über Zukunftsthemen zu diskutieren und diese auch gründlich zu durchdenken, braucht es Zeit. Die nehmen wir uns ganz bewusst, denn wir erlauben uns keine Schnellschüsse oder gar, bei so wichtigen Themen wie der Sicherheit Abstriche zu machen. Dennoch ist es unser Ziel, bei der Geschwindigkeit das Niveau zu erreichen, das heute nicht mehr auf Höhe der Wettbewerber wie der Deutschen Bank oder der Commerzbank angesiedelt ist, sondern bei Google, Facebook oder Amazon.

Beim Onlinebezahlen engagieren sich die Sparkassen mit dem Zahlverfahren Paydirekt. Wie ist der Stand der Dinge?
Bloching: Paydirekt hat sich sehr beachtlich entwickelt. Marktführer wie CTS Eventim, MyToys und die Deutsche Bahn haben sich zuletzt für Paydirekt entschieden – insgesamt bereits rund 10 000 Onlineshops mit einer Branchenvielfalt, die nahezu jeden Konsumentenwunsch erfüllt. Gemessen am Umsatz hat sich die Reichweite des Händlerportfolios 2018 auf aktuell rund 15 Milliarden Euro nahezu verdreifacht. Mehr als 600 Kommunen und öffentliche Einrichtungen setzen außerdem schon auf Paydirekt. Wir sind also auf einem sehr guten Weg und wollen weiter an Fahrt aufnehmen, wozu wir natürlich auf alle unsere Institute setzen, ohne deren Engagement das nicht möglich sein wird.

Was sind die nächsten Schritte?
Bloching: Wir haben Paydirekt bereits um einige neue Funktionen erweitert, wie die gesicherte Vorbestellung, den Abokauf oder Paydirekt Express. Zudem haben wir die Registrierung vereinfacht. Jetzt kommt es darauf an, Paydirekt in die Standardprozesse der Sparkasse zu integrieren, dass es in den Onlinebanking-Vertrag eingeschlossen wird und dass die Paydirekt-Transaktionen in der Onlinebanking-Finanzübersicht sichtbar werden.

Die GIZS als Gemeinschaftsunternehmen des DSV sowie der Helaba und der LBBW zur Beteiligung der Sparkassen-Finanzgruppe an Paydirekt unterstützt alle Sparkassen mit Best-Practice-Beispielen, die nachweislich zu einer höheren Durchdringung führen. Neben den Standardprozessen konnte mit einer Störer-Kampagne nach Onlinebanking-Login die Registrierungsquote im Aktionszeitraum um das Zehnfache gesteigert werden – und im Nachgang auch die Transaktionszahlen.

Wichtig wird sein, Paydirekt mit anderen Verfahren kompatibel zu machen, beispielsweise mit Giropay. Wie können wir die jeweiligen Stärken der Systeme kombinieren? Wir würden gerne aus jedem Giropay-Händler auch einen Paydirekt-Händler machen.

Sind neue Anwendungen geplant?
Bloching: Wir sehen, dass In-App-Zahlungen derzeit ein großes Thema sind, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Mit Paydirekt OneKlick bieten wir dem Handel hierfür bereits eine sehr attraktive Funktion, die ab Herbst auch für Abo- Zahlungen verfügbar sein wird.

Damit könnten etwa Verkehrsverbünde oder Versicherer ihren Kunden die Möglichkeit bieten, ihre Beiträge online einfach und sicher zu bezahlen. Gleichzeitig schaffen wir die Grundlage für die Erschließung weiterer, wachstumsstarker Branchen wie Streamingdienste oder den Telekommunikations- und den Mobility-Bereich.

Kann die Paydirekt GmbH in ausreichendem Maße unternehmerisch agieren? In der Vergangenheit gab es die Kritik, dass Entscheidungen nur schwierig gefällt werden könnten, weil viele Parteien mitreden.
Stollarz: Hier haben wir bereits an vielen wesentlichen Punkten gearbeitet und Entscheidungswege optimiert. Die aktuelle Gewinnung neuer Händler ist der beste Beweis dafür, dass wir viel besser geworden sind. Das wird auch von anderen Paydirekt-Teilnehmern so gesehen. Hier hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Projekt funktioniert. Wir werden also stringent und zügig weitermachen.

Einige Poolbanken haben ihren Ausstieg angekündigt.
Bloching: Lediglich einige kleinere Banken haben sich dazu entschlossen, sich komplett aus Paydirekt zurückzuziehen, die anderen Poolbanken möchten ihren Kunden Paydirekt aber weiter anbieten. Wir sehen das als Gelegenheit, die Gesellschafterstruktur zu vereinfachen und Entscheidungen weiter zu beschleunigen.

Wir werden mit den anderen Gesellschaftern weiterhin gemeinsam investieren, um Paydirekt noch erfolgreicher zu machen. In der Sparkassen-Finanzgruppe gibt es ein eindeutiges Commitment, dass Paydirekt für die Institute ein wichtiger Teil des digitalen Zahlungsverkehrs und ein wesentlicher Bestandteil des Girokontos ist. Die Sparkassen-Finanzgruppe wird daher auch in Zukunft kontinuierlich in den Ausbau von digitalen Bezahllösungen investieren.

Von Anfang an erfolgreich war der Handy-zu-Handy-Überweisungsdienst Kwitt. Wie sind hier die Perspektiven?
Bloching: Wir entwickeln ein Kwitt-Angebot für Gewerbekunden, speziell für Händler, die kein Ladengeschäft haben. Wo wird so etwas gebraucht? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie in Dänemark übers Land fahren, sehen Sie diese berühmten Ladewagen, auf denen Kürbisse liegen. Da steht dann aber nicht wie in Deutschland eine Metallbox, in die der Kunde das Geld einwerfen soll. Da finden Sie einen Zettel mit der Aufschrift „Senden Sie mir bitte 20 Kronen an folgende Telefonnummer“.

 
Der Kwitt-Bote bei einem Auftritt beim SFP-Forum. Derzeit entwickelt der Verlag ein Kwitt-Angebot für Händler ohne Ladengeschäft. © SFP

Lässt sich das nicht mit dem vorhandenen Kwitt-System managen?
Bloching: Kwitt für Privatkunden funktioniert, wenn die Person, an die Sie Geld versenden, in Ihrem Telefonverzeichnis steht. Den Bauern, der die Kürbisse verkauft, werden sie da nicht finden. Also müssen wir eine Lösung schaffen, die das Person-to-Person-Modell zu einem Person-to-Business-Modell weiterentwickelt.

Kommen wir zu einem größeren Umbauprojekt in der DSV-Gruppe. Der DSV hatte die auf Händlerlösungen spezialisierten Paymenttöchter B+S und Payone bereits 2017 zur BS Payone zusammengeführt und diese 2018 in ein Joint Venture mit der französischen Ingenico eingebracht. An der neuen „Payone GmbH“ halten Ingenico 52 und der DSV 48 Prozent. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit einem Partner, der über eine Mehrheit verfügt?
Bloching: Zunächst: Es war definitiv sinnvoll, die B+S und die Payone zusammenzubringen, weil sich diese Firmen optimal zu einem Omnikanalanbieter ergänzten. B+S war vor allem auf stationäre Händler spezialisiert, Payone auf E-Commerce. Die Kunden sind aber zunehmend in beiden Welten tätig. Dass der Schritt richtig war, zeigt sich daran, dass wir in der neuen Konstellation schon viele Händler dazugewonnen haben, wie etwa notebooksbilliger.de.

Stollarz: Und dass wir den zweiten Schritt gemacht haben, ist ebenfalls klar: An der weiteren Konsolidierung und der Nutzung von Skalenvorteilen führt kein Weg vorbei, wenn man im europäischen Markt mitspielen will – und Payment ist definitiv ein europäischer Markt. Hier sind große Player unterwegs, gegen die man sich nur mit einer gewissen Größe behaupten kann. Auf die international tätige Ingenico waren wir nach einem intensiven Analyseprozess gekommen, in dem potenzielle Kandidaten zu Workshops eingeladen worden waren.

Im Hinblick auf Zielsetzung, Strategie und Verlässlichkeit ticken die Entscheider und Mitarbeiter bei Ingenico wie wir. Als der deutlich größere Partner erhielt Ingenico fairerweise die Mehrheit. Das war für uns aber nicht entscheidend, sondern vielmehr, dass die Sparkassen mit der neuen Konstellation deutlich mehr Geschäft erzielen können.