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Ausbildungsabbrecher
Eine zweite Chance
Mehr als ein Viertel aller Ausbildungverträge werden aufgelöst. Die hohe Abbrecherquote hat Konsequenzen für die jungen Menschen und die Ausbildungsunternehmen.

Gerade in Zeiten des demografischen Wandels bietet der Abbruch einer Ausbildung aber auch neue Chancen. Das zeigen Sparkassen in den Geschäftsgebieten Bielefeld, Heidelberg und Hildesheim Goslar Peine.

Kursänderungen sind kein Minuspunkt mehr

57 junge Menschen bildet die Sparkasse Hildesheim Goslar Peine momentan aus, ein Viertel davon sind Abbrecher einer vorherigen Ausbildung oder eines Studiums. „Natürlich werben wir niemanden ab, aber wir sind offen für alle jungen Menschen, die über einen Abbruch nachdenken“, sagt Simone Kohlhoff, Ausbildungsleiterin der Sparkasse.

Simone Kohlhoff
„Abbrecher sind in der Regel reifer und zielstrebiger sind als diejenigen, die direkt aus der Schule kommen“, sagt Simone Kohlhoff, Ausbildungsleiterin der Sparkasse Hildesheim Goslar Peine.

Anders als früher bewerte man in der Personalabteilung Kursänderungen von Auszubildenden oder Studierenden nicht mehr negativ. „Ganz im Gegenteil, das bietet für uns große Chancen“, so Kohlhoff. Die Ausbildung zum Bankkaufmann werde nicht mehr so selbstverständlich wie früher als erster Berufswunsch genannt.

Bei der neuen Zielgruppe der Abbrecher aber könne das Institut mit seiner guten Ausbildung punkten, da diese Leute schon genauer hinsähen und wüssten, worauf es ankäme.

„Wer bei uns ankommt, entdeckt schnell Vorteile wie das recht hohe Anfangsgehalt, die Urlaubsansprüche und die strukturierte Ausbildung“, sagt die Ausbildungsleiterin. Auch den menschlichen Umgang miteinander schätzten die Millennials. Die Auszubildenden hätten in jeder Abteilung einen festen Ansprechpartner – zusätzlich zur Ausbildungsleiterin Kohlhoff. Ein weiteres Argument für die Ausbildung in der Sparkasse sei das positive Feedback von Kollegen und Kunden.

Die jungen Leute sind aber auch für die Sparkasse interessant. „Die Abbrecher sind in der Regel reifer und zielstrebiger sind als diejenigen, die direkt aus der Schule kommen“, sagt Kohlhoff. Das habe positive Einflüsse auf den gesamten Ausbildungsjahrgang.

Homepage wirbt um Abbrecher

Viele gute Gründe, aktiv auf diese Zielgruppe zuzugehen: „Wir werben schon auf unserer Homepage um sie“, so Kohlhoff. Ab sofort auch mit einer Facebook-Aktion. Auszubildende stellen sich mit Text und Foto vor: Wo sie herkommen, warum sie sich für eine neue, andere Ausbildung entschieden haben und welche guten Gründe für die Sparkasse Hildesheim Goslar Peine sprachen.

Eine Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte begründet ihren Wechsel zur Sparkasse mit den Perspektiven im neuen Beruf. Ein ausgebildeter Optiker hat sein Interesse für Finanzen entdeckt. Ein Physiotherapeut sieht die Entwicklungschancen bei der Sparkasse und entschied sich deshalb für eine Ausbildung zum Bankkaufmann.

In der Social-Media-Kampagne präsentieren die Azubis auch Accessoires aus ihrer abgebrochenen Ausbildung. So zeigt ein ehemaliger Industriemechaniker Werkzeug und Ohrenschützer – und sagt in eigenen Worten, warum er zur Sparkasse gewechselt hat.

Zuerst habe er eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht und diese auch erfolgreich abgeschlossen, schreibt da Sascha Droit. Allerdings habe er schnell gemerkt, dass ihn der Beruf nicht glücklich mache. Also habe er angefangen, sich Gedanken zu machen, und entschieden, dass er in den Vertrieb gehöre. Denn seine Stärken hätten schon immer im Reden und Verkaufen gelegen.

Ihm habe früher vor allem der Kontakt mit den Kunden gefehlt, so Droit. Sein Arbeitsalltag bei der Sparkasse sei nun die perfekte Mischung aus Büroarbeit und der Arbeit mit Menschen. Außerdem hatte er es satt, ständig schmutzig nach Hause zu kommen. Heute liebe er es, sich jeden Morgen schick anzuziehen.

Sascha Droit
Sascha Droit hat schnell gemerkt, dass ihn der Beruf des Industriemechanikers nicht glücklich macht. 

„Mit unserer Kampagne wollen wir Azubis und Studierende ansprechen und ihnen eine zweite Chance geben“, sagt Kohlhoff. Und die Sparkasse will Zweifler überzeugen. Immer noch hätten manche Bedenken, sich nach einem Studien- oder Ausbildungsabbruch bei der Sparkasse zu bewerben.

Generell kann der Nachwuchs heute in Deutschland zwischen zahlreichen Möglichkeiten wählen, deshalb überdenken und korrigieren viele ihre erste Berufsentscheidung. Um diese Abbrechergruppen bemüht sich auch die Sparkasse Heidelberg. Wenn der Kontakt zu den Ausbildungs- oder Studienabbrechern hergestellt wird, „haben wir oft gute Chancen, diese für unser Haus zu gewinnen“, berichtet Jochen Knopf, Leiter der Abteilung Ausbildung.

Auch die Heidelberger werben auf ihrer Homepage mit Praktika zur beruflichen Neuorientierung: „Das bringst du mit: Du bist Ausbildungs- oder Studienaussteiger oder hast bereits eine IHK-Ausbildung abgeschlossen. Das bieten wir dir: Praktikum in einer unserer Filialen. Einblicke in die Kundenberatung. Selbstständige Übernahme einfacher Servicetätigkeiten.“

„Bei uns in der Sparkasse sind Ausbildungsabbrüche dagegen die Ausnahme“, sagt Knopf. Die Qualität der Ausbildung wird von den Auszubildenden geschätzt. Dennoch zeigten sich die Generationen Y und Z, die nach 1980 Geborenen, eher bereit, die Sparkasse nach der Ausbildung zu verlassen.

„Die kleine Gruppe der jungen Menschen kann aus einem Markt der Möglichkeiten auswählen“, weiß Knopf. Das erlebe man in Metropolregionen wie Heidelberg ganz deutlich. Deshalb versuchten die Sparkassen, an allen zur Verfügung stehenden Stellschrauben zu drehen.

Nachwuchs wünscht intensive Betreuung

Wer Auszubildende und junge Angestellte finden und dauerhaft binden wolle, müsse den Nachwuchs umfassend betreuen – und das über die Ausbildung hinaus. „Das entspricht auch dem Wunsch dieser Gruppe“, so Knopf. Ein Betreuer dürfe sich nur um ein bis zwei Azubis kümmern. Auch der Vorstand begrüße die Auszubildenden und halte anschließend den Kontakt. „Das bindet emotional“, sagt Knopf. Aber auch die Führungskräfte werden bei der praktischen Ausbildung – quasi als Mentor – aktiv eingebunden.

„Um einem Abbruch und einem Verlassen des Hauses nach der Ausbildung zuvorzukommen, zeigen wir den jungen Frauen und Männern perspektivisch ihre Zukunft in der Sparkasse auf: Sie wissen, dass wir sie übernehmen wollen“, so Knopf. Verlässlichkeit sei für den Nachwuchs wesentlich. Wenn die Tätigkeit jedoch keine Freude bereitet und die Auszubildenden keine vielseitigen Perspektiven in der Sparkasse sehen, verliere man diese.

Auch die Sparkasse Bielefeld kann ihre Auszubildenden halten. „Nur in Einzelfällen verlassen uns junge Menschen schon während der Ausbildung“, berichtet Stephan Glatthor, Leiter der Personalentwicklung. Das seien Azubis, die feststellzen, dass die Arbeit in einer Sparkasse „nicht ihr Ding“ sei. Andere fühlten sich von der Ausbildung überfordert.

Doch in der Regel würden selbst diejenigen, die später ein Studium beginnen wollen, zunächst die Ausbildung beenden. Diese Azubis lehnen ein Übernahmeangebot dann allerdings ab. „Wir erleben mittlerweile zunehmend, dass Auszubildende ihre Ausbildungszeit verkürzen wollen, um eher ein externes Studium aufnehmen zu können“, so Glatthor.

Berufsbegleitendes Studium hält High Potentials

Damit Abbrüche die Ausnahme bleiben, fördere die Sparkasse Bielefeld High Potentials mit der Möglichkeit, nach der abgeschlossenen Ausbildung ein beruftsbegleitendes Studium zu beginnen. Die jungen Menschen verdienten Geld, könnten auf einen festen Arbeitsplatz setzen und gegebenenfalls die Arbeitszeit reduzieren.

„Unsere Mitarbeiter können Studiengang und -ort frei wählen, wenn dies inhaltlich zur Sparkasse Bielefeld passt“, sagt Glatthor. Das Institut unterstütze die Jungangestellten mit Förderbeträgen und zinslosen Studienkrediten sowie mit zehn Freistellungstagen pro Semester. All das schaffe eine gute Bindung.

Stephan Glatthor
Stephan Glatthor: „Optimal ist es, erst die Ausbildung zu absolvieren und anschließend ein berufsbegleitendes Studium zu beginnen.“

Erfolgreich werbe man auch um Studienaussteiger. Aktuell würden gute Schüler durch die Schulen eher auf ein Studium als auf eine Ausbildung vorbereitet. Viele von ihnen stellten dann nach einigen Semestern fest, dass eine duale Ausbildung mit Theorie und Praxis doch die bessere Alternative sein könnte.

„Mit diesen Abbrechern haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Glatthor. Sie seien häufig weniger wechselwillig, wenn sie erkennen, welche Chancen sie intern haben, wie sie Weiterbildungsangebote nutzen und vorankommen können. Bei diesen vormaligen Abbrechern sei die Fluktuation gering.

Wie können die Institute Azubis dauerhaft binden?

👉 Wer oft mit seinen Auszubildenden spricht, kann den Praxisschock lindern. Bei einem Gespräch lassen sich die meisten Unpässlichkeiten, Bedenken und Kritikpunkte ausräumen oder abmildern, und die Zufriedenheit des Gegenüber steigt.

👉 Die Integration von Auszubildenden lässt sich befördern. Manch einem muss über persönliche Hürden geholfen werden, damit der junge Mensch den Kollegen vertraut und sich öffnet. Ungezwungene Gespräche oder der Kontakt zu anderen Auszubildenden können helfen.

👉 Über- oder Unterforderungen führen zu Unzufriedenheit. Deshalb ist es sinnvoll, gezielt entweder mit Unterstützung oder mit interessanten Zusatzaufgaben zu reagieren. Die individuelle Förderung bindet den Azubi ein und kann ihm Perspektiven aufzeigen.

 

Thomas Schindler
– 12. März 2020