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12. Januar 2018 - 07:00Innovationen

"Was sich bewährt, wird übertragen"

von Oliver Fischer

Digitale Filialausstattungen, Blockchain, Yomo: Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen nutzt intensiv digitale Angebote und Kanäle, um ihre Kunden noch besser erreichen und binden zu können. Vorstandsmitglied Frank Dierolf zu den Erfahrungen und Perspektiven.

Wenn seine Sparkasse innovative Vorhaben nicht testen würde, liefe sie Gefahr, Geld für unnütze Projekte auszugeben, erklärt Frank Dierolf, Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, zu den Innovationsfilialen des Instituts. (Sparkasse)
Herr Dierolf, Ihr Institut hat spezielle Innovationsfilialen eingerichtet. Was bietet die Kreissparkasse dort an, wie sind Ihre Erfahrungen?
Frank Dierolf: Unser Geschäftsgebiet gliedert sich in vier Regionen. In jeder finden Sie eine Innovationsfiliale. Sie dienen uns als Testlabors. Hier werden neue Vertriebsideen, Techniken und Anwendungen in der Praxis getestet. Das Ziel: Was sich hier bewährt, wird auf unsere insgesamt 70 Filialen übertragen. Ein Beispiel: In den Gesprächen mit unseren Kunden haben wir festgestellt, dass sowohl das Einrichten des Onlinebankings wie auch die Installation der Sparkassen-Apps inklusive Push-TAN-Legitimation viel zu komplex sind. Es genügt nicht, dem Kunden seine Anmeldeformulare nach Hause zu schicken. Deshalb haben wir die Innovationsfilialen mit W-Lan ausgestattet. Zusammen mit dem Kunden richten die Berater in der Filiale die Software auf dem Smartphone des Benutzers ein und – der Kunde kann das elektronische Postfach, Paydirekt und Kwitt sofort nutzen.
Wie reagieren die Kunden darauf?
Dierolf: Diese Vorgehensweise kommt bei unseren Kunden sehr gut an. In unserem Leitbild haben wir definiert, dass der Kunde oberste Priorität genießt. Die logische Konsequenz für uns war, als erste Sparkasse in Deutschland sämtliche Filialen über das FI-Netzwerk mit W-Lan auszurüsten. Die Sofortinstallation auf Smartphones der Kunden kann somit flächendeckend angewandt werden. Des Weiteren testen wir in den Innovationsfilialen die Beratung am Tablet und den Einsatz von Erklärfilmen. Wir erzeugen eine Atmosphäre, in der sich der Kunde wohlfühlt. Dazu tragen auch unsere Lounge-Bereiche bei. Das Konzept kommt so gut an, dass wir nun eine fünfte Innovationsfiliale einrichten werden. Was uns besonders freut, ist, dass nicht nur junge Menschen positiv auf das Konzept reagieren. Vor allem unsere älteren Kunden sind sehr angetan von dieser Art der Ansprache.
Die Gestaltung der Innovationsfilialen mit Lounges kommt nicht nur bei jungen Kunden gut an. (Sparkasse)
Wird sich die geplante Innovationsfiliale von den bisherigen unterscheiden?
Dierolf: Ja. Hierbei soll es sich um einen ganz neuen Filialtyp handeln. Es gibt keinen Tresen und keinen persönlichen Service mehr. Die Räumlichkeiten beinhalten ein umfassendes SB-Angebot. Die Einrichtung erinnert an eine Wohnung. Im "Wohnzimmer", und in der "Küche" wird miteinander kommuniziert. Die Kunden sollen sich bei uns wie "zu Hause" fühlen. Im Fokus haben wir dabei vorwiegend eine jüngere Zielgruppe. Die neue Innovationsfiliale bietet darüber hinaus Raum für kleinere Kundenveranstaltungen, etwa für Studenten. Unterstützt von unseren regionalen Medienpartnern können wir beispielsweise eine Diskussion zum Thema Studentenkredite ins Netz übertragen. Für die Ansprache der jungen Kunden werden wir auch Auszubildende einsetzen. Wir sind schon sehr gespannt, was sich hieraus für eine Kultur entwickelt.
Verliert die Filiale an Bedeutung, wenn Sie den Kunden zur digitalen Selbstbedienung animieren?
Dierolf: Nein. Wir müssen unterscheiden zwischen der Funktion der Filiale als Ort, an dem eine individuelle Beratung und die damit verbundene Kommunikation stattfindet, und als Servicekanal. Was den Service anbelangt, verliert die Filiale tatsächlich an Bedeutung. Die Zahl der Besucher, die Filialen aufsuchen, um Informationen einzuholen oder Serviceleistungen in Anspruch zu nehmen, ist sehr stark gesunken. Hierfür nutzen unsere Kunden verstärkt die digitalen Kanäle und das Telefon. Unser Haus zählt 30 000 App-Nutzer, 58 Prozent unserer 200 000 Privatgirokonten werden online geführt, in unserem Kunden-Service-Center gehen monatlich 20 000 Anrufe en. Unser Sprachcomputer "Telda" erledigt weitere 14 000 Anrufe pro Monat.
Als Vertriebskanal ist die Filiale weiterhin unübertroffen. (Sparkasse)
Wie läuft der Absatz über die Filiale?
Dierolf: Als Vertriebskanal ist die Filiale weiterhin unübertroffen. Tausende Geschäfte werden monatlich über die persönliche Beratung abgewickelt. Der Onlineproduktverkauf hat hier noch großes Potential. Derzeit zählen wir durchschnittlich etwa 100 Onlineproduktverkäufe im Monat. Das heißt für uns: Die Filiale bleibt weiterhin von zentraler Bedeutung.

Die Aufwände für Ihre Innovationsfilialen gelten somit weniger als Vertriebs-, sondern eher als Marketingausgaben.
Dierolf: Bei diesen Experimenten handelt es sich in der Tat um einen Marketingaufwand. Aber am Ende muss der Vertrieb angekurbelt werden. Es geht nicht um Spielerei, im Gegenteil: Wenn wir unsere Filialen mit Technik ausstatten, die wir vorher nicht getestet haben und die dann nicht funktioniert, hätten wir Geld verschwendet.
Wie offen sind Ihre Mitarbeiter für die neuen Ansätze der Filialen und der Kundenansprache?
Dierolf: In den Innovationsfilialen binden wir bewusst Mitarbeiter anderer Geschäftsstellen ein und haben Filialleiter ausgewählt, die für dieses Thema affin sind, die vor Begeisterung sprühen. Wir zeigen die damit verbundenen Chancen auf und motivieren die Kolleginnen und Kollegen, den neuen Weg mit Freude mitzugehen. Die Leiter und Mitarbeiter sollen als Multiplikatoren dienen und berichten, was funktioniert und was nicht funktioniert hat. So bringen wir die Themen in die Fläche.

Yomo soll sich rechnen

Offen für Service und Beratung: Kunden werden hier multimedial bedient. (Sparkasse)
Ganz ohne Filiale soll das Smartphone-Girokonto Yomo auskommen. Es wurde von Ihrer Kreissparkasse und neun weiteren Häusern entwickelt und steht als Testversion zur Verfügung. Wie passt dieses Produkt in Ihr Konzept?
Dierolf: Yomo richtet sich an die derzeit noch kleine Gruppe digital hochaffiner junger Leute. Diese wollen häufig gar nicht mehr in eine Filiale gehen, sondern alles mobil erledigen. Die Kunden können mit der App von zu Hause aus binnen zehn Minuten per Videolegitimation ein Girokonto eröffnen – und das ohne eine Unterschrift. Das Konto bietet Funktionen, die die jungen Leute wirklich wünschen und die im Handling Spaß machen. Um die Wünsche zu ermitteln und das Produkt weiterzuentwickeln, reden wir mit den Kunden in Austauschgruppen über ihre Erfahrungen. Die App kommt bei den Nutzern der Testversion sehr gut an.
Bleiben wir kurz bei Yomo. Das Angebot ist kostenlos. Lässt sich damit dennoch Geld verdienen?
Dierolf: Leider können wir aus kartellrechtlichen Gründen keinen Grundpreis erheben. Wir können jedoch Cross-Selling betreiben, den Yomo-Kunden Versicherungen und Kreditkarten anbieten. Ohnehin nehmen wir nicht nur eine Kontokalkulation vor, sondern betrachten auch die Kundenkalkulation. Zur Yomo-Zielgruppe gehören Kunden, die für klassische Sparkassenkonten kaum mehr zu begeistern sind: Zum einen digitalaffine, junge Leute, die sonst eventuell bei einem Konkurrenten wie N26 Kunde werden und die wir als Neukunden gewinnen wollen. Zum anderen sind es junge Kunden, die mit Anfang 20 oft die Sparkasse verlassen und zu Direktanbietern wechseln. Diese Kunden wollen wir mit Yomo an uns binden. Wenn ein Yomo-Nutzer mit uns die Baufinanzierung, die Altersvorsorge und Wertpapiergeschäfte bestreitet  – dann ist die Kundenkalkulation aufgegangen. Und die nächste Generation haben wir dann auch schon im Blick.
Yomo soll ab März von der Finanz Informatik allen Sparkassen angeboten werden. Welche Reaktionen erwarten Sie?
Dierolf: Toll wäre es, wenn möglichst viele Sparkassen mitmachen. Wenn alle dabei sind, kann jede Sparkasse die Yomo-affinen Kunden in ihrem Geschäftsgebiet bedienen. Dann gibt es auch keine Diskussionen mehr über das Regionalprinzip. Um dieses Thema zu entschärfen, wird die Werbung für Yomo vor allem über die sozialen Netzwerke laufen. Geschaltet wird in den Gebieten, in denen es aktive Yomo-Sparkassen gibt.
Wieso haben die Yomo-Gründer nicht von Anfang an die Zentraleinrichtungen der Sparkassen eingebunden?
Dierolf: Wir haben einen größeren Millionenbetrag in die Hand genommen, um das Thema mithilfe der FI-Tochter Star-Finanz möglichst schnell in der Sparkassenlandschaft zu etablieren. Es war nie das Ziel, eine separate Yomo-Gesellschaft zu gründen. Wir wollten zeitnah ein attraktives Angebot für die Sparkassenfamilie schaffen. Das ist uns gelungen. Meines Erachtens ein gutes Beispiel, wie wir – Verbände, Sparkassen und FI – künftig noch flexibler werden können.

Sprachsteuerung verändet den Kontakt zum Kunden

An großen Displays können Kunden sich nach Wunsch auch selbst bedienen und informieren. (Sparkasse)
Kommen wir zurück zur geänderten Ansprache der Kunden: Sie erwähnten einen Sprachcomputer, den Ihr Haus einsetzt. Inwieweit ändert sich die Zusammenarbeit mit dem Kunden durch den Einsatz der Sprachsteuerung?
Dierolf: Die Sprachsteuerung ist – neben der Mobilität – ein sehr starker Trend, denn Sprache ist der natürliche Weg der Kommunikation. Wenn ich etwas aufschreibe oder eintippe, ist das nur die Übersetzung. Im privaten Bereich werden mehr und mehr Geräte über Sprache gesteuert. Gerade der Automobilsektor ist hier sehr innovativ: Autos werden künftig keine Bedienknöpfe mehr benötigen, weil sich etwa die Heizung per Sprachbefehl steuern lässt.
Inwieweit ist das Sparkassengeschäft tangiert?
Dierolf: Im Sparkassengeschäft ist die Sprachsteuerung an sich nichts Neues. Unser Sprachcomputer Telda beantwortet bereits seit elf Jahren einfache Anfragen der Kunden. Diese können sogar auf Schwäbisch an ihn gerichtet werden. Künftig sind auch weitergehende Services und Transaktionen per Sprachbefehl möglich, etwa Kontostandabfragen oder Überweisungen zum Beispiel per Google Home oder Alexa. Der Kunde muss dann künftig nicht mehr aus dem Haus gehen oder Daten in die App oder den Rechner eingeben. Die Anweisung ist dann ganz einfach: "Google, überweise 100 Euro an meinen Sohn Tim!"
Läuft der Kunde in diesem Fall Gefahr, dass sein Passwort oder seine Kontodaten auf den Servern eines US-amerikanischen Konzerns gespeichert werden?
Dierolf: Selbstverständlich muss dafür gesorgt sein, dass der Datenschutz nach deutschem Recht gewährleistet ist und die Daten der deutschen Sparkassenkunden nicht auf Servern im Ausland liegen. Das ist durch die Sprachsystem-Anwendungen gewährleistet, die die Finanz Informatik den Sparkassen gemeinsam mit Google und Amazon zur Verfügung stellt beziehungsweise noch zur Verfügung stellen wird. Wir wollen jedenfalls so früh wie möglich dabei sein.
Platz für die Kundenberatung: Auch in der innovativen Welt ist viel Raum für persönliche Gespräche vorgesehen. (Sparkasse)
Viele Kreditinstitute bringen sogenannte Robo Advisors an den Start, die dem Kunden Anlageoptionen aufzeigen. Ist das ein Thema für Ihre Kreissparkasse?
Dierolf: Einige unserer Kunden zeigen Interesse, sich durch Anlageroboter bei ihren Entscheidungen unterstützen zu lassen. Deshalb müssen und wollen wir uns als Kreissparkasse mit diesem Thema beschäftigen. Wir werden keinen eigenen Roboter ins Leben rufen. Jedoch prüfen wir gemeinsam mit der Deka und der FI-Tochter Inasis, ob sich der Einsatz solcher Systeme für bestimmte Zielgruppen lohnt.
Was sagen die Berater Ihres Hauses dazu?
Dierolf: Unsere Berater werden in jedem Fall weiterhin mit dem Kunden über dessen Vermögensallokation reden. Eine menschliche Beratung wird durch den Roboter nicht ersetzt, sondern ergänzt; Das System nimmt lediglich Rahmenparameter des Kunden auf und führt dann möglicherweise passende Produkte auf.

"Künstliche Intelligenz" nicht unterschätzen

Es fehlen die Zwischentöne, es fehlt die Intelligenz.
Dierolf: Richtig. Und selbst wenn die sogenannte "Künstliche Intelligenz" zum Tragen käme, bei der die Maschine aus Erfahrungen "lernt" und eigene Schlüsse zieht, würden wohl nur wenige Menschen 60 Minuten mit einem entsprechenden System kommunizieren wollen. Hier fehlt das Vertrauen, und menschliche Berater werden hier noch lange der Maschine überlegen sein. Zumal, wenn es um sensible Themen wie Absicherung der Familie oder Altersvorsorge geht. Einfache Aktivitäten werden aber zunehmend von smarten und intelligenten Systemen übernommen werden können.
Wobei moderne Systeme schon jetzt mitunter viel über Kunden zu "wissen" scheinen.
Dierolf: Das ist richtig. Ein Beispiel: Das Unternehmen Vungle, das ich bei einer Impulsreise des SFP ins kalifornische Silicon Valley kennengelernt habe, bringt Werbung auf Apps, die von Jugendlichen genutzt werden. Verschiedene Versionen der Werbung werden ausgespielt; das System "lernt", was die beste Resonanz bringt, und entwickelt die Werbung von sich aus weiter. Die Vungle-Macher sind sich des Erfolgs so sicher, dass ihre Kunden nur für erzielte Abschlüsse bezahlen müssen – nicht aber für Klicks, wie sonst üblich.
Wäre das ein interessantes Modell für Ihre Sparkasse?
Dierolf: Interessant ist der Ansatz, dass man den Kunden nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern zielgerichtet anspricht. Bei einem solchen Kontakt muss es nicht zwangsläufig um Werbung gehen. Vielleicht können mit derlei Daten Betrugsversuche verhindert werden, z. B.  Verfügungen im Namen des Kunden. Jedoch stellt sich die Frage: Welche Kundendaten dürfen und wollen wir für welche Zwecke nutzen?

Kundendaten bieten Perspektiven

Sparkassenmanager Dierolf votiert dafür, die Kunden der Daten zu nutzen - sofern diese das wünschen und einen Vorteil davon haben. (Sparkasse)
Ihr Haus engagiert sich beim Thema "Data Analytics". Was passiert da, und wie sind die Erfahrungen?
Dierolf: Im Rahmen des DSGV-Projekts zu Data Analytics haben wir einen ersten Pilotfall gestartet. Hierbei ging es um das Vertriebspotenzial für Wertpapierprodukte. Im Rahmen einer Kampagne wurde ein A/B-Testing durchgeführt: Zum einen mit einer klassischen Kundenselektion − Einkommen, Vermögen – und zum anderen mit einer Data-Analytics-Selektion anhand von Wertpapier-Affinitäten. Die Ergebnisse waren überzeugend: 34 Prozent mehr Produktabschlüsse wurden in der Data-Analytics-Zielgruppe erzielt. Zudem ließen sich 60 Prozent bei Porto- und Mailingkosten sparen, da die Zielgruppe besser eingegrenzt werden konnte.

Sie werden das Thema also weiter verfolgen.
Dierolf: Auf jeden Fall. Wirklich interessant wird es allerdings dann, wenn der Kunde einwilligt, dass wir auf seine Zahlungsverkehrsdaten zugreifen. Dann haben wir ganz andere Möglichkeiten, dem Kunden passende Angebote zu unterbreiten. Ich hoffe, dass wir unsere Kunden davon überzeugen können.
Würden Sie mit einem Unternehmen wie Google kooperieren wollen, um von dessen Datenschatz zu profitieren?
Dierolf: Schwierige Frage. Bei der Analyse von Daten und dem sogenannten "Machine Learning" sind US-Unternehmen wie Google wegweisend. Das Image von Google als "Datenkrake" widerspricht dem Image der Kreissparkasse, das für Vertrauen und Datensicherheit steht. Im Punkt "Kundenvertrauen" dürfen wir absolut kein Risiko eingehen. Wenn der Kunde jedoch einen Nutzen erkennt und einwilligt, könnten wir sicherlich von einem Unternehmen wie Google viel lernen.
Inwieweit könnten Daten aus weiteren Quellen wie sozialen Medien genutzt werden?
Dierolf: Auch hier gilt: Wenn der Kunde einen Nutzen davon hat und dies erkennt und wir unter Wahrung des Datenschutzes verantwortlich mit den Daten umgehen, ist vieles denkbar. Die Sparkassen-Finanzgruppe verfolgte den Ansatz, dass wir vom Kunden über eine digitale Finanzplattform seine Finanzdaten erhalten. Wir können den Kunden dann auf sie zugeschnittene Angebote unterbreiten, Daten und Dokumente dauerhaft und sicher für sie speichern, Transparenz bieten und einen zusätzlichen Benefit ermöglichen, indem wir beispielsweise die Optimierung des Versicherungsschutzes oder der Stromversorgung anbieten.
Macht Ihnen der strenge Datenschutz nicht einen Strich durch die Rechnung, Stichwort EU-Datenschutzgrundverordnung?
Dierolf: Es ist sehr wichtig, die Daten der Bürger beziehungsweise unserer Kunden zu schützen. Dies sieht die Verordnung vor. Es ist aber ebenso wichtig, dass wir als Sparkassen unseren Kunden klarmachen, dass es in ihrem Interesse liegt, wenn sie der Nutzung bestimmter Daten zustimmen. Als Sparkassen sind wir in diesem Punkt äußerst gründlich. Wir halten Regeln sehr genau ein. Die Öffentlichkeit begleitet uns hier sehr kritisch, nimmt unser Engagement in Sachen Datenschutz aber auch wohlwollend zur Kenntnis. Andere Anbieter könnten eher locker mit dem Thema umgehen und darauf spekulieren, dass ihre Kunden nicht das Kleingedruckte lesen, wenn sie eine Anwendung herunterladen, sondern einfach auf "Akzeptieren" drücken. Wenn daraus resultieren sollte, dass beispielsweise US-Konzerne oder Fintechs den Markt mit persönlichen Daten, also dem Rohstoff der Zukunft, vollständig kontrollieren, wäre niemandem gedient.
Wie sollte es aus Ihrer Sicht besser laufen?
Dierolf: Wir müssen gleichzeitig motivieren und sensibilisieren. Die Kunden müssen wissen, was es bedeutet, wenn sie einem Unternehmen ihre Daten zugänglich machen oder ihm einen Kontozugang gewähren, wie dies die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 ja vorsieht. Sie müssen aber auch darüber informiert werden, wo die Nutzung ihrer Daten hilfreich für sie sein kann.
Wo könnte die Nutzung der Daten des Kunden für diesen hilfreich sein?
Dierolf: Neben den bereits genannten Beispielen kann ich auf den Identitätsdienst Yes verweisen, den die Sparkassen-Finanzgruppe einführen will. Dieser sieht vor, dass der Kunde sich bei Onlinekäufen und ähnlichem im Web mit den bei der Sparkasse vorliegenden Daten legitimieren kann. Dies hilft dem Kunden, der schnell einkaufen und nicht jedes Mal alle Daten erfassen will. Und es hilft dem Shopbetreiber, der auch oft unser Kunde ist: Er bekommt sichere Daten und keine "fiktiven" Kunden.
Der Shopbetreiber zahlt bei Yes für den Service. Entsteht hierdurch der Eindruck, die Sparkasse würde die Daten ihrer Kunden verkaufen?
Dierolf: Nein, vergleichbare Angebote gibt es schon von anderen Anbietern, und sie werden genutzt. Wir Sparkassen können und wollen solche Märkte nicht den Wettbewerbern überlassen. Wir wollen aber eine besonders sichere Alternative anbieten, indem wir dem Kunden zusichern, dass wir die Informationen darüber, was und wo er eingekauft hat, nicht weiterverwenden.

Erste Erfahrungen mit Blockchain-Technik

Um Daten und Informationen von Unternehmenskunden geht es bei der Blockchain-Technik, bei der sich Ihr Institut ebenfalls engagiert. Was sind die Erfahrungen?
Dierolf: Die Landesbank Baden-Württemberg hat kürzlich den ersten Schuldschein auf Basis der Blockchain-Technik arrangiert. Drei Sparkassen, darunter die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, waren als Investoren beteiligt. Worum geht es? Die Blockchain-Technik  erlaubt es, bei Transaktionen aller Art Verträge und Abmachungen sicher und dezentral zu verwalten, sodass jeder der Beteiligten sich zu jedem Zeitpunkt über den Status informieren kann, ohne dass Dokumente hin- und hergeschickt werden müssen. Auf diese Weise lassen sich gerade auch internationale Transaktionen, etwa im dokumentären Auslandsgeschäft, schlank und kostengünstig umsetzen. Wir wollen als Kreissparkasse für unsere Kunden an dem Thema dranbleiben.
Kommen bei derartigen Transaktionen Kryptowährungen zum Einsatz?
Dierolf: Bei der Blockchain-Technik geht es für uns allein um die Themen Verschlüsselung, Dokumentation und dezentrale Datenhaltung. Kryptowährungen basieren zwar auch auf dieser Technik, sind für uns als Kreissparkasse in diesem Zusammenhang aber derzeit nicht interessant. Wir sind übrigens auch skeptisch, wenn Kunden anfragen, ob sie ihr Geld in Bitcoins oder Ethereum investieren sollen. Wir raten von solch spekulativen Investments ab.

Betreuung im "richtigen" Leben entscheidet

Auch in der digitalen Welt zeichnen sich Sparkassen dadurch aus, dass sie ihren Kunden das Gefühl geben, sie ein Leben lang zu begleiten - auch hier auf der Couch, vor dem Fernseher, mit Leselampe und W-Lan. (Sparkasse)
Sehen Sie es trotz der zunehmenden Digitalisierung des Geschäfts noch sparkassentypische Werte, mit denen sich Ihr Institut vom Wettbewerb abheben kann?
Dierolf: Beim Thema Digitalisierung müssen wir tatsächlich exzellent und innovativ sein, wobei es nicht darauf ankommt, dass wir immer die ersten sind. Ebenso wichtig ist es, dem Kunden zu vermitteln, dass wir ihn lebenslang begleiten. Wir müssen jungen Leuten bereits früh vermitteln, dass wir für sie da sind, dass wir ihnen nur Produkte verkaufen, die zu ihnen passen, dass sie in bestimmten Lebensphasen, wie Ausbildungsbeginn, Hochzeit oder Hauskauf, mit uns reden sollten. Wir müssen früh das "Betreuungsrad" anschieben und nach jeder Beratung mit den Kunden ausmachen, wann und zu welchem Thema wir wieder miteinander reden. Die betreffenden Daten müssen gespeichert werden, damit wir auch nach einem Beraterwechsel dranbleiben. Wenn der Kunde merkt, dass er wirklich betreut wird und wir dies mit dem Vertrauen der Marke Kreissparkasse kombinieren, haben wir einen Mehrwert, den andere nicht bieten können.
Das ist die letztlich Idee des Sparkassen-Finanzkonzepts.
Dierolf: Der Ansatz besteht schon so lange wie Sparkassen existieren. Er muss aber auch umgesetzt werden. Wenn uns dies gelingt, werden wir als Kreissparkasse auch im Digitalzeitalter erfolgreich sein.
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