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| Führung

Scheitern bis zum Erfolg

Durch Fehler zum Erfolg? In den USA kennt man das schon lange. Wie Führungskräfte mit Fehlern umgehen sollten.

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Die Fehlerkultur in den USA ist eine Kultur des Scheiterns, die zum Unternehmertum dort einfach dazugehört. Wer noch nie gescheitert ist, wird nicht wirklich ernst genommen. Denn so jemand kann aus amerikanischer Sicht kein guter Unternehmer sein. Um richtig gut zu werden, gehört das Scheitern sozusagen zur Grundausbildung dazu.

Tatsächlich können Fehler positive Folgen haben. Häufig führen sie etwa zu Produktverbesserungen oder -innovationen. So wurde das Teflon als Zufallsprodukt entdeckt, während man eigentlich an einem Kältemittel forschte. Bei Bill Gates war es seine erste Firma Traf-O-Data, die ihn auf eine weit bessere Idee brachte. Mit dem Start-up wollte er mithilfe eines Mikroprozessors Daten der amerikanischen Straßenverkehrszähler auswerten. Doch die Demoversion enttäuschte, die Daten wurden schließlich durch die Bundesstaaten kostenlos bereitgestellt. Und Gates erkannte: Es kommt nicht auf die Daten an, sondern auf die Technik dahinter! Sein nächstes Unternehmen spezialisierte sich auf Software und hieß: Microsoft.

Im Rucksack des Misserfolgs steckt die erfolgreiche Zukunft

Aus dem Rucksack der Misserfolge, den jeder mit sich herumträgt, lässt sich also einiges hervorholen – das gilt besonders für Führungskräfte. Wichtig ist, zu analysieren, warum ihnen bestimmte Fehler passieren und welchen Beitrag sie selbst zum Scheitern geleistet haben. Andere Personen oder die Umstände mögen ihren Anteil daran haben, aber wichtig ist, die eigene Soll-Bruch-Stelle zu finden, an der man immer wieder scheitert. Wer also die eigenen Misserfolge nicht wegschiebt, sondern genau hinschaut, macht aus seinen Fehlern eine Art Entdeckerreise. Und entwickelt im besten Fall eine ungeahnte Kreativität.

Aber der deutsche Perfektionismus macht es schwer, mit Fehlern offen umzugehen. Selbst, wenn sie schon zwei Kilometer gegen den Wind zu riechen sind, will es niemand gewesen sein. Bayer entlässt 12.000 Angestellte? Hat überhaupt nichts mit der Monsanto-Übernahme zu tun, bei der man sich gehörig verhoben hat! Diesel-Autos wurden jahrelang manipuliert? Wer es letztlich zu verantworten hat, ist nach mehreren Jahren und Strafzahlungen in Milliardenhöhe immer noch nicht klar. Auch in der Finanzbranche gab es Anfang der Nullerjahre genügend Beispiele für Fehlverhalten, die nicht oder nur sehr zaghaft eingestanden wurden – und auch erst, als die Finanzkrise bereits in vollem Gange war.

Internet legt Verantwortlichkeiten schonungslos offen

Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Internet lässt es nicht mehr zu, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Der Kunde 4.0 ist nicht mehr der passive Konsument. Denn durch das Internet hat eine radikale Demokratisierung stattgefunden. Verbraucher und Unternehmer sind in Zukunft Partner, und Konzernchefs werden nicht mehr als „die da oben“ wahrgenomen. Fehler gelten heute oftmals als Ausdruck eines Entwicklungsprozesses, zu dem die Kunden mit ihrem Feedback etwas beitragen können – und das betrifft längst nicht mehr nur den Softwarebereich. Nicht umsonst verfügen die Commerzbank und zahlreiche Sparkassen inzwischen über Kundenbeiräte, die Mängel aufdecken und Verbesserungspotentiale aufzeigen.

Es hat also keinen Sinn mehr, sich bei Fehlern hinter der vermeintlich perfekten Fassade zu verstecken! Menschen mit Stärken und Schwächen sind sympathisch und authentisch. Und wer Fehler macht, wirkt sowohl auf die Mitarbeiter als auch nach außen hin überzeugender als jemand, der sich angeblich niemals irrt. Verantwortung ist gefragt – und sie braucht ein Gesicht, jemanden, der seinen Kopf dafür hinhält, wenn mal etwas schiefgelaufen ist. Das erwarten Mitarbeiter ebenso wie der Kunde 4.0. Das Beste aber ist: Wer nach den Ursachen forscht, statt auf andere zu zeigen, ist auch in der Lage, die Krise zu managen und einen besseren Weg zu beschreiten. So hat sich das Ganze am Ende wirklich gelohnt.

 
Benjamin Schulz © privat

So werden aus Fehlern Erfolge

  • In digitalen Zeiten müssen Unternehmer und Führungskräfte als echte Person erkennbar sein. Also zeigen Sie Gesicht und kommunizieren Sie mit den Mitarbeitern und Kunden auf Augenhöhe.
  • Auch wenn’s schwer fällt: Sie sollten sich fragen, welchen Beitrag Sie zum Scheitern geleistet haben. Durch die Selbstanalyse werden Sie an Stärke gewinnen.
  • Sehen Sie den Tatsachen ins Auge! Wer Fehler verdrängt oder falsche Ziele weiterverfolgt, macht es nur noch schlimmer.
  • Nur wenn Sie Verantwortung übernehmen, bleiben Sie glaubwürdig und gewinnen sogar noch an Größe. Wer sich dagegen wie ein Auto-Boss wegduckt, wird nicht mehr ernst genommen.
  • Verantwortung zeigen und selbst den Turnaround herbeiführen – so können Sie als Krisenmanager punkten und Fehler zum Positiven wenden. Machen Sie es wie die Amerikaner: Lernen Sie, das Scheitern zu lieben und ganz bewusst davon zu profitieren.
Benjamin Schulz ist Sparringspartner und Troubleshooter für strategische Fragen für einflussreiche Persönlichkeiten und Companies. Der Identitäts- und Marketing-Experte und Geschäftsführer von Ben Schulz & Consultants sowie der Agentur werdewelt begleitet seit vielen Jahren Firmen, Institute und Persönlichkeiten im gesamten deutschsprachigen Raum zu den Themen Strategie, Positionierung, Identität und Marketing. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie »Goodbye McK… & Co.« (Gabal Verlag 2015), »Raviolität: Identität oder Quatsch mit Soße« (Werdewelt Verlags- und Medienhaus 2012) oder »Erfolg braucht ein Gesicht« (Redline Verlag 2016). Sein aktuelles Buch, das er mit Co-Autor Brunello Gianella verfasst hat, heißt „Wenn Turnschuhe nichts bringen. Der CEO-Code für starke Führungskräfte“ (Frankfurter Allgemeine Buch, März 2019).