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| 2019 in Zahlen

Alles andere als Stillstand

2019 gab es viele markante Entwicklungen. Eine Auswahl wichtiger Ereignisse zeigt, was auf Wirtschaft und Institute 2020 zukommt.

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Am Jahresende wird meist Bilanz gezogen. 2019 steht für alles andere als Stillstand – es war ein durchaus ereignisreiches Jahr. Die folgende Auswahl zeigt, dass viele Ereignisse auch für 2020 teilweise wegweisend sein werden.

Eine solche Auswahl ist stets subjektiv und der eine oder andere Leser wird aus der Rückschau vielleicht ganz andere Aspekte für wichtig halten. So hätten die Autoren etwa auch auf die explodierenden Schulden weltweit eingehen können. Die Weltbank hat dies jüngst als die vierte große Schuldenwelle bezeichnet.

Bei der Auswahl der Ereignisse sollen jedoch solche im Mittelpunkt stehen, die einen direkten Bezug zu den Märkten, dem Wettbewerb und dem Kundenverhalten haben.

Ausmaß an Negativrenditen greift um sich

 
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Das Volumen von Anleihen mit negativer Rendite ist im Zuge verbesserter globaler Konjunkturaussichten in den vergangenen Monaten etwas gesunken. Das Niveau liegt weltweit aber immer noch bei mehr als 15 Billionen Euro (siehe Abb. 1). Negativ rentieren nicht nur Staatsanleihen aus Europa und Japan mit guter Bonität, sondern auch viele Anleihen staatsnaher Institutionen und Anleihen von Unternehmen mit sehr guten Ratings.

Das bedeutet auch, dass aus Rendite-Gesichtspunkten sichere Alternativen für die meisten Anleger nicht verfügbar sind. Vielmehr werden höhere Risiken eingegangen. Hervorzuheben sind Investitionen in Private Equity, die in 2019 deutlich zugelegt haben.

Keine Erklärungen für den US-amerikanischen Repo-Markt

 
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Bemerkenswert in 2019 war, dass der US-amerikanische Repo-Markt im September aus dem Ruder gelaufen ist. Aufgrund eines unerwarteten Mangels an Liquiditätsreserven sind die Zinssätze auf dem kurzfristigen Refinanzierungsmarkt für Overnight-Pensionsgeschäfte von 2,25 Prozent im Vormonat auf mehr als zehn Prozent angestiegen (siehe Abb. 2). Dieses Phänomen erinnert stark an die schlimmsten Tage der Finanzkrise 2008.

Die New Yorker Fed hat mit einigen Offenmarktoperationen reagiert und Geld in den Repo-Markt „gepumpt“, um die kurzfristigen Spitzensätze wieder zu senken. Bisher war diese Intervention erfolgreich. Dennoch bleibt Unbehagen, denn eine plausible Antwort konnte auf dieses Ereignis bisher nicht gegeben werden.

Vielmehr hat die Fed angekündigt, dass sie für den Jahreswechsel insgesamt 490 Milliarden US-Dollar an Liquidität über Repo-Operationen bereitstellen wird. Fakt ist, dass der Geldmarkt bis heute nicht voll funktionsfähig ist. Mangelndes Vertrauen der Marktteilnehmer kann schnell zu Turbulenzen an den Märkten führen.

Absturz der Finanzunternehmen

 
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Die deutschen, börsennotierten Finanzunternehmen haben 2019 herbe Rückschläge hinnehmen müssen. So notierte die Aktie der Deutschen Bank Ende des Jahres auf dem niedrigsten Stand ihrer Geschichte. Und auch der Dax-Neuling Wirecard ist im letzten Quartal tief gefallen. Die Aktie des Unternehmens ist um 25 Prozent abgestürzt (siehe Abb. 3).

Die jeweiligen Geschäftsmodelle sind trotz thematischer Überschneidungen grundverschieden. Trotzdem sind beide von einer negativen Entwicklung erfasst worden. Für 2019 heißt das ganz klar: Finanzdienstleister hatten es an der Börse schwer. Die Zahlen spiegeln das Misstrauen der Anleger wider, in absehbarer Zeit Ertrags- und Renditeschwächen zu überwinden.

Massive Cyber-Attacken

 
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Auch in 2019 sind weltweit mehrere Millionen Cyber-Angriffe zu verzeichnen. So gab es täglich 2244 Hacker-Attacken – alle 39 Sekunden fand somit ein Angriff statt. Die Firma Cybersecurity Ventures schätzt, dass Schäden in Höhe von 11,5 Milliarden Euro auf Schad-Software zurückzuführen waren (siehe Abb. 4). Nicht alle Angriffe waren natürlich erfolgreich, aber dennoch steht fest: Die Gefahrenlage ist für Unternehmen wie Privatpersonen permanent vorhanden.

Überraschend ist da eher die Einschätzung von IBM, dass im Schnitt 206 Tage vergehen, bis eine Cyber-Attacke identifiziert wird. Opfer eines Cyber-Angriffs kann jeder werden. Der Schutz davor steht für Unternehmen deshalb ganz oben auf der Agenda. Dies gilt vor allem für Institutionen mit Kundenbezug.

Dabei geht es nicht nur um die reine Angriffserkennung und -abwehr. In diesem Bereich deuten sich durch die 2019 durch Google bewiesene Quanten Supremacy ebenfalls weitreichende und investitionsintensive Konsequenzen für die Sicherheitsarchitektur an.

Die am häufigsten eingesetzten Apps

 
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Blickt man auf die Kundenseite, sind markante Entwicklungen im mobilen Nutzerverhalten zu erkennen. Facebook rangiert 2019 mit gleich vier Apps auf den ersten fünf Plätzen der weltweiten Download-Statistik (siehe Abb. 5). Der umfassende Bericht „The State of Mobile“ des US-amerikanischen Analysten App Annie für 2019 belegt Tendenzen, die hierzulande nicht jedem gefallen werden.

Ungeachtet milliardenschwerer Subventionen spielt Europa in dieser Statistik keine Rolle. Einzige Ausnahme ist das schwedische Streaming-Portal Spotify auf Platz zehn. Auch in der nationalen Statistik für Deutschland landet mit dem Ebay-Kleinanzeigen-Markt nur ein regionaler Anbieter auf dem zehnten Platz. Insofern ist es kein Wunder, dass Facebook im abgelaufenen Jahr einen „Testballon“ für die neue Zahlungsverkehrslösung Libra gestartet hat.

Bigtechs auf Einkaufstour

 
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Die Einkaufstour der Bigtechs (Alphabet, Microsoft, Apple, Facebook und Amazon) hat 2019 weiter angehalten. Rund 734 Milliarden US-Dollar haben sie in Erwerb anderer Unternehmen investiert. Ebenfalls bemerkenswert: Allein 15,7 Milliarden US-Dollar hat Salesforce (unter anderem ein Microsoft-Konkurrent im CRM-Bereich) für das sogenannte Einhorn (Kapitalisierung von über einer Milliarde US-Dollar), die Firma Tableau, ausgegeben (siehe Abb. 6).

Die Strategie dieser Konzerne ist klar: Sie entwickeln reihenweise neue Geschäftsmodelle rund um das Bezahlen. Den Konsumenten wird dabei der Erwerb von Dienstleistungen so einfach wie möglich gemacht. So bieten die meisten der Bigtechs als E-Wallet-Betreiber ihren Service oft kostenlos an.

Auf diese Herausforderungen können klassische Finanzinstitute mit drei Maßnahmen reagieren: mit Investitionen, Innovationen und Expansionen. Doch wer investiert, muss seine Gewinnvorstellungen neu justieren (siehe dazu den Abschnitt „Absturz der Finanzunternehmen“ weiter vorn).

Einkauf auch bei den Finanzdienstleistern

 
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Besonders viel Bewegung gibt es bei Fintechs-Einhörnern: Junge Unternehmen, die sich auf Dienstleistungen für die Finanzbranche spezialisiert haben. Das hat zunächst einen wirtschaftlichen Grund. Die aktuell niedrigen Zinsen sorgen dafür, dass Investoren nach Anlagealternativen suchen (siehe dazu den Abschnitt Negativrenditen weiter vorn). Diese finden sie in Aktien, in Infrastrukturprojekten, in hochverzinsten Unternehmensanleihen – oder auch in Unternehmen, an denen sie sich in Form von Wagniskapital beteiligen (siehe Abb. 7).

Ein anderer Grund ist, dass die Digitalisierung nun auch die Finanzbranche voll erfasst hat. Schon jetzt erkennbar sind immer stärker fragmentierte Dienstleistun­gen in der Wertschöpfungskette. Fintechs tragen dazu bei, indem sie maßgeschneiderte Lösungen anbieten. Es handelt sich um höchstspezialisierte Unternehmen.

Die hohe Transparenz sorgt aber auch für Preiskämpfe. Fallende Preise wirken volkswirtschaftlich desinflationär. Auch deswegen kommt die expansive Geldpolitik an ihre Grenzen. Was noch auffällt: Viele dieser Unternehmen sitzen in den Vereinigten Staaten. Vom Wagniskapital fließt überproportional viel nach Übersee.

Strafzahlungen für Datenschutz steigen langsam

 
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Mit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) hat sich der mögliche Bußgeldrahmen von vormals 300.000 Euro deutlich erhöht. Je nach Schwere des Verstoßes variiert er heute von bis zu zehn Millionen Euro (zwei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes) bis zu 20 Millionen Euro (vier Prozent) des Mutterkonzerns eines Unternehmens.

Im Gegensatz zu anderen EU-Staaten agieren die deutschen Aufsichtsbehörden aber bisher bei der Ausschöpfung dieses Bußgeldrahmens sehr zögerlich. Das bisher höchste Bußgeld ist 2019 von der Berliner Datenschutzbehörde gegen die Wohnungsgesellschaft Deutsche Wohnen mit 14,5 Millionen Euro verhängt worden. Anlass dafür war der Einsatz eines Archivsystems zur Erfassung personenbezogener Daten. Es sah keine Möglichkeit zur Löschung nicht mehr erforderlicher Daten vor.

Die britische Datenschutzbehörde hat für ein Datenleck bei British Airways ein Bußgeld in Höhe von 200 Millionen Euro gegen die Fluggesell­schaft verhängt. Dies ist die bisher höchste Strafzahlung in der EU (siehe Abb. 8).

Seit Einführung der DSGVO kann man festhalten, dass durch eine abschreckende Wirkung steigender Bußgeldhöhen die Unternehmen auf einen datenschutzkonformen Kurs gebracht werden sollen. Es ist zu erwarten, dass sich der Trend zu mehr und höheren Bußgeldern mit einem neuen Berechnungsmodell auch in Deutschland fortsetzen wird.

Grüne Anleihen boomen

 
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Der Markt für sogenannte „Green Bonds“ ist 2019 geradezu explodiert. In diesem Jahr wurden so viele Unternehmens- und Staatsanleihen emittiert wie nie zuvor. Und die Investoren greifen kräftig zu, was sich darin zeigt, dass Neuemissionen oft vielfach überzeichnet sind. Insgesamt beträgt der Marktwert der ausstehenden grünen Anleihen 742 Milliarden US-Dollar – ein Rekordwert (siehe Abb. 9).

Bei grünen Euro-Anleihen machen Staatsanleihen rund ein Viertel des Markts aus. Deren Emissionen haben 2019 für gehöriges Aufsehen am Finanzmarkt gesorgt. Dennoch sind grüne Anleihen derzeit ein Nischenprodukt. Durch neue regulatorische Vorgaben wird das Segment aber bald zum Mainstream werden.

Es bleibt abzuwarten, wie gut die Standards dafür ausgebaut werden und wie Greenwashing in Zukunft verhindert werden kann. Ansonsten droht dem Label die gleiche Entwicklung wie dem Marketingbegriff „BRICS“, wo es um die Investitionen in ausgewählte Schwellenländer ging.

Passives Investmentvermögen bekommt die Oberhand

 
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Passive Anlagestile sind bei aktiv verwalteten Fonds seit Jahrzehnten auf dem Vormarsch. Im August hat sich ein Wendepunkt abgezeichnet: Das Vermögen in US-amerikanischen indexbasierten Aktienfonds und ETFs hat erstmals das der aktiv gemanagten Aktienfonds übertroffen. Die Fondsflüsse im August haben den Analysten von Morningstar zufolge dazu beigetragen, das Vermögen in indexnahe US-amerikanische Aktienfonds auf 4,271 Billionen US-Dollar zu steigern (Aktiv gemanagte Fonds: 4,246 Billionen US-Dollar) (siehe Abb. 10).

Dieser Trend ist nicht nur in den USA zu beachten, auch wenn er dort besonders ausgeprägt ist. Sprudelnde Gewinne – vor allem bei den Technologieunternehmen – haben in den letzten Jahren unter anderem für den Boom an den Aktienmärkten gesorgt. Ob dieser Trend noch länger anhält, kann bezweifelt werden. Die Zeiten hoher Gewinnmargen scheinen vorbei. So wird vielmehr die mittel- bis langfristige Profitabilität der Unternehmen im Vordergrund stehen. Dies wird wiederum Konsequenzen für die Entwicklung an den Aktienmärkten haben (siehe dazu den Abschnitt Absturz der Finanzunternehmen weiter vorn).

Fazit

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus 2019 für das nächste Jahr ziehen? Am besten lässt es sich mit den Worten beschreiben: mehr Wettbewerb, mehr Zusammenarbeit und neue Einnahmequellen.

Neue Wettbewerber – vor allem aus dem Nicht-Banken-Sektor – werden 2020 noch aktiver werden. Die Wettbewerbsintensität wird sich daher weiter erhöhen.

Die Institute agieren immer häufiger in Ökosystemen, in denen sie bei ihrer Leistungserbringung und ihrem Produktangebot mit Drittunternehmen zusammenarbeiten (müssen).

Durch neue, alternative Einnahmequellen kann es den Instituten gelingen, die Ergebnisse stabil zu halten. Über die Preisgestaltung mit innovativen Maßnahmen und Dienstleistungen sind gar zusätzliche Erträge denkbar.

Als integrative Klammer um diese drei Entwicklungen leistet das Risiko­management einen wichtigen Beitrag, indem es bei der Vorbereitung unternehmerischer Entscheidungen hin zu „mehr Wettbewerb, mehr Zusammenarbeit und neuen Einnahmequellen“ die dafür notwendigen Risikoinformationen liefert.

Die Risikolandschaft verändert sich rasant. Die Ereignisse im Jahr 2019 sind dafür ein Beleg. Interne und externe Risiken steigen, während die Stakeholder – Kunden, Eigentümer und Träger, Aufsichtsbehörden, Gesetzgeber und die breitere Öffentlichkeit – erwarten, dass Banken keine Fehler machen.

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen alle Geschäftsbereiche. Sie sind ein maßgeblicher Wettbewerbsfaktor. Allerdings nehmen damit auch die spezifischen Risiken zu. Sie können Bankdienstleistungen beeinträchtigen oder gar die Sicherheit einzelner Institute gefährden. Hier bedarf es einer IT-Sicherheit, deren Sicherheitsstruktur auf einer Kombination von vorbeugenden, erkennenden und korrigierenden Verfahren basiert.

Sollten Institute vor diesem Hintergrund Risiken dann gleich ganz vermeiden? Für die Autoren scheint das keine zielführende Strategie zu sein. Anstelle von Erklärungen über Nulltoleranz bei bestimmten (neuen) Risikoarten brauchen Banken und Sparkassen vielmehr die Fähigkeit, eine realistische, faktenbasierte Perspektive der Risikovermeidung einzunehmen. Nur so lassen sich auch neue Einnahmequellen erschließen. Nur so kann dem Wettbewerb standgehalten werden.

Autoren
Leon Unger und Silvio Andrae sind Mitarbeiter des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) in Berlin.

Ein hochauflösendes Druck-PDF mit allen Abbildungen finden Sie am Ende des Beitrags oder hier.