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SV Sparkassenversicherung
„Ich sehe ein Potenzial bis zu 25 Milliarden Euro“
Andreas Jahn, Vorstandsvorsitzender der SV Sparkassen Versicherung, über Wachstum in Coronazeiten, herausfordernde Pensionsrückstellungen und Passivüberhänge bei den Sparkassen.

Herr Dr. Jahn, Sie haben vorige Woche die Ergebnisse der SV vorgestellt und sich dabei ziemlich zufrieden gezeigt.
Andreas Jahn: Dieser Eindruck ist richtig, wir sind mit unseren Ergebnissen sehr zufrieden. Es war eine gute Gemeinschaftsleistung von uns und den Sparkassen. Da zeigt sich erneut, dass wir im Verbund eine Menge zu bieten haben und gemeinsam stark sind, wenn wir eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Die Voraussetzungen waren im vergangenen Jahr allerdings etwas schwieriger.
Natürlich, in ganz Deutschland war das Leben 2020 ein völlig anderes als sonst. Das lässt sich aus den Zahlen so nicht erkennen. Äußerlich sehen die Geschäftszahlen gut, aber eher unauffällig aus. Man sieht nicht, welche Themen und auch Anstrengungen diesmal dahinterstecken.

Wie hat sich die Pandemie auf Ihr Geschäft ausgewirkt?
Wir haben als SV sehr früh aktives Krisenmanagement betrieben. Da habe ich auch persönlich schon eine besondere Verantwortung gespürt. Wir haben 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Innen- und Außendienst, deren Gesundheit es zu schützen galt – und gleichzeitig mussten wir dafür sorgen, dass der Laden weiterhin läuft, dass der Betrieb funktioniert, auch wenn 80 bis 90 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten.

Und dann war die Frage, wie wir unsere Kunden und Vertriebspartner, vor allem auch unsere Sparkassen, unterstützen können. Es gab ja teilweise Filialschließungen und in jedem Fall eingeschränkte Kundenkontakte. Auch in dieser Situation musste der Bedarf unserer Kunden nach Beratung abgedeckt werden. Das hat nach unserer Einschätzung sehr gut funktioniert, gerade auch im Zusammenspiel mit den Sparkassen.

 

Andreas Jahn, Vorsitzender des Vorstandes der Sparkassen Versicherung.


Aber diese Kontaktbeschränkungen müssten sich schon in den Zahlen niedergeschlagen haben, oder?
Wenn wir nur auf unsere Zahlen schauen, scheint es Corona nicht gegeben zu haben. In der SV Gebäudeversicherung haben wir ein Beitragswachstum von 3,7 Prozent – das liegt deutlich über dem Marktwachstum von 2,3 Prozent. Leichte Rückgänge im Neugeschäft bei unseren Sparkassen und im eigenen Außendienst konnten durch das Maklergeschäft mit Firmenkunden aufgefangen werden, sodass wir tatsächlich sogar das beste Neugeschäft unserer Unternehmensgeschichte hatten – und das im Coronajahr! Darauf sind wir durchaus stolz.

Wenn man bedenkt, was für ein Jahr da hinter uns liegt, können wir sehr zufrieden sein – unser Teamwork mit den Sparkassen hat sehr gut funktioniert. Einige Sparkassen haben sogar deutliche Zuwächse erzielt. Immer mehr Sparkassen erkennen, dass das Kompositgeschäft und der Aufbau von Beständen sehr attraktiv ist und noch erhebliche Potenziale bietet.

Wie erklären Sie dieses Wachstum bei eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten?
Ich bin fest davon überzeugt, dass sich unser regionales Geschäftsmodell, verbunden mit einem Multikanalansatz, gerade im Coronajahr als das überlegene Modell am Markt bestätigt hat. Wir sind mit den Sparkassen und unseren Geschäftsstellen und Agenturen in der Fläche, bei den Kunden in den Regionen. Unsere Überzeugung ist, dass diese Präsenz ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist.

Sie ist die Grundlage für Vertrauen, und auf dieser Grundlage kann Kundenkontakt auch funktionieren, ohne dass man sich persönlich gegenübersitzt – per Telefon, per Mail, per Messenger, per Video. Wir bringen digitale Kontakte nach vorne, aber immer auf der Basis unseres regionalen Geschäftsmodells. Und das hat sehr gut funktioniert, gerade auch im Zusammenspiel zwischen der SV und den Sparkassen.

Wie sah das Neugeschäft bei der Lebensversicherung aus?
Auch hier hatten wir ein gutes Jahr. Bei uns spielt in der Lebensversicherung der Sparkassenvertrieb eine deutlich größere Rolle als der Agenturvertrieb – über die Sparkassen generieren wir 80 bis 85 Prozent unseres Neugeschäfts. Wir hatten 2020 mit 2,9 Milliarden Euro im langjährigen Vergleich einen sehr guten Wert. Im Vorjahr waren es 3,1 Milliarden, aber 2019 war ein Ausnahmejahr mit einem Wachstum von rund 17 Prozent. Das lag an einem massiven Anstieg der von Jahr zu Jahr stark schwankenden Einmalbeiträge, die 2020 wieder auf ein normales Niveau zurückgegangen sind. Unser Neugeschäft war 2020 trotz Corona besser als in den Jahren 2018 und 2017.

Trotz mancher Unkenrufe zum Thema Lebensversicherung…
Das Ergebnis zeigt, dass die Lebensversicherung für die Kunden unverzichtbar ist. Es gibt keine Alternative zur lebenslangen Rente. Davon bin ich überzeugt. Allerdings hat sich die Lebensversicherung verändert, vom Anlageprodukt zur echten Altersvorsorge. Produkte mit geringeren Garantien, dafür aber höheren Renditechancen gewinnen an Bedeutung.

Wir haben bereits 2018 unser fondsgebundenes Produkt komplett überarbeitet und im letzten Jahr gemeinsam mit der Deka ein neues Produkt „Generationenplan“ entwickelt und eingeführt. Das läuft sehr gut – wir haben unser fondsgebundenes Geschäft im Jahr 2020 verdoppelt. Das zeigt einmal mehr die Stärke des Verbunds in der Sparkassen-Finanzgruppe.

Und Sie haben die SV Pensionsfonds AG gegründet. Ich glaube, ein Unternehmen mit ähnlichem Namen gibt es bereits in der Gruppe…
Ja, es gibt einen Sparkassen-Pensionsfonds in der Gruppe. Unser SV Pensionsfonds ist aber keine Konkurrenz, sondern anders ausgerichtet. Wir bieten ein Angebot speziell für die Auslagerung der Direktzusagen für Unternehmen und Kunden der Sparkassen-Finanzgruppe. Wir haben uns entschieden, dafür eine eigene Lösung zu entwickeln, denn es besteht hier sehr großes Potenzial in der Sparkassen-Finanzgruppe.

Viele Sparkassen und auch Verbundunternehmen haben hohe Pensionsrückstellungen in ihren Bilanzen, die Kunden der Sparkassen ebenfalls – und wir als SV übrigens auch. Beim derzeitigen Zinsniveau ist das überaus herausfordernd. Wir sind überzeugt, dass das Thema Auslagerung von Pensionsrückstellungen erheblich an Bedeutung gewinnen wird. Ich behaupte, dass es allein bei den Unternehmen der Sparkassen-Finanzgruppe ein Volumen von 20 bis 25 Milliarden Euro gibt, das ausgelagert werden könnte.

Warum soll man dieses Geschäft Drittunternehmen außerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe überlassen? Und deshalb haben wir in Rekordzeit eine Lösung geschaffen. Die erste Auslagerung haben wir selbst vorgenommen – ein Volumen von 56 Millionen Euro unserer IT-Tochter. Auf der Assetseite sind wir hier gemeinsam mit der LBBW unterwegs. Auch hier also ein Partnermodell, in dem wir die Kompetenzen der Gruppe intelligent bündeln.

Wie sieht das Modell aus?
Wir haben das modular aus drei Bausteinen aufgestellt: Erstens haben wir den Pensionsfonds an sich. Zweitens gibt es den Baustein Asset Management – wenn jemand hier eigene Kompetenz hat, kann er selbst mitgestalten. Und drittens haben wir die Personalverwaltung. Dieser modulare Ansatz ist ein dickes Plus, ich denke, damit treffen wir einen Nerv bei den Unternehmen der Sparkassen-Finanzgruppe und darüber hinaus. Wir bemerken bereits ein großes Interesse in der Gruppe und sind auch schon in konkreten Gesprächen mit mehreren Unternehmen.

Herausfordernd ist für viele Sparkassen derzeit auch, wie sie mit dem starken Wachstum bei den Kundeneinlagen umgehen.
Tatsächlich sind wir Versicherer aktuell im Gespräch mit dem DSGV über eine gemeinsame Initiative zum Abbau der Passivüberhänge von Sparkassen. Wir Versicherer haben attraktive Einmalbeitrags-Produkte – bei uns in der SV sehen wir insbesondere unsere beiden fondsgebundenen Produkte Vermögenspolice Invest und Generationen Plan als interessant an. Hier bringen SV und Deka gemeinsam ihre Kompetenz und Leistungsfähigkeit ein.

Die beiden Produkte sind für Kunden und für Sparkassen attraktiv, und auch die Deka und wir freuen uns über dieses Geschäft. Die Kunden zahlen in eine fondsgebundene Rentenversicherung ein und sorgen so für ihr Alter vor und die Sparkassen bauen ihren Passivüberhang ab. Diese Produkte stellen wir gerade gemeinsam mit der Deka bei den Sparkassen vor und stoßen dort auf großes Interesse. Ich wiederhole es gerne noch einmal – wenn wir im Verbund der Sparkassen-Finanzgruppe unsere Kräfte bündeln, sind wir gemeinsam stark und leistungsfähig. Erfolg ist dann die logische Konsequenz unseres Tuns.

Peter Müller
– 9. März 2021