Anzeige
| Basel III in Mexiko

Tequila-Krise 2.0 unwahrscheinlich

Zwei Krisen sind mit Mexiko eng verbunden: die lateinamerikanische Schuldenkrise 1982 und die sogenannte Tequila-Krise 1994. Seitdem ist in Mexiko viel passiert. Die Banken verfügen heute über solide Eigenkapital- und Liquiditätspolster.

Anzeige
Der mexikanische Bankenmarkt umfasst 46 Kreditinstitute. Die größten Banken befinden sich größtenteils im US-amerikanischen und europäischen Besitz. Die aggregierte Bilanzsumme aller Banken beträgt etwa 364 Milliarden Euro (s. Abb. 1). Das entspricht in etwa 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Das weist darauf hin, dass die Größe der Banken in einem vernünftigen Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung steht. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Relation bei etwa 300 Prozent. Der mexikanische Bankenmarkt wird im Wesentlichen von fünf Großbanken dominiert. Sie sind international tätig und vereinigen etwa 71 Prozent der Vermögenswerte aller Banken (s. Abb. 2).

Die zwei größten Banken – Banamex und Bancomer – machen 48 Prozent der durch die Banken gehaltenen Assets aus. Die Banamex wird durch die Citigroup kontrolliert. Die Bancomer gehört zur spanischen Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA).

 
© BBL
 
© BBL
 
© BBL
Die Kapitalquoten der mexikanischen Banken liegen deutlich über den Mindestanforderungen. In 2013 betrug die durchschnittliche Gesamtkapitalquote der fünf Großbanken 15,2 Prozent. Die durchschnittliche Kernkapitalquote lag mit 12,6 Prozent nur knapp über der harten Kernkapitalquote von 12,0 Prozent (s. Abb. 3).

Im internationalen Vergleich der Schwellen- und Entwicklungs-länder haben die mexikanischen Banken ein relativ hohes Kapitalniveau. Nur die indonesischen Banken weisen üppigere Kapitalpolster auf (vgl. auch Abb. 4, nächste Seite).

Trotz mächtiger Kapitalreserven sind die mexikanischen Banken durch hohe Eigenkapital-rentabilitäten gekennzeichnet. Dies lässt auf eine ordentliche Ertragslage schließen. Auch hier belegt Indonesien wieder einen Spitzenplatz (vgl. auch. Abb. 5, nächste Seite). Der Anteil der notleidenden Kredite im Verhältnis zum Gesamtkreditbestand lag in 2014 im Schnitt bei drei Prozent. Nach Angaben der Weltbank ist diese Kennziffer bei den mexikanischen Banken im Zeitablauf leicht angestiegen, aber für ein Schwellenland immer noch nicht kritisch.

Basel III in Mexiko

 
© BBL
 
© BBL
Der Baseler Ausschuss prüft laufend die einheitliche Umsetzung Eigenkapitalvorschriften in den 28 Mitgliedsstaaten. Dafür verwendet der Ausschuss mit dem „Regulatory Consistency Assessment Programme“ (RCAP) ein speziell entwickeltes Prüfverfahren. Damit wird zum einen die fristgerechte Einführung der Basel III-Standards in den einzelnen Ländern überprüft. Zum anderen unterzieht der Ausschuss die nationalen Gesetze einer Prüfung, ob die Standards umfassend umgesetzt wurden. Zur Überprüfung gehören mittlerweile auch die regulatorischen Liquiditätsvorschriften.

Die mexikanische Aufsicht wird durch die Banken- und Wertpapieraufsichtsbehörde (Cómision Nacional Bancaria y de Valores, CNBV) wahrgenommen, und nicht wie in vielen anderen Ländern durch die nationale Zentralbank. Die Basel III-Vorschriften sind im November 2012 veröffentlicht worden. Alle 46 mexikanischen Kreditinstitute wenden diese Regeln fristgerecht seit 1. Januar 2013 an. Weitere Anforderungen wurden im April und Juni 2013 publiziert.

Einzelne Elemente des Baseler Rahmenwerks finden in Mexiko keine oder kaum eine Anwendung. Hierzu gehören die internen Modellansätze für die Marktrisiken und die operationellen Risiken. Nur zwei der Großbanken wenden den internen Ratingansatz (IRBA) an.

Zwei Drittel der Risikoaktiva werden im Schnitt durch das Kreditrisiko belegt. Das Marktrisiko ist mit 24 Prozent der Risikoaktiva sehr hoch. Aus diesem Grund machen die mexikanischen Aufseher keine Unterscheidung bei der Behandlung der Positionen des Bank- bzw. Handelsbuchs. Die Aufseher sind in Bezug auf komplexe Geschäftsaktivitäten wie Verbriefungen sehr vorsichtig und schränken diese vorab ein.

 
© BBL
Die Umsetzung von Basel III erfolgt in Mexiko insgesamt einheitlich mit den Baseler Eigenkapitalvorschriften. Laut Baseler Fortschrittsbericht werden zwölf der 14 Einzelkomponenten als Basel-konform eingestuft (s. Abb. 6). In vielen Bereichen sind die nationalen Vorschriften sogar noch strenger als die Originalvorgaben. Das gilt etwa für die Kapitaldefinition oder die Übergangsvorschriften für die Kapitalquoten und die Kapitalabzüge. Auch in Mexiko bestätigt sich das allgemeine Bild, dass eine Vielzahl der Länder die Baseler Regeln einzuhalten versuchen.

Einzelne aufsichtliche Instrumente können nur schwer durch die CNBV angewendet werden. Dies betrifft etwa die Kapitalzuschläge gemäß Säule 2 oder den Anstieg der Kapitalquoten durch den antizyklischen Kapitalpuffers. Aus praktischer Sicht hat die CNBV kaum gesetzliche Möglichkeiten, diese Maßnahmen effektiv durchzusetzen.

Eine weitere Abweichung bezieht sich auf die Offenlegungsvorschriften. Im Vergleich den Baseler Vorgaben erfolgt die Offenlegung nur auf Einzelinstitutsebene. Zudem sind bestimmte Angaben, etwa zur Bankenstruktur oder zu Versicherungstöchtern nicht Gegenstand des Offenlegungsberichts.

 
© BBL
Ende 2014 sind die regulatorischen Liquiditätsanforderungen in Mexiko veröffentlicht worden. Sie beziehen sich vor allem auf die Liquiditätsdeckungsanforderung (LCR), die den Instituten vorschreibt, jederzeit einen Bestand an hochliquiden Wertpapieren vorhalten zu müssen. Die LCR ist von allen 46 Kreditinstituten ab 2015 anzuwenden. Auch hier erfolgt die Umsetzung im Wesentlichen konform mit den internationalen Vorgaben (s. Abb. 7). Der gestaffelte Übergangszeitraum ist mit Basel identisch. Der Anwendungszeitpunkt beginnt für die kleinen mexikanischen Banken jeweils sechs Monate später. Die durchschnittliche LCR der mexikanischen Banken beträgt 105 Prozent (s. Abb. 1).

Abweichend vom Basel-Standard verwendet die mexikanische Regulierung ein vorab definiertes Schema, welches die Institute in fünf verschiedene Kategorien oder Szenarien auf Basis von Schwellenwerten einteilt. In der ersten Kategorie erfüllt beispielweise eine Bank die Anforderungen vollständig, wenn sie die LCR mindestens zu 100 Prozent an jedem Tag während des Monats einhält.

Ein Institut, das diese Anforderungen nur an einem oder mehreren Tagen schafft, muss bestimmte Szenarien aushalten. Ferner regelt die mexikanische LCR-Verordnung Korrekturmaßnahmen, die der Bank beim Unterschreiten der Mindestanforderung auferlegt werden. Für jedes Szenario gibt es eine Reihe von Maßnahmen.

Die größte Abweichung bezieht sich auf die Definition der hochliquiden Aktiva. Danach können sowohl mexikanische Staatsanleihen in der heimischen oder einer anderen Währung unbegrenzt als liquide Aktiva der Stufe 1 angerechnet werden. Damit muss es nicht zwingend eine Währungskongruenz zu den Nettomittelabflüssen geben.

Mexiko als fortgeschrittenes Schwellenland

Seit der Gründung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zum 1. Januar 2014 hat der trilaterale Handel zwischen den USA, Kanada und Mexiko stetig zugenommen. Der Zuwachs des Handelsvolumens in diesen Ländern ist weder durch die Dotcom-Blase 2001 noch durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise 2007 ausgebremst worden. Durch das anhaltende Wirtschaftswachstum in den USA und den mittlerweile eingeleiteten nationale Reformen werden den künftigen wirtschaftlichen Aussichten gute Chancen eingeräumt. Ist damit eine zweite Tequila-Krise ausgeschlossen?

Die Tequila-Krise ist ein populärer Ausdruck für die Kapitalflucht und die Peso-Abwertung in den Jahren 1994 und 1995, die in eine Wirtschaftskrise mündete. Mit der bevorstehenden Straffung der Geldpolitik der US-Notenbank Fed wird vor allem Schwellenländern eine nächste große Krise vorhergesagt. Welche Länder dann besonders betroffen sind, wird im Allgemeinen an fünf Makro-Kennzahlen festgemacht:
  • Auslandsverschuldung
  • Leistungsbilanzdefizit
  • Staatsverschuldung
  • Verschuldung von Privathaushalten und Unternehmen
  • Inflation.
Mexiko ist auf Basis aktueller Zahlen weniger gefährdet, sollte es zu einem Anstieg des Dollar-Zinsniveaus kommen. Das Land hat aus der Tequila-Krise eine zentrale Lehre gezogen und die durchschnittliche Laufzeit ihrer Staatsanleihen ausgeweitet. Mittlerweile beträgt die Laufzeit der Titel mehr als neun Jahre, um die Auslandsverschuldung von 420 Milliarden US-Dollar in 2014 zu tragen. Seinerzeit lag die durchschnittliche Laufzeit bei nur rund sieben Monaten, sodass die Zinserhöhungen in den USA zur massiven Peso-Abwertung führten.

Der Auslandssaldo ist zwar in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, aber gleichzeitig kam es auch zu einem Anstieg der Devisenreserven auf knapp 180 Milliarden US-Dollar. Nach Angaben der LBBW decken die Devisenreserven die kurzfristig fällige Fremdwährungsverschuldung um mehr als den Faktor 2 ab.

Einen zusätzlichen Hinweis geben die sogenannten verdeckten Schulden. So wurde erst nach Ausbruch der Tequila-Krise in 1994 deutlich, dass Mexikos Privatbanken über bilanzneutrale Kreditaufnahme via Derivate erhebliche Währungskrisen eingegangen waren. Hier greifen die Reformen des Baseler Ausschusses zur Verbesserung der Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung. Mit diesen Regeln sind die mexikanischen Banken heute deutlich solider aufgestellt.

Dennoch besteht eine Gefahr für den mexikanischen Bankenmarkt. Die größten Banken des Lands befinden sich im Wesentlichen im Auslandsbesitz. Großbanken wie Citibank, HSBC oder Santander befinden sich durch die strengeren regulatorischen Vorschriften selbst in einer Neuausrichtung hin zu weniger risikobehafteten und weniger komplexen Geschäftsmodellen. So haben einige Banken wie die HSBC bereits angekündigt, ihr Engagement in Mexiko kritisch zu überprüfen. Andere Banken wie die Deutsche Bank wollen ihre Aktivitäten in Mexiko sogar gänzlich einstellen.  

Selbst die Kreditvergabe zwischen den Schwellenländern untereinander ist für die mexikanische Volkswirtschaft unkritisch. So hat etwa China nur im geringen Umfang Mexiko Kredite zur Verfügung gestellt. Ganz anders als in Venezuela. Dort beträgt die Gesamthöhe der von China zwischen 2009 bis 2014 vergebenen Kredite fast 18 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von Venezuela.

Fazit

Es ist zwar nicht völlig ausgeschlossen, dass Mexiko aufgrund der engen Handelsbeziehungen zur US-amerikanischen Wirtschaft einen Dämpfer erhalten könnte, sollte die Geldpolitik der Fed restriktiver werden. Insgesamt werden die Volkswirtschaft und der mexikanische Bankenmarkt aber als intakt eingeschätzt, sodass sich die Risiken in Grenzen halten sollten. Dennoch müssen die Risiken im Blick behalten werden, die aus der Abhängigkeit der mexikanischen Wirtschaft von ausländischen Banken resultieren. Verschärfte Regularien und ein Rückzug bei der Darlehensvergabe würden den mexikanischen Kreditmarkt hart treffen. Insgesamt gibt es keine Anzeichen, die auf eine Tequila-Krise 2.0 hindeuten. Hier leistet vor allem auch Basel III einen positiven Beitrag.

Literatur
  1. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) (2015a): „Regulatory Consistency Assessment Programme (RCAP) – Assessment of Basel III risk-based regulations – Mexiko”, Basel, März 2015.
  2. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) (2015b): „Regulatory Consistency Assessment Programme (RCAP) – Assessment of Basel III LCR regulations – Mexiko”, Basel, März 2015

Autor
Dr. Silvio Andrae ist Abteilungsdirektor beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.

Die Redaktion stellt den Beitrag inklusive aller Abbildungen zum Offline-Lesen als PDF zur Verfügung. Klicken Sie einfach hier oder auf den Download am Ende des Beitrags.