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| Spätstarter

Wenn die zweite Wahl die bessere ist

Immer mehr Unternehmen bilden junge Schulabgänger gemeinsam mit älteren Berufsanfängern aus, die sich für einen zweiten Bildungsweg entschieden haben. Auch Sparkassen geben "Spätstartern" eine zweite Chance und setzen in der Ausbildung auf einen Altersmix, mit Erfolg für alle Beteiligten.

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Als die Sparkasse Germersheim-Kandel im vergangenen Jahr auf Facebook und Xing postete, Anzeigen schaltete und Artikel an die Regionalpresse schickte, Flyer verteilte und Banner ausrollte, warb sie um eine ganz besondere Zielgruppe: 30 Jahre und älter sollten die Kandidaten für das neu aufgelegte Ausbildungsprogramm "30plus" sein. Die Auszubildenden des Jahrgangs 2018 würden zum ersten Mal generationsübergreifend lernen, jüngere und ältere Berufsanfänger sollten voneinander profitieren. So wünschte es sich Vorstandschef Siegmar Müller bei der Begrüßung der Neuzugänge im August. Das Motto: "Neue Wege für eine gemeinsame Zukunft."

 
Gezielte Ansprache: Mit diesem Bildmotiv hat die Sparkasse Germersheim-Kandel zum ersten Mal explizit um Azubis über 30 geworben. Das Motto des Ausbildungsprogramms: "Neue Wege für eine gemeinsame Zukunft." © Sparkasse

Insgesamt zwölf Bewerbungen aus der Altersgruppe 30plus waren bei der Sparkasse Germersheim-Kandel eingegangen. Neun Gespräche wurden geführt, drei Auszubildende eingestellt – im Alter von 32, 39 und 48 Jahren. Sie lernen jetzt zweieinhalb Jahre lang und in Vollzeit Seite an Seite mit zehn jungen Schulabgängern. Das mittelgroße Haus in der Pfalz erhofft sich im Neu- beziehungsweise Wiedereinstieg von lebenserfahrenen Erwachsenen in den Beruf einen "Mehrwert für Arbeitnehmer und Arbeitgeber", so Ausbildungsleiterin Laura Cegla.

Die Argumente? Während die Jüngeren frische Sichtweisen und einen selbstverständlichen Umgang mit der digitalen Technik einbrächten, verfügten die älteren Auszubildenden über mehr Reife und bereits berufliche Fertigkeiten unterschiedlicher Ausprägung. Während sich die Jüngeren vielleicht noch ausprobierten und nach der Ausbildung womöglich andere Wege einschlügen, überlegten sich die Älteren ihre Entscheidung für einen neuen Beruf gründlich und wollten ihn dann in aller Regel auch bis zur Rente ausüben. Ältere Auszubildende sind, das zeigt eine Statistik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, zudem oft motivierter, disziplinierter und erzielen die besseren Abschlüsse.

Am Anfang standen viele Fragezeichen

Soweit die Theorie. Der Altersmix, sagt Ausbilderin Cegla, sei zunächst einmal spannend und fordere Mut und Offenheit von allen Beteiligten. Die Gruppe, das könne man nach den ersten Monaten sagen, arbeite gut zusammen, obgleich sie sehr heterogen ist. Eine Auszubildende war in ihrem Heimatland Dozentin für Wirtschaft und Verwaltung, ihr Abschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt. Eine andere Auszubildende arbeitete in ihrer Heimat als Sprachlehrerin und gab später in Deutschland Integrationskurse. Ihr Berufswunsch war schon immer Bankkauffrau gewesen, die Ausbildung im Heimatland jedoch zu teuer. Die Dritte im Bunde der Späteinsteiger wollte sich nach 25 Jahren als Fotografin verändern, erfuhr als Sparkassenkundin vom Ausbildungsprogramm "30plus" und bewarb sich. Michaela Rediske (48) sieht das als "großartige Chance". Entgegen anfänglicher Bedenken fühle sie sich im Kreis der überwiegend sehr jungen Azubis sehr wohl. Das Programm der Sparkasse Germersheim-Kandel, so Rediske, "sollte Schule machen".

Und das wird es wohl auch. Schließlich ist der demografische Wandel auch auf dem Ausbildungsmarkt zu spüren. Auf der einen Seite gibt es immer weniger geeignete junge Interessenten für eine Lehrstelle. Auf der anderen Seite steigen Lebenserwartung und Renten­eintrittsalter. Verschiedene Berufe in verschiedenen Lebensphasen und mehrere Karrieren hintereinander sind keine Seltenheit mehr. Es kann für Menschen über 30 viele Gründe geben, einen weiteren qualifizierten Berufsabschluss zu erwerben: Vielleicht entspricht der einst gewählte Lehrberuf nicht mehr den Erwartungen, vielleicht gibt es nur geringe Aufstiegsmöglichkeiten, oder man hat das persönliche Potenzial neu definiert.

 
Faten Abu Salma (links) und ihre Unterstützer Tina Schlegel (Ausbildungsberaterin der IHK Stade), Personalleiter Andreas Wollenberg (links) und Ausbildungsleiter Wolfgang Möbus von der Kreissparkasse Stade. Abu Salma hat ihre Ausbildung 2017 im Alter von 36 Jahren als alleinerziehende Mutter dreier Kinder mit einem Prädikatsergebnis abgeschlossen. © Sparkasse

All diese Gründe trafen auch auf Faten Abu Salma zu, die 2017 ihre Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Kreissparkasse Stade abschloss. Die damals 36-jährige Mutter dreier Kinder hat „Pionierarbeit“ geleistet und mit ihrer Belastbarkeit und Reife das Feld für nachfolgende ältere Bewerber um einen Ausbildungsplatz geebnet, wie Ausbildungsleiter Wolfgang Möbus sagt. Dabei standen am Anfang viele Fragezeichen. An die erste Reaktion auf Abu Salmas Bewerbung kann sich Möbus gut erinnern: Ist die Bewerberin nicht schon zu alt, zweifelte man bei der Kreissparkasse Stade. Warum bewirbt sie sich bei uns? Die hat doch einen Mann und drei Kinder – was will die noch mit einer Ausbildung?

Belastbarkeit und Lebenserfahrung

Im persönlichen Gespräch konnte Abu Salma dann mit viel Wissen übers Haus und noch mehr Charme, Engagement und Einfühlungsvermögen überzeugen. Und ihre besondere Situation erklären: Nach dem Fachabitur hatte sich die junge Frau für ein Studium eingeschrieben. Bald jedoch kamen zwei Töchter zur Welt, und Abu Salma exmatrikulierte sich der Familie zuliebe. Wenige Jahre später folgte eine dritte Tochter, eine Ausbildung zur Kosmetikerin brachte keine Erfüllung. Dann änderte sich die private Situation der Familie, und die Kinder waren plötzlich allein von der Mutter abhängig. "Ich wollte mir und ihnen eine solide Basis und Zukunft schaffen", sagt Faten Abu Salma. Den Beruf der Bankkauffrau zu erlernen, sieht sie heute als Möglichkeit, "die genau im richtigen Moment kam und sich mehr als gelohnt hat". Zumal die Kreissparkasse der dreifachen alleinerziehenden Mutter mit einer Reduzierung der Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden entgegenkam.

Ausbildungsleiter Wolfgang Möbus setzte sich mit Tina Schlegel, Ausbildungsplatzentwicklerin der Industrie- und Handelskammer Stade, zusammen, um den Lehrplan anzupassen. Abu Salma arbeitete an fünf Wochentagen je sechs Stunden, wobei man in den Ausbildungsstationen Flexibilität und Pragmatismus walten ließ. So konnte die Teilzeit-Auszubildende auch mal Überstunden machen und dafür dann einen ganzen Tag zu Hause bleiben, wenn es passte. Unterstützt wurde Abu Salma auch durch ihre Eltern, die sich in ihrer Abwesenheit um die Enkel kümmerten. Die Lehre schloss sie mit Prädikat ab. Viel Engagement und so manche Nachtschicht waren dafür nötig. Das aber ist für eine mehrfache Mutter nichts Ungewöhnliches.

 
Der Ausbildungsjahrgang 2018 der Sparkasse Germersheim-Kandel umfasst eine Altersspanne von 30 Jahren (von links): Tetyana Halamay, Cecilia Arbelo de Moser, Sirin Topak, Michaela Rediske, Sandra Fast, Fabienne Bohlender, Narisa Piras, Alisia Cambeis, Marco Wittmer, Christine Schütz, Jeremias de Biasi, Ausbildungsleiterin Laura Cegla, Elisabeth Schütz und Rexhep Mustafa. © Sparkasse

Und genau diese Belastbarkeit und Stressresistenz sowie das Organisationstalent machen eine Frau wie Faten Abu Salma für die Sparkasse interessant. Nicht jede Kleinigkeit bringe sie gleich aus der Ruhe – gerade bei schwierigen Kunden ein Vorteil, sagt Abu Salma. Außerdem sei die Lebenserfahrung der Mittdreißigerin ein Pluspunkt, so Ausbilder Möbus: Die habe ihr nicht nur große Akzeptanz bei Kollegen und Vorgesetzten verschafft. Auch mit Kunden habe sie früh auf Augenhöhe sprechen können. Nicht zu unterschätzen sei auch, so die heutige Kundenberaterin, dass sie nicht durch einen weiteren Kinderwunsch ausfalle. "Wenn alles gut läuft, kann ich meinem Arbeitgeber bis zum Renteneintritt erhalten bleiben."

Dem erfolgreichen Beispiel folgend hat die Kreissparkasse Stade auch in den Ausbildungsjahrgängen 2017 und 2018 jeweils eine ältere Auszubildende eingestellt, die bereits Mutter ist. Während man sich von der einen Kollegin wieder trennen musste, hat die andere einen, so Ausbilder Möbus, "guten Start hingelegt". Die 28-Jährige ist im Betrieb und im Kreis der Lehrlinge anerkannt und wurde auch zur Vorsitzenden der Auszubildendenvertretung gewählt. In Stade sei man von der Variante der altersgemischten Ausbildung "ganz begeistert" und könne sie auf jeden Fall weiterempfehlen.