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| Big Data / mit Interview

Was weiß die Versicherung von morgen?

Welche Chancen sich durch die Sammlung und Analyse großer Datenmengen ergeben.

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Die Sammlung und moderne Analyse großer Datenmengen (Big Data & Analytics) bieten den öffentlichen Versicherern die Chance, ihre eigenen Prozesse effizienter zu gestalten, Risiken adäquater einzuschätzen und innovative Produkte und Services zu entwickeln. Dadurch entstehen auch neue Kontaktpunkte zum Kunden.

Von digitalem Winterschlaf kann bei den öffentlichen Versicherern jedenfalls keine Rede sein. „Die Versicherungen der Sparkassen sind sehr aufgeschlossen und experimentierfreudig, was Big Data und neue Technologien anbetrifft“, sagt Harald Benzing, Hauptgeschäftsführer des Verbands öffentlicher Versicherer (VöV).

Lernende Systeme in der Korrespondenz und bei der Betrugserkennung

In der Kundenkorrespondenz und bei der Betrugserkennung im Schadenbereich setzt die Gruppe bereits selbst lernende Systeme ein. Die Union Krankenversicherung (UKV) wertet Beiträge auf öffentlichen Internetforen mithilfe von Big Data aus, um gezielter auf aktuelle Themen eingehen und zeitnah Lösungen entwickeln zu können.

Infolge des digitalen Wandels steht den Versicherungen der Sparkassen als zweitgrößte Versicherungsgruppe Deutschlands mittlerweile ein enormer Datenfundus zur Verfügung, der täglich wächst. Die Häuser nutzen diese Informationen zunehmend für Produktkalkulationen, neue Produktkonzepte, Verbesserungen in der Vertriebsunterstützung sowie zur Entwicklung neuer Kundenservices.

 
Bevölkerungswarn-App Katwarn, die hier auf den Ort eines Anschlags in München hinweist. „Big Data“ macht derlei Anwendungen möglich. © dpa

Risiken bei der Kalkulation werden besser erkennbar

Big Data & Analytics trägt wesentlich dazu bei, Risiken etwa bei der Produktkalkulation genauer einschätzen zu können. Anhand der Auswertungen gestalten die Versicherer neuartige Angebote in der privaten und betrieblichen Altersvorsorge oder eine adäquate Absicherung der Berufsunfähigkeit – vor allem im Hinblick auf das Risiko, ernsthaft zu erkranken.

Neue Services und Produkte für Altersvorsorge und Gebäudeversicherung

Auf Basis von Big Data wurden bereits eine ganze Bandbreite neuer Produkte und Services entwickelt. Dazu zählen kapitalmarktorientierte Garantieprodukte in der Altersvorsorge sowie das Hochwasser-Zonierungssystem, das der Gruppe im Bereich der Gebäudeversicherung erlaubt, nahezu allen deutschen Hauseigentümern eine passende Elementarversicherung anzubieten. Hinzu kommen das digitale Bevölkerungswarnsystem „Katwarn“ für Brände, schwere Unwetter oder unerwartete Gefahrensituationen sowie die Mehr-Wetter-App der öffentlichen Versicherer.

Der Kunde muss den Nutzen spüren

Neben technischen Innovationen steht bei der Digitalisierung der öffentlichen Versicherer der Mehrwert für die Kunden im Vordergrund. „Wir wollen dort innovativ sein, wo wir einen spürbaren Nutzen für unsere Kunden generieren können“, betont Benzing.

Zudem werden Prozesse innerhalb des Kundenservices durch die Verbindung von Big Data mit lernenden Systemen beschleunigt. In der Krankenversicherung kann bereits weit über die Hälfte aller Rechnungsbelege automatisch geprüft sowie die entsprechenden Zahlungen veranlasst werden.

Internet der Dinge rückt ins Visier

Künftig dürfte vor allem das Internet of Things (IoT) immer mehr an Bedeutung für die öffentlichen Versicherer gewinnen – etwa hinsichtlich der neuen Mobilität durch autonom fahrende Autos oder Smart-Home-Lösungen im Eigenheim. Dank einem verbesserten Einbruchschutz beim Smart Home oder Assistenzsysteme im Auto dürften die neuen Technologien auch die Sicherheit der Kunden erhöhen und damit zur Schadenverhütung beitragen.

Innovationen wie Chatbots, Blockchain sowie die vorausschauende Datenanalyse oder Predictive Analytics werden nach Einschätzung des VöV-Hauptgeschäftsführers künftig ebenfalls für Veränderungen im Versicherungsgeschäft sorgen.

Gleichzeitig sollen die Mitarbeiter auf Digitalisierungstrends vorbereitet werden. „Wir arbeiten derzeit daran, in unseren Teams gezielt Fähigkeiten aufzubauen und die Einstellung zu verankern, neue Ideen mit den technischen Möglichkeiten von heute zu verbinden. Damit wollen wir Vorteile für unsere Kunden schaffen“, erklärt Benzing.

Sparkassen sollen von besserer Beratung profitieren

Durch eine datenzentrierte Ausrichtung des Versicherungsgeschäfts können die öffentlichen Versicherer ihre Beratungsqualität erhöhen, wovon auch die Sparkassen als wichtigste Vertriebspartner profitieren dürften. Darüber hinaus wird die Datenanalyse die Individualisierung der Kundenreise oder „Customer Journey“ vorantreiben und einen maßgeschneiderten Kundenservice ermöglichen.

„Die Digitalisierung sorgt dafür, dass in der Branche immer neue Ökosysteme entstehen, die weit über den reinen Versicherungsschutz hinausreichen“, prognostiziert Benzing. Die Versicherer seien bereits weit in den Bereich Gesundheit vorgedrungen. „Der Versicherer von morgen wird insbesondere bei der Prävention und Früherkennung von Risiken, aber auch bei der Behebung von Schäden ein wichtiger Player werden, der dem Kunden einen enormen Mehrwert bieten kann.“

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„Wichtig ist, dass der Kunde die Hoheit über seine Daten behält“: Fragen an Harald Benzing, Hauptgeschäftsführer des Verbands öffentlicher Versicherer (VöV)

 
VöV-Hauptgeschäftsführer Harald Benzing erklärt, wie Insurtechs die Digitalisierung der Gruppe vorantreiben und warum vor allem jüngere Kunden dazu bereit sind, den Versicherern mehr persönliche Daten zur Verfügung zu stellen. © VöV
Herr Benzing, welche Rolle spielen Insurtechs bei der digitalen Transformation der öffentlichen Versicherer?
Harald Benzing: Start-ups haben als Impulsgeber und Kooperationspartner in der Versicherungsbranche eine große Bedeutung. Die Versicherungen der Sparkassen binden sie konsequent in ihre Geschäftsmodelle ein. So bietet unser Krankenversicherer als Gesundheitsdienstleister neue Apps für Diabetes- und Tinnitus-Patienten an, mit denen man die Therapie selbstständig unterstützen kann.

Viele öffentliche Versicherer engagieren sich bei Start-ups und den Insurtech-Hubs in Köln und München. Außerdem gründeten gerade vier öffentliche Versicherer die neue Innovations- und Digitalisierungsplattform „id-fabrik“ in Berlin. Hier sollen neue Ideen generiert und erste Prototypen geschaffen werden, die anschließend als digitale Standardlösungen bereitgestellt werden können.

Mit der Nutzung großer Datenmengen wächst die Gefahr, dass sensible Daten in die falschen Hände geraten. Was sollten Versicherer im Umgang mit Kundendaten beachten?
Benzing: Wichtig ist, dass der Kunde zu jedem Zeitpunkt die Hoheit über seine Daten behält. Nur er entscheidet, was mit seinen Daten passiert. Deshalb ist es auch wichtig, im Umgang mit Kundendaten größtmögliche Transparenz sicherzustellen. Als Versicherer erheben wir keinerlei Anspruch auf die Daten unserer Kunden. Wir setzen darauf, dass man uns die Daten freiwillig überlässt, weil man uns vertraut. Insbesondere bei Gesundheits- und personenbezogenen Daten gelten für uns deshalb höchstmögliche Anforderungen an die Datensicherheit.

Sind Kunden überhaupt bereit, Versicherungsunternehmen noch mehr persönliche Daten zur Verfügung zu stellen?
Benzing: Ich bin überzeugt davon, dass die öffentlichen Versicherer und die Sparkassen einen enormen Vertrauensbonus ihrer Kunden genießen. Unsere Kunden schätzen uns als besonders glaubwürdig ein. Zugleich sind die jüngeren Generationen durch die Nutzung von Social Media bereits mit einem „gläsernen“ Privatleben groß geworden.

In einer Umfrage unserer Krankenversicherer sahen mehr als drei Viertel der Versicherten in digitalen Anwendungen die Chance zu einer besseren medizinischen Versorgung. Es zeigte sich, dass die meisten Befragten mit der Herausgabe gesundheitsbezogener Daten wie Alter, Größe und Gewicht an Arzt oder Versicherung kein Problem haben. Jeder Dritte wäre sogar bereit, Daten zu Vorbehandlungen und Diagnosen an seinen Krankenversicherer weiterzugeben, wenn er mit einer besseren Prävention und medizinischen Versorgung rechnen kann.