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| Neue Formen der Zusammenarbeit

Stadt, Land, Arbeit

Co-Working-Arbeitsplätze sprießen aus dem Boden – auch abseits der Metropolen. Die Sehnsucht nach gemeinschaftlichem Arbeiten bietet Sparkassen gerade im ländlichen Raum Chancen.

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„Allein arbeiten ist doof“ prangt als Leitmotto auf der Homepage der Werkbank Heinsberg, und damit ist das Geschäftsmodell prägnant zusammengefasst: Auf 600 Quadratmetern stehen Gründern, Freiberuflern oder Firmen mit befristeten Projekten mitten auf dem Land im tiefen Westen Deutschlands Co-Working-Arbeitsplätze zur Verfügung.

Hinter dem Angebot steckt keine geringere als die örtliche Sparkasse. Sie hat ihren Filialsitz im Erdgeschoss des zentral gelegenen Gebäudes, die „Werkbank“ residiert im Geschoss darüber. „Wir sehen das nicht nur aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht, sondern auch als Investition in den Kreis, in die Menschen hier“, sagt Roman Schins, als Marketing-Direktor der Kreissparkasse Heinsberg maßgeblich für das Projekt mitverantwortlich.

Er versteht den Co-Working-Space als Ort für Innovation und Treffpunkt für die kreativen Köpfe in der Gegend – mit der Sparkasse als Initialzünderin.

 
Co-Working: Flexible und temporäre Büroräume werden als Kommunikations- und Arbeitsorte für Digitalnomaden und solche, die es werden wollen, zur Verfügung gestellt. © Shutterstock

Damit schwappt ein Trend aufs Land über, der bis vor einiger Zeit als auf die Immobilienmärkte von Großstädten beschränkt galt: Flexible und temporäre Büroräume als Kommunikations- und Arbeitsorte für Digitalnomaden und solche, die es werden wollen.

Die Welt im Laptop tragen

Die Heinsberger „Werkbank“ im vergrößerten Umkreis von Köln, Aachen und Mönchengladbach stellt längst keinen Einzelfall mehr dar. Neben anderen Speckgürtelgemeinden etwa rund um Frankfurt am Main, München und Berlin macht das Beispiel auch ganz auf dem Land Schule.

In Garmisch-Partenkirchen können sich „alle, die ihre Welt im Laptop tragen“, in einem ehemaligen Autohaus einnisten, das jetzt „Alpen.Work“ heißt, im Norden tourt mit dem Projekt „CoWorkLand“ ein mobiler Pop-up-Space zwischen Nordseeküste und Harzvorland über die Lande und testet, wie sich die Nachfrage nach dem Angebot verteilt.

In Brandenburg bietet die „Thinkfarm“ in der Kleinstadt Eberswalde gemeinsames Arbeiten, Mittagessen und Diskutieren in einem zuvor leerstehenden Ladenlokal ebenfalls mitten im Zentrum.

Gemeinsamer Austausch gefragt

„Der Bedarf nach gemeinsamem Austausch war da, nicht nur bei uns“, sagt der Impulsgeber hinter letzterem Projekt, Sven Gumbrecht. Zahlreiche Freiberufler wie er selbst – Texter, Grafiker, Berater und Anwälte – seien in den vergangenen Jahren der Enge und den steigenden Preisen Berlins entflohen, hätten ihre Kunden allerdings dort behalten.

Statt täglich pendeln zu müssen, können sie jetzt in der „Thinkfarm“ arbeiten. In Frankfurt an der Oder, eine gute Stunde von Berlin entfernt an der polnischen Grenze gelegen, hat die Sparda-Bank vor knapp zwei Jahren ein ähnliches Angebot initiiert. Die Co-Working-Plätze sitzen unter dem gleichen Dach wie die Bank, zusätzlich sorgt ein Café für Kundenfrequenz.

„Das Angebot hat sich gut entwickelt“, erzählt der Sprecher der Sparda-Bank Berlin, Dirk Thiele. Die Teamräume seien voll vermietet, die Einzel-Arbeitsplätze würden sich selbst tragen und die Wirkungskraft für die Bank habe sich voll entfaltet: „Wir werden anders wahrgenommen in der Stadt“, sagt Thiele. Er bekräftigt das Interesse, das ihm im Vorfeld entgegenschlug, sowohl von der Stadt als auch vonseiten der Europa Universität Viadrina. Die intensive Vorbereitung mit zahlreichen Gesprächen sei notwendig gewesen, um passgenau auf den Bedarf reagieren zu können.

Anderer Standort, anderes Konzept

Denn darin unterscheiden sich die Ausgangslagen von Frankfurt an der Oder und Berlin-Potsdamer Platz, Heinsberg und Köln: In kleineren Städten sind die Situationen kleinteiliger, Erfolg oder Misserfolg eines Immobilienangebots hängen stärker von Einzelfaktoren ab als in einer Metropole, in der jeder irgendetwas (anderes) sucht.

Dazu passt, dass sich kaum ein Rezept kopieren lässt, sondern jedes Mal aufs Neue Standorte analysiert und gegebenenfalls Konzepte entwickelt werden müssen. Das Frankfurter „Blok-O“ beispielsweise widmet sich in Namen und auf der Homepage der Grenzsituation – Informationen gibt es in beiden Sprachen.

Freilich seien Angebote abseits der Hotspots bisher kein Thema für die maßgeblichen Anbieter am Markt, sagt Wolfgang Speer, Vermietungschef bei Colliers International. „Die Großakteure fokussieren weiter auf absolute Zentrumslagen.“ Co-Working im Ländlichen spielt sich auf kleineren Flächen ab und meist unter Verzicht auf Tischtennisplatte, Minigolfbahn und Hängematte. Zum Vergleich der aufgeführten Beispiele aus Heinsberg, Eberswalde oder Frankfurt an der Oder: Manches von Branchengrößen wie WeWork oder rent24 in Berlin angemietete Objekt bietet an die 1000 Plätze.

Vorteilhaft dürfte sich in der Regel ein angespannter Wohnungsmarkt in der Nähe auswirken, wie etwa in Berlin, sagt Speer. „Für die kleineren Kommunen ist das ein Standortfaktor. Diese leiden unter den Pendlern – etwa wegen des Kaufkraftabzugs, aber auch aus ökologischen Faktoren. Warum soll ich in die Stadt fahren, wenn ich am Rand oder ein paar Dutzend Kilometer entfernt wohne und dort genauso gut arbeiten kann?“

 
Der Laptop ist immer dabei. Der Co-Working-Arbeitsplatz ist flexibel. Feste Arbeitsplätze gibt es nicht. © Shutterstock

Angebot als Denkanstoß

Solche dezentralen Co-Working-Angebote im Zeitalter des digitalen Arbeitslebens würden vor allem Zeit sparen. Schins von der Heinsberger Kreissparkasse bekräftigt diesen Trend. „Wir wollen künftig verstärkt an Pendler heran, die bisher täglich aus Heinsberg in die umliegenden Großstädte fahren müssen“, sagt er. „Wir verstehen unser Angebot auch als Denkanstoß.“ Datenschutzrechtlich sei der Bereich abgesichert, weil räumlich von der Bankfiliale getrennt.

Die Co-Working-Nutzer können per Chip jederzeit ihren Arbeitsbereich betreten. Ein Gründerstammtisch ergänzt die Infrastruktur in Heinsberg – auch wenn Kommunikation und soziales Miteinander in ländlichen Gegenden anders funktionieren als in der Anonymität der Großstadt, wird Austausch unter Gleichgesinnten auch hier großgeschrieben.

Co-Working zur Rettung der Provinz?

Stoppt Co-Working auf dem Land folglich das Ausbluten von peripheren Orten, bewahrt es die Sparkassenfiliale vor dem Aus wegen Unrentabilität? Die Soziologin Claudia Neu, die sich seit Langem wissenschaftlich mit der Entwicklung des ländlichen Raums beschäftigt, gibt sich vorsichtig. „Co-Working auf dem Land ist sicher nicht der Schlüssel zur Rettung der Provinz“, sagt die Professorin an der Universität Göttingen. Es könne gleichwohl ein Baustein sein, um die Attraktivität eines Ortes zu steigern, je nachdem, was im Einzelfall gewünscht wird.

Die Gefahr bei derlei Projekten lauert der Soziologin zufolge in den unterschiedlichen Lebenswelten von Stadt- und Landbewohnern beziehungsweise darin, dass sich beide Universen häufig nicht träfen. Umso wichtiger scheinen daher ein steter Angebots- und Nachfrageabgleich, ein engmaschiger Austausch zwischen Initiatoren, Nutzern und potenziellen Interessenten.

Sparkassen als Impulsgeber

Sparkassen als Impulsgeber bieten sich zunächst von den Rahmenbedingungen her häufig an: Filialen in ländlichen Gegenden sind großzügig angelegt, Platz gibt es auf jeden Fall perspektivisch mehr als genug, da die Zahl von Mitarbeitern künftig eher sinken dürfte. Bisweilen bieten sich ganze Etagen zur Umnutzung an – wie etwa in Heinsberg. Solche Objekte genügen meist auch schon den Brandschutzverordnungen, es gibt einen Hausmeister und die erforderliche technische Infrastruktur.

Gleichwohl empfiehlt Elke Vincke vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband eine ganzheitliche Betrachtung: Co-Working-Spaces anzubieten, um Flächenüberhänge abzubauen, könne ein (Interims-)Weg sein, bedürfe aber Investitionen und Ressourcen.

Nötig sind Investionen und Ressourcen – sowie Personal

So brauchen Co-Working-Flächen die Infrastruktur moderner Arbeitswelten, deren Zugang aus Sicherheitsgründen von der Sparkassen-Fläche separiert werden muss. Zudem sei eine belastbare Ertragsprognose aufgrund der Flexibilität und Kurzfristigkeit der Nutzungsverträge schwer abbildbar.

Auch werde Personal benötigt, das den Standort managt und und betreut, so Vincke. Im Team von Roman Schins in Heinsberg beispielsweise sind es zwei Kolleginnen, die sich der „Werkbank“ verschrieben haben.

Wirtschaftsförderung für die Region

„Für uns wird das ein Experiment, an das wir mit Respekt herangehen“, bekräftigt Judith Möllmann von der Stadtsparkasse Bocholt indirekt die Einschätzungen vom Dachverband. Die Sparkasse in der Stadt am Rande des Ruhrgebiets plant für den Neubau ihrer Hauptstelle einen Co-Working-Bereich, genauer gesagt: eine Etage für gemeinsames Arbeiten. Die Idee kam von zwei Bocholter Unternehmern, die für die Umsetzung die Stadtsparkasse als Partner fanden und gemeinsam eine GmbH mit dem Namen „Etage3 – Coworkingspace“ gründeten.

Die Unternehmer sind wie die Sparkasse Gesellschafter, darüber hinaus fungieren sie als Geschäftsführer. In der „Etage3“ im Herzen der Stadt wird es auf 600 Quadratmetern fixe und flexible Arbeitsplätze und kleine Büros geben, in denen Freiberufler, Unternehmer, Gründer und Start-ups arbeiten. Externe Unternehmen können Flächen für Besprechungen und Veranstaltungen anmieten.

„Ich fand die Idee spannend, und das sah auch unser Vorstand so“, sagt Möllmann, die für Existenzgründungen zuständig ist und die zwei Unternehmer bei der Suche nach Räumlichkeiten unterstützt hatte. Sie bestätigt die Aussage ihres Kollegen Roman Schins aus Heinsberg, dass die dauerhafte Vermietung an ein konkretes Unternehmen sicherlich die leichtere Wahl gewesen wäre.

„Aber wir haben einen Auftrag als Sparkasse“, sagt Möllmann und spielt auf die denkbaren, nachhaltigen Impulse für den Ort an. „Wir sehen dieses Projekt auch als Wirtschaftsförderung für die Stadt Bocholt.“

Die Werkbank der Kreissparkasse Heinsberg im Video.