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S-Mittelstands-Fitnessindex
Unerwartete Krise trifft vorbereitete Unternehmen
Der schwerste Wirtschaftseinbruch der vergangenen 75 Jahre werde im deutschen Mittelstand voraussichtlich zu einem durchschnittlichen Umsatzrückgang von 5,7 Prozent führen. Das erläuterte DSGV-Präsident Helmut Schleweis in Berlin und zeigte sich für die Zukunft „vorsichtig optimistisch“.

„Die Coronapandemie hat den deutschen Mittelstand mit voller Wucht aber je nach Branche mit unterschiedlicher Intensität getroffen“, erläuterte Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) bei der Vorstellung des sechsten S-Mittelstands-Fitnessindex in der Presse-Videokonferenz.

Während Gastgewerbe, Tourismus- und Automobilindustrie oder das Messe- und Eventgeschäft mit teils erheblichen Umsatzeinbußen konfrontiert wurden, blieben Bau, Gesundheit oder Sozialwesen auch in diesem Jahr auf Wachstumskurs.

 

„Hohe Eigenkapitalquoten federten die Gewinneinbrüche bei vielen Unternehmen ab.“

 

Hohe Eigenkapitalquoten federten die Gewinneinbrüche bei vielen Unternehmen ab – inzwischen habe die wirtschaftliche Erholung in zahlreichen Branchen bereits eingesetzt, so Schleweis.

 

Stellt den sechsten Mittelstands-Fitnessindex der Sparkassen vor: Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.

 

Größte deutsche Bilanzdatensammlung

Für den S-Mittelstands-Fitnessindex wertet der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) jährlich 300.000 Firmenkundenbilanzen mit einem Jahresumsatz bis 250 Millionen Euro aus. Das ist die größte Bilanzdatensammlung in Deutschland. Der Index wird flankiert von einer Umfrage unter Firmenkundenberatern in Sparkassen, die im Juni und Juli 2020 durchgeführt wurde.

 

„Es ist die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.“

 

„Es ist die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Über alle Branchen hinweg erwarten wir für dieses Jahr einen durchschnittlichen Umsatzrückgang von 5,7 Prozent“, sagte Schleweis.

 

Solch einen Einbruch wie 2020 gab es selten: Durchschnittliche Fitness 2004 bis 2014 = 100 / Unternehmen bis 250 Millionen Euro Umsatz / *Prognose für 2020 bis 2022 / Quelle: DSGV-Branchendienst

 

Insbesondere kleine Unternehmen und die sogenannten Soloselbstständigen verfügten oft über keine ausreichenden Reserven, um eine solche Krise über Monate hinweg alleine durchzustehen. Hier seien die staatlichen Hilfsprogramme besonders hilfreich.

Insgesamt seien die Gewinne im Mittelstand mit einem Minus von 44 Prozent deutlich stärker eingebrochen als die Umsätze. Dennoch blieben die Unternehmen im Durchschnitt rentabel und könnten 2020 eine Umsatzrendite von 3,5 Prozent erwirtschaften, so der DSGV-Präsident.

Schleweis: Gewinnthesaurierung kommt Unternehmen jetzt zugute

Schleweis: „Die Krise traf den Mittelstand zwar unerwartet, aber nicht unvorbereitet. Viele Unternehmen haben in den vergangenen guten Jahren vorbildlich gewirtschaftet, Gewinne wurden überwiegend im Unternehmen gelassen.“

Das komme den Betrieben nun zugute. Mit einer Eigenkapitalquote von 39 Prozent sei der Mittelstand ausreichend kapitalisiert, um Verlusten begegnen zu können. „Die hohe finanzielle Stabilität ermöglicht vielen Unternehmen, temporäre Verluste aus eigener Kraft über ihr Eigenkapital zu kompensieren.“

 

„Wir müssen alles daransetzen, damit aus den positiven Signalen der vergangenen Wochen ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung wird.“

 

Der DSGV-Präsident rechnet deswegen zurzeit auch nicht mit einer großen Welle an Unternehmensinsolvenzen. „Ich bin vorsichtig optimistisch. Wir müssen alles daransetzen, damit aus den positiven Signalen der vergangenen Wochen ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung wird.“

Sparkassen vergeben Neukredite in Höhe von 54 Milliarden Euro

Die Sparkassen bleiben eng an der Seite ihrer Unternehmenskunden. Gemäß dem Motto „Erste Hilfe ist die wichtigste Hilfe“ hätten die 376 Sparkassen seit Beginn der Coronapandemie alles Machbare zur Unterstützung des Mittelstandes unternommen.

So wurden allein im ersten Halbjahr dieses Jahres rund 54 Milliarden Euro an neuen Krediten an Unternehmen und Selbstständige zur Verfügung gestellt. Dies entspreche, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum, einem Plus von knapp 23 Prozent, so der DSGV-Präsident.

Einer aktuellen Umfrage zufolge rechnen drei Viertel der Firmenkundenberater der Sparkassen damit, dass in den kommenden sechs Monaten weniger als zwei Prozent ihrer mittelständischen Firmenkunden Insolvenz anmelden müssen – und dies unabhängig von der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht.

„Dies ist ein ermutigendes Ergebnis, auch wenn es deutlich macht, dass nicht alle Unternehmen die Krise überstehen werden“, sagt Schleweis.

 

Die Kreditvergabe der Sparkassen ist im laufenden Jahr dramatisch angewachsen.

 

Positiv bewertete der DSGV-Präsident auch, dass 86 Prozent der Firmenkundenberater der Sparkassen angaben, dass ihre Kunden an langfristigen Investitionsvorhaben festhalten wollen, wenn auch mit einer kurzfristigen Unterbrechung.

Von einer unveränderten Investitionsbereitschaft im Mittelstand berichten elf Prozent der Firmenkundenberater, lediglich drei Prozent gehen davon aus, dass ihre Kunden geplante Investitionsvorhaben aufgegeben hätten.

 

„Die Ergebnisse zeigen, dass man die Flexibilität des Mittelstands nicht unterschätzen darf.“

 

Ein entscheidender Faktor im Umgang mit der Krise sei, so Schleweis, die Fähigkeit der Unternehmen, sich an Veränderungen anzupassen. „Die Ergebnisse zeigen, dass man die Flexibilität des Mittelstands nicht unterschätzen darf“, so Schleweis.

Viele Unternehmen beweisen Anpassungsfähigkeit

83 Prozent der Sparkassenberater berichteten von einer hohen Anpassungsbereitschaft. So hätten zum Beispiel Bekleidungshersteller auf die Herstellung medizinischer Schutzausrüstung umgerüstet oder stationäre Händler sich digitale Absatzwege erschlossen.

Lediglich 14 Prozent der Sparkassen-Berater hätten demnach mitgeteilt, dass ihre Firmenkunden die jeweiligen Geschäftsmodelle nicht verändert hätten.

Die Umfrage belegt zudem die unterschiedliche Betroffenheit der einzelnen Branchen von der Coronapandemie. So erwarte die Mehrheit der Firmenkundenberater der Sparkassen für das Gastgewerbe, Teile des Einzelhandels und insbesondere die Reisebranche keine schnelle Erholung von den derzeitigen Schwierigkeiten.

 

„Die Sparkassen werden auch weiter eng an der Seite ihrer Kunden stehen und sie durch die Krise begleiten.“

 

In den Industriebranchen wie zum Beispiel dem Maschinenbau dominierten mit 64 Prozent zwar die positiven Erwartungen, gut ein Drittel rechne aber mit längerfristigen Schwierigkeiten.

Eine unverändert positive Entwicklung oder eine schnelle Erholung werde in den Bereichen Bau, Immobilien, Dienstleistungen, Landwirtschaft und Logistik erwartet: „Die Sparkassen werden auch weiter eng an der Seite ihrer Kunden stehen und sie durch die Krise begleiten. Auch wenn es in den ersten Monaten dieses Jahres mit der Wirtschaft steil bergab gegangen ist, hat der Mittelstand die Kraft zur Genesung – sie hat in manchen Teilen bereits eingesetzt“, so Schleweis.

15. September 2020