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| Projektmodell

Sparkasse ermöglicht Gründern Crowdfinanzierung

Mit Option Munich Crowd haben die Stadtsparkasse München und Landeshauptstadt ein Programm entwickelt, das Crowdfunding mit Kreditfinanzierung verknüpft und Vorbild für andere Städte und Institute ist.

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Als langjähriger Teamleiter eines Automotive-Zulieferers weiß Dejan Jesic, wie knifflige Konstruktionsprobleme gelöst werden. „Auf meinem Arbeitsplatz bin Ich in ständigem Kontakt mit meinen Mitarbeitern und löse häufig als ,Feuerwehrmann‘ schwierige Situationen“, sagt der langjährige Fahrzeugmacher.

Auch in seiner Freizeit beschäftigt sich Jesic gerne als Tüftler. Wiederholt hatte er bei Besuchen in oberbayerischen Biergärten beobachtet, dass viele Gäste sich mit vollen Maßkrügen schwertun. „Einen vollen Krug regelmäßig zum Mund führen, erfordert viel Kraft und kann Schmerzen in den Händen verursachen“, stellte Jesic fest.

 
Die Crowd-Finanzierung kann aus vielen kleinen Geldgebern ein großes Investment werden lassen. © dpa

In rund einem halben Jahr entwickelte der Konstrukteur einen Maßkrugadapter, den der Biergartenbesucher unter den Henkel klemmt und der das Heben erheblich erleichtert. Anschließend wollte er die Innovation mit dem Markennamen „Hobdee“ in großen Stückzahlen produzieren und vermarkten.

„Ich hatte einen Finanzierungsbedarf von 60.000 bis 70.000 Euro errechnet und benötige hierfür Geldgeber“, blickt Jesic zurück. Rund 30 Prozent akquirierte er mit Crowdfunding, die übrigen Gelder steuerte die Stadtsparkasse München (SSKM) mit einem Kredit bei.

Crowdfunding-Kampagne im Fokus

Möglich machte dies das neue Programm Option Munich Crowd, das SKKM und die Landeshauptstadt München Ende Februar 2019 aufgelegt haben. Die Teilnehmer erhalten von der Stadt bis zu 3000 Euro für den Start einer Crowdfunding-Kampagne. Wenn sie erfolgreich Geldgeber akquirieren, bietet die SSKM eine Anschlussfinanzierung an.

Für das Institut ist dieses Programm der Einstieg in ein neues Finanzierungsprodukt für junge Unternehmen. „Wir wollen Münchner Start-ups noch enger ans Haus binden“, sagt Nikola Nikolic, bei der SSKM für die Betreuung von Start-ups verantwortlich. Mit Option Munich Crowd gibt es ein Produkt für Gründer, deren Geschäftskonzepte auch für erfahrene Existenzgründungsberater schwer einschätzbar sind und die deshalb einen „Proof of Concept“ (Nikolic) notwendig machen.

Genau diesen liefert die Crowdfunding-Kampagne. Auf Plattformen wie Kickstarter, Startnext oder Steady stellen Gründer ihre Projekte vor und nennen eine Geldsumme, welche sie innerhalb einer festen Frist benötigen. Mancher nennte zusätzlich zum Funding-Ziel auch noch eine Funding-Schwelle: Wenn diese erreicht ist, kann er die ersten Investitionen starten.

Meist werden nur wenige Tausend Euro benötigt

Rund ein halbes Dutzend nationale und internationale Portale gibt es, mit „99 Funken“ haben auch 15 überwiegend ostdeutsche Sparkassen eine Plattform initiiert, welche bislang vor allem von Sport-, Musik- und anderen Vereinen genutzt wird. Die meisten werben für die Finanzierung von Sportkleidungen, CD-Aufnahmen, Musikinstrumenten und Sportgeräten.

 
Die Stadtsparkasse München will auch den Firmenkunden innovative Optionen bieten. Mit Crowd- Finanzierungen finden die Unternehmer eine solche Lösung nun im Angebot des Instituts. © dpa

In der Regel werden lediglich einige Tausend Euro benötigt, welche nicht Mitgliedsbeiträgen und anderen Vereinseinnahmen entnommen werden können. Für manche Sparkasse ist „99 Funken“ der Einstieg in weitergehende Crowd-Finanzierungen. „Wir verfolgen das Ziel, auch Unternehmensgründungen per Crowdfunding zu finanzieren, sehr ernsthaft“, sagt Ludwig Zitzmann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oberpfalz Nord.

Mit Option Munich Crowd gibt es eine Blaupause für solche Produkte. Die Kreditvergabe steht und fällt mit dem Erfolg der Crowdfunding-Kampagne. Mit ihr kann ein Gründer zeigen, dass private oder geschäftliche Investoren an sein Geschäftskonzept glauben und sein Produkt oder seine Dienstleistung eine realistische Chance im Markt hat.

„Mit dem Programm wird der Nachweis geführt, dass ein Projekt Zielgruppen tatsächlich erreichen oder gar begeistern kann“, sagt Nikolic. Und der Gründer werde bereits vor dem Start seines Unternehmens „ins kalte Wasser geworfen“. Er sieht, was ihn in seinem künftigen Berufsalltag erwartet, und kann bereits bei den Vorbereitungen zeigen, welche Akquisitionstalente in ihm stecken.

Persönliche Präsentation ist wichtig

Gute Netzwerke sind für erfolgreiches Crowdfunding sicher eine wichtige Voraussetzung. Ansonsten herrscht an Tipps, wie Gründer eine professionelle Kampagne initiieren, kein Mangel. Vor dem Start sollten diese bereits Freunde und Verwandte um Unterstützung bitten. Während der Kampagne ist Präsenz in Medien und Social Media Pflicht. Ansonsten hängt viel von der Präsentation selbst ab.

Mit professionellen Videoproduktionen können Gründer auch erklärungsbedürftige Geschäftskonzepte in wenigen Minuten anschaulich machen. Am besten sollte der Gründer sein Projekt persönlich präsentieren. Wenn potenzielle Interessenten das Gesicht hinter dem Projekt sehen, fassen sie erfahrungsgemäß schneller Vertrauen und investieren.

Außer Hobdee hat die SSKM eine Hand voll weiterer Geschäftskonzepte mit Option Crowd Munich finanziert. So sicherte sie die Gründung von Ohne GmbH, einem verpackungsfreien Bio-Lebensmittelmarkt im Stadtteil Schwabing. Die „Ohne“-Gründer sammelten auf Startnext in nur drei Monaten 50.000 Euro von 1000 Unterstützern ein und konnten mit diesem Betrag die Shop-Infrastruktur, die ersten Monatsmieten und Lebensmittel für den Verkauf finanzieren.

Mittlerweile gibt es einen zweiten „Zero Waste“-Markt in der weißblauen Metropole. Andere Crowd-Kampagnen ziehen sich über ein halbes Jahr hin und können erst nach Fristverlängerungen erfolgreich abgeschlossen werden. Viele Gründer müssen zähe Überzeugungsarbeit leisten und zahlreiche persönliche Gespräche führen, bis Investoren Geld herausrücken. „Wir haben uns auf lange Wartezeiten eingerichtet“, sagt Nikolic.

Funding-Mittel reichen nicht aus

Wenn eine Kampagne abgeschlossen ist, setzen sich die SSKM-Experten mit den Gründern zusammen und entscheiden über das weitere Vorgehen. Im Fokus steht die Frage, wie die Kampagne im Markt aufgenommen worden ist und ob der Gründer seine selbst gesteckten Ziele erreicht hat. „Wir nehmen uns hierfür bis zu vier Wochen Zeit“, sagt Nikolic.

Für eine Anschlussfinanzierung muss die avisierte Schwelle in jedem Fall überschritten sein. „Das per Crowdfunding eingesammelte Geld reicht in der Regel für die Finanzierung des Vorhabens nicht aus“, betont Nikolic die Schlüsselrolle der SSKM. Rund 20 bis 30 Prozent der insgesamt benötigten Summe sollten die Gründer zusammenbekommen, bevor sie bei der Sparkasse wegen eines Kredits vorsprechen. Das entspricht in etwa dem Volumen, das sie für eine Gründung aus Eigenmitteln beisteuern müssen.

 
Die Stadtsparkasse München (im Bild die Filiale in der Graubündenerstraße) gehört zu den Vorreitern bei innovativen Lösungen – doch auch die Filialen sind im Stadtbild präsent.. © sskm

Ansonsten herrschen in Deutschland offenkundig andere Bedingungen als in Amerika, wo Geldgeber viel bereitwilliger eigene Mittel in vielversprechende Geschäftskonzepte stecken. Manches Unternehmen konnte seinen Marktstart ausschließlich mit Crowdfunding finanzieren. Hier hingegen steckt Crowdfunding laut Nikolic noch „in den Kinderschuhen“.

Die weitaus meisten Geschäftskonzepte, die mit dieser Finanzierungsform initiiert wurden, haben ein soziales beziehungsweise ökologisches Anliegen, wie dies bei Ohne GmbH der Fall ist. „Crowd-Finanzierung wird offenbar als Variante der Spendenfinanzierung empfunden“, stellt Nikolic fest. Ansonsten stoßen Produkte, die sich durch eine Verankerung in der Region auszeichnen oder besonders viele Liebhaber finden, auf Resonanz.

Auch Brauereien an Crowdfunding interessiert

Ein Beispiel ist die Münchner Brauerei Giesinger. Wiederholt hat das 2006 gegründete Unternehmen, das mittlerweile ein Dutzend Biersorten produziert, Produktanlagen und Produktentwicklungen mit Crowdfunding finanziert. Gegenwärtig sammelt die Brauerei rund 800.000 Euro für einen Brunnen ein, der im Münchner Norden gebohrt wird.

Weil sie bereits eine feste Fanbase hat, sind die Aussichten für einen weiteren Erfolg gut. An Bierliebhaber wendet sich auch Jesic mit Hobdee. Wie viele Jungunternehmer startete auch der ausbildete Konstrukteur mit wenig Know-how in Marketing und Vertrieb und musste sich in diese Bereiche erst über mehrere Monate hinweg einarbeiten. Weil das patentierte Produkt von einem südosteuropäischen Spritzgussunternehmen hergestellt wird, konnte er die Produktionskosten vergleichsweise niedrig halten.

Online-Händler verkaufen den Adapter zum Einzelpreis von 7,95 Euro. Wesentlich schwerer fällt der Absatz im stationären Handel. Der Plan, während der Wiesn 2019 Kunden in großer Zahl für das Produkt zu begeistern, schlug fehl. Als Werbeartikel findet Hobdee jedoch Resonanz. So vertreiben unter anderem der Versicherungskonzern Ergo und der Automotive-Zulieferer Magna Adapter mit ihrem Logo.

Andere Unternehmen zögern mit Aufträgen, weil sie nicht mit alkoholischen Getränken in Verbindung gebracht werden wollen. „Hobdee ist auch für Verbraucher geeignet, die ausschließlich Schorle aus dem Maßkrug trinken“, versucht Jesic eine Neupositionierung.