Zurück
Interview / Chancengleichheit
"Das Management bevorzugt die männliche Biografie"
Franziska Beckers ist Sparkassenmitarbeiterin, Betriebswirtin und vierfache Mutter. In einem Buch beschreibt sie, was das bedeutet und plädiert für Familienfreundlichkeit und Gleichberechtigung.

Franziska Beckers (Name geändert) gehört zu den geburtenstarken Jahrgängen der 1960er Jahre. Sie ist seit gut 20 Jahren verheiratet und hat vier Kinder im Alter von 16 bis 20 Jahren. Nach Abitur, einer Ausbildung zur Sparkassenkauffrau und einem berufsbegleitenden Studium der Betriebswirtschaftslehre legte sie eine Familienphase von zehn Jahren ein, in denen sie sich ausschließlich den Kindern widmete. Die Rückkehr in den Beruf gestaltete sich schwierig. Über ihre Erfahrungen hat die Sparkassenmitarbeiterin ein Buch geschrieben. In „Frau und Mann – Team mit gleichen Chancen“ hat sie Daten und Fakten zu den Themen Gleichberechtigung, Familienfreundlichkeit und Frauenförderung zusammengetragen. Rückblicke gewähren eine historische Einordnung, in Interviews lässt sie verschiedene Meinungen zu Wort kommen. Episoden aus dem Leben im Reihenmittelhaus machen die Theorie lebendig. Das Buch ist im Littera-Verlag, Bad Dürkheim, erschienen. Wir sprachen mit der Autorin.

DSZ: Frau Beckers, Sie haben das Buch „Frau und Mann: Team mit gleichen Chancen?“ unter einem Pseudonym verfasst, das uns auch für dieses Interview dienen muss. Warum schützen Sie Ihre Identität?
Franziska Beckers: In meinem Buch sind viele eigene Erfahrungen enthalten. Das waren oft auch berufliche Rückschläge. Zudem ist es ein recht kritisches Werk. Da wollte ich lieber etwas in der Deckung bleiben.

DSZ: Kritik ist also nicht willkommen in der Sparkassen-Finanzgruppe?
Beckers: Ich habe bisher nicht den Eindruck, dass Kritik wirklich erwünscht ist. Es fehlt an offenen Ohren dafür und der Bereitschaft, sich mit neuen Ideen konsequent auseinanderzusetzen.

Kinder als große Hürde im Berufsleben

DSZ: Warum widmen Sie den Themen Chancengleichheit, Frauenförderung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie so viel Zeit und Energie?
Beckers: Mir liegen diese Themen sehr am Herzen, da Kinder eine Investition in unsere Zukunft sind. Leider musste ich feststellen, dass sie im Berufsleben eine große Hürde darstellen. Aber eine Gesellschaft, die an ihre Zukunft glaubt, darf doch nicht diejenigen bestrafen, die sich um die Zukunft kümmern. Beim Thema Führung ist erwiesen, dass gemischte Teams erfolgreicher arbeiten. Warum aber tun sich dann selbst kinderlose Frauen schwer, nach oben zu kommen, obwohl die sich ausschließlich auf eine Berufskarriere konzentrieren können?

DSZ: Gründe für die mangelnde Chancengleichheit sind in der Geschichte zu finden, in der Biologie, in der Politik, in der Erziehung, im Egoismus der einen und in der Bequemlichkeit der anderen. „Da spielen 1000 Sachen rein“: So formulierte es eine Teilnehmerin am DSGV-Programm „Frauen in Führungspositionen“. Was glauben Sie: Warum haben Männer und Frauen nicht die gleichen Chancen?
Beckers: Die Antwort auf diese Frage ist eben nicht in einem Satz zu geben. Deshalb habe ich das Buch geschrieben, um darauf eine Antwort zu finden.

DSZ: Ihr Interesse ist ja nicht nur akademisch. Sie sind selbst Betroffene: Nach der Geburt Ihres ersten Kindes wurde eine schnelle Rückkehr in Teilzeit vom Personalchef abgelehnt, nach der Geburt der weiteren Kinder drängte der Arbeitgeber gar auf eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Erst über Umwege fanden Sie zur Sparkasse zurück.
Beckers: Diese Erfahrungen kann jeder Interessierte gerne in meinem Buch nachlesen. Ich bin dankbar, genügend Zeit meinen Kindern gewidmet zu haben. Diese Zeit sehe ich auch für den beruflichen Kontext als sehr wertvoll an: Die Erfahrung bei der Erziehung von Kindern ist ein enormer Zugewinn im Bereich der Sozialkompetenz.

DSZ: Sie plädieren für die Anerkennung von Familienzeit und Kindererziehung als Führungserfahrung und Qualifikationen in Zeitmanagement und Organisationsgeschick, die auch in einen Lebenslauf aufgenommen werden sollten. Nun ist nicht jeder Haushalt gut geführt, und nicht jede Ehe hält ihr Versprechen...
Beckers: Da haben Sie Recht, aber genauso gibt es im Management „Nieten in Nadelstreifen“. Ein Personalchef kennt aber doch seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oft seit vielen Jahren. Und Menschen verhalten sich am Arbeitsplatz doch ähnlich engagiert wie im privaten Umfeld.

DSZ: Wie groß ist die Chancengleichheit in der Sparkassen-Finanzgruppe, was ist Ihr Eindruck?
Beckers: Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Obwohl Frauen in der Belegschaft einen Anteil von über 60 Prozent ausmachen und inzwischen meist genauso qualifiziert sind wie ihre Kollegen, verschwinden sie auf den obersten Karrierestufen wie von Geisterhand. Das kann ich nicht nachvollziehen.

DSZ: Es hat sich in den vergangenen Jahren, trotz größerer Aufmerksamkeit für das Thema, an diesen Zahlen kaum etwas verändert. Warum tut sich so wenig?
Beckers: Vielleicht fehlt es an beherzter Vorgehensweise. Bei einem Erfahrungsaustausch, der kürzlich im Berliner Sparkassenhaus stattgefunden hat, plädierte Christiane Flüter-Hoffmann vom Institut der Deutschen Wirtschaft für das Mentoring als äußerst erfolgreiches Modell für die Frauenförderung. Heinrich Haasis, ehemaliger Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, hat im Jahr 2011 ein Mentoringprogramm für die Sparkassen-Finanzgruppe initiiert. Ich denke, dass solche Projekte weiter forciert werden sollten. Und dazu gehört auch die Ausstattung dieser Projekte mit einem finanziellen Budget.

DSZ: Was glauben Sie: Bewerben sich moderne ambitionierte junge Frauen schon gar nicht bei Sparkassen, weil diese kaum weibliche Rollenvorbilder vorzuweisen haben und mit dem konservativen Image alter Männer kämpfen?
Beckers: Es ist tatsächlich so, dass die Sparkassen dieses konservative Image haben. Das wird erst weichen, wenn auf Vorstandsebene ein Generationenwechsel erfolgt. Der Aufstieg von Frauen scheitert meiner Meinung nach an dem überwiegend in Männerhand befindlichen Management. Auch die Tatsache, dass jedes einzelne Institut sein „eigenes Süppchen kocht“, steht einem Kulturwandel hin zu einer geschlechtsneutralen Förderung des vorhandenen Potenzials sehr stark entgegen. Zahlreiche Ostsparkassen und einige westdeutsche Institute wie beispielsweise Nürnberg oder Bodensee sind positive Ausnahmen – in vielen anderen Sparkassen lässt die sehr auf die männliche Biographie gestützte Nachwuchsplanung Mitarbeiterinnen nach wie vor wenig Chancen, in die beiden oberen Managementebenen aufzusteigen. Potenzielle Bewerberinnen erkennen das und gehen dann eher zu Unternehmen, bei denen es bereits weibliche Role-Models gibt und bei denen das Mentoring erfolgreich gelebt wird.

DSZ: In einer DSGV-Studie wurde unlängst gefragt, was Sparkassen daran hindere, mehr Frauen in Führung zu bringen. Der von Personalern meistgenannte Grund war, schlicht keine Bewerbungen von Mitarbeiterinnen zu bekommen.
Beckers: Das von Ihnen genannte Totschlag-Argument höre ich leider auch immer wieder. Die Personalverantwortlichen könnten sich ja einmal die Frage stellen, warum das so ist. Oder auch viel aktiver auf Frauen mit Potenzial zugehen. Ich finde in diesem Zusammenhang die Antwort der Saarländischen Sparkassenpräsidentin, Cornelia Hoffmann-Bethscheider, in einem Interview mit der SparkassenZeitung sehr gut. Sie sagt, dass es sehr wichtig sei, den Frauen Selbstbewusstsein zu geben und ihnen Mut zu machen. Man sollte meines Erachtens beiderlei Geschlechter gleichermaßen fördern – dies erfordert aber schlicht und ergreifend eine differenzierte Herangehensweise.

Auszeit darf nicht zum Karrierehindernis werden

DSZ: Warum brauchen Frauen eine besondere Behandlung?
Beckers: Zwei „Vätermonate“ können nicht das Ungleichgewicht in der Erziehungsarbeit ausgleichen, und so ist nach wie vor die Mutter der Kinder mit 70 Prozent an der Erziehung beteiligt – und dies nicht nur, bis der Nachwuchs in den Kindergarten geht, sondern bis zum Beginn der Ausbildung. In Diskussionsrunden erschrecke ich darüber, dass junge Mütter heute von Arbeitgeberseite fast bedrängt werden, so schnell wie möglich wieder in den Beruf zurückzukehren. Die Entscheidung, wer wann und wie lange Auszeit nimmt, sollte jedoch ausschließlich den Eltern obliegen. Und sie darf nicht zu einem Karrierehindernis werden. Immerhin stehen Erziehende dem Arbeitsmarkt noch über Jahrzehnte zur Verfügung bis sie in Rente gehen.

DSZ: Nach Ihrer Erfahrung und Einschätzung: Was muss getan werden, damit sich etwas verändert – von der Politik, vom Arbeitnehmer, im Unternehmen? Welche Stellhebel versprechen den größten Effekt?
Beckers: Es muss auf all den von Ihnen genannten Ebenen ein Kulturwandel erfolgen. Das geht nicht von heute auf morgen und ist ein längerer Prozess. Diesen Prozess werde ich weiter beobachten und mich in meinem nächsten Buch damit auseinandersetzen. Auf politischer Ebene habe ich dazu im vergangenen Jahr eine Petition eingereicht. Darin geht es um die Sichtbarkeit und Wertschätzung von Erziehungs- und Pflegezeiten im Lebenslauf.

DSZ: Und was können Sparkassen konkret für mehr Chancengleichheit tun?
Beckers: Eine gute Möglichkeit, wie Sparkassen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen können, ist eine Personalentwicklung, die sich an den Lebensphasen orientiert. Ebenso ist das Rückkehrrecht in einen Vollzeitjob oder in eine vollzeitnahe Beschäftigung eine geeignete Möglichkeit für die Betroffenen. Und schließlich sind Job-Sharing und das Führen in Teilzeit interessante Lösungsvarianten. Ich könnte mir auch einen Talentpool vorstellen, bei dem Frauen und Männer differenziert gefördert werden. Dabei geht es aber nicht um eine besondere Behandlung für Frauen, sondern um die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Es gibt übrigens schon sehr gute Handlungsempfehlungen seitens des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, die nur noch auf ihre Umsetzung warten.

DSZ: Sie sind Mutter von vier Kindern, Betriebswirtin und Buchautorin und machen einen ausgelasteten und ausgeglichenen Eindruck. Was wollen Sie mehr?
Beckers: Die historischen Recherchen zu meinem ersten Buch haben mich sehr angespornt und absolut inspiriert, an dem Thema dran zu bleiben. Auch haben mich die bisherigen Rückmeldungen darin bestärkt, einen Nerv getroffen zu haben. Und ich freue mich sehr darüber, wenn die Lektüre dazu anregt, mit anderen über dieses Thema in die Diskussion zu gehen. Dies bietet die Chance, ein Bewusstsein zu entwickeln und Veränderungsprozesse einzuleiten. Ich möchte jungen Männern und Frauen Mut machen zur Familiengründung und zu einer beruflichen Karriere und dazu, auf Wunsch auch beides zusammen zu erreichen.

Nach Veröffentlichung des Interviews erreichten uns etliche Zuschriften von Lesern.

Silvia Besner
– 30. Juni 2016