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| IBOR-Zinssätze

Besser früher als später umstellen

Ab 2022 dürfen Interbank Offered Rates (IBOR), die vielen Verträgen zugrunde liegen, nicht mehr verwendet werden. Was Sparkassen wissen müssen.

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Die Anordnung kam von der EU, die damit auf Missbrauchsfälle reagiert. Das Problem: Die Interbank Offered Rates basieren auf Einmeldungen der Finanzinstitute und sind damit anfällig für Manipulationen.

In ihrer Benchmark-Reform hat die EU 2016 festgelegt, dass die Ibor-Zinssätze durch Zinssätze ersetzt werden müssen, die auf real getätigten Transaktionen beruhen. Daraus ergibt sich, dass Verträge, die die alten Zinssätze beinhalten und über den Stichtag hinaus laufen, von Banken und Sparkassen neu verhandelt werden müssen.

Hinter der nötigen Umstellung verbirgt sich für viele Institute ein beträchtlicher Aufwand, denn zum jetzigen Zeitpunkt wären dies Verträge mit einem Gesamtvolumen von über einer Billiarde Dollar – Tendenz weiter steigend.

Und den Finanzinstituten droht weiteres Ungemach, denn wenn es ihnen nicht gelingt, sich mit ihren Kunden bei Vertrags-Neuverhandlungen auf neue Konditionen zu einigen, ist im schlimmsten Fall eine Rückabwicklung der Verträge nötig. Sparkassen sollten also besser früher als später mit der Umstellung auf die neuen Referenzzinssätze beginnen.

Alternativen stehen schon bereit

Konkret betrifft die Entscheidung der EU die eurobasierten Zinssätze Euribor (European Interbank Offered Rates) und Eonia (European Overnight Index Average) sowie den Libor (London Interbank Office Rate), der auf Dollar, Pfund, Yen oder Schweizer Franken basiert. Die gute Nachricht für Banken und Sparkassen: Die Alternativen stehen bereits zur Verfügung.

Der Ester (Euro Short-Term Rate), der seit Oktober 2019 den Eonia ersetzt und der Euribor, der gerade entsprechend den neuen regulatorischen Vorgaben angepasst wird, können für den Euroraum genutzt werden. Außerhalb des Euroraumes stehen Alternativen zu den Interbank Offered Rates schon länger zur Verfügung. Da sie auf real getätigten Transaktionen beruhen, erfüllen sie auch die heutigen regulatorischen Anforderungen.

 
Institute können alte Verträge nicht einfach automatisch durch neue ablösen, die dann die regulatorischen Vorgaben erfüllen. Wenn Kunden zum Beispiel einen variabel verzinsten Immobilienkredit auf Basis der Interbank Offered Rates haben, wird der zuständige Berater ein Gespräch führen müssen. © dpa

Ursprünglich hatte die EU von den Banken und Sparkassen verlangt, bereits ab dem 1. Januar dieses Jahres auf die Verwendung des Interbank Offered Rates zu verzichten. Da die Umstellung aber recht komplex ist und den Instituten einiges abverlangt, wurde die Frist auf den 1. Januar 2022 verschoben.

Aufwand kann beträchtlich sein

Um die Entscheidung der EU nachvollziehen zu können, muss man verstehen, was die Umstellung für die Banken und Sparkassen bedeutet. Je nach Geschäftsschwerpunkt kann der Aufwand erheblich sein. Dies liegt zum einen daran, dass die Institute alte Verträge nicht einfach automatisch durch neue ablösen können, die dann die regulatorischen Vorgaben erfüllen.

Um den Vorgaben der EU gerecht zu werden, müssen Banken und Sparkassen in einem sogenannten Repapering die betroffenen Verträge mit ihren Kunden neu verhandeln. Das ist aber längst nicht alles, denn natürlich macht die Verwendung neuer Referenzzinssätze auch zahlreiche interne Anpassungen notwendig.

So müssen Institute beispielsweise in ihrem Risikomanagement neue Zinskurven erarbeiten, die auf den richtigen Referenzzinssätzen beruhen. Diese müssen dann in der Folge in die IT-Systeme eingepflegt und den Bankprodukten sowie den jeweiligen Prozessen zugrunde gelegt werden. Sind Produkte und Prozesse angepasst und in die IT-Systeme eingepflegt, gilt es auch die Mitarbeiter entsprechend zu schulen. All diese Prozesse benötigen Zeit und Ressourcen – ein Grund mehr, warum Finanzinstitute keine Zeit mehr verlieren sollten.

Am Anfang steht eine gründliche Bestandsaufnahme

Bei der Fülle an notwendigen Vorkehrungen ist ein strukturiertes Vorgehen besonders wichtig. Dazu gehört, die gesamte Umstellung als Projekt mit einzelnen Teilbereichen anzulegen und eine detaillierte Bestandsaufnahme durchzuführen. Sparkassen müssen ihr gesamtes Portfolio überprüfen und klären, welche Verträge mit welchem Volumen von den Änderungen betroffen sind.

Ebenfalls wichtig ist die Frage, ob die Verträge nur im Euroraum oder auch in anderen Währungen laufen. Dies ist wichtig für die Wahl der alternativen Referenzzinssätze. Nach Abschluss der Bestandsaufnahmen können Sparkassen den bevorstehenden Aufwand des Repaperings sehr genau einschätzen.

Abläufe erfordern Anpassungen

Um die internen Abläufe und Prozesse zu ändern, muss auch die IT der Institute aktiv werden. Sie muss dafür sorgen, dass alle Besonderheiten der neuen Zinssätze in den jeweiligen Prozessen berücksichtigt werden.

Gleichzeitig müssen die Sparkassen und ihre Partner aus der Sparkassen-Finanzgruppe die neuen, regulationskonformen Referenzzinssätze in ihre Produktpaletten einbauen. Dies kann sowohl zu Produktanpassungen, wie auch zu ganz neuen Produkten führen. Neben Darlehen und Finanzierungen geht es dabei auch um Geld- und Kapitalmarktprodukte.

Betroffen sind neben den Firmenkunden also auch Privatkunden. Wenn diese zum Beispiel einen variabel verzinsten Immobilienkredit auf Basis der Interbank Offered Rates haben, wird der zuständige Berater hier bald ein Gespräch führen müssen. Um die Kunden umfassend beraten zu können, müssen auch die Mitarbeiter der Institute entsprechend auf den Wechsel vorbereitet werden. Erst dann können die Sparkassen mit dem wichtigen Repapering beginnen.

Je nachdem, mit wem die Vertrags-Neuverhandlungen zu führen sind, unterscheidet sich der Aufwand. Während andere Institute und Großunternehmen mit der Thematik der Umstellung vertraut sind und infolgedessen eher mit einer zügigen Abwicklung der Verhandlungen zu rechnen ist, sieht das bei mittelständischen Betrieben und Privatkunden ganz anders aus. Diese wissen aber oft nicht, was auf sie zukommt. Entsprechender größer ist der zu erwartende Aufwand in diesen Geschäftsbereichen.

Fazit

Die zusätzliche Frist bis zum 1. Januar 2022 wurde den Banken und Sparkassen aus gutem Grund gewährt. Sie sollten jetzt aktiv werden und die Umstellung durch ein strukturiertes Vorgehen vorantreiben. So ersparen sie nicht nur ihren Kunden, sondern auch den eigenen Mitarbeitern viel unnötigen Stress.

 
Unser Autor Oliver Schlicht ist Partner bei Baringa Partners und Experte für den Finance-Bereich. Er berät seit vielen Jahren Finanzinstitute in Change-Prozessen. © Baringa