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| Blockchain

Revolution im Börsenhandel

Internet-Anarchisten haben die Blockchain entwickelt, um alternative Digitalwährungen zu schaffen. Doch nun beginnt die etablierte Finanzindustrie, die Technologie zu nutzen.

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Es geht Schlag auf Schlag: Anfang März wickeln Deutsche Börse und Commerzbank erstmals rechtsverbindlich ein Repogeschäft auf Basis der Blockchain-Technologie ab. Fünf Tage später schließt der Frankfurter Wertpapierhandelsplattform-Betreiber mit dem Schweizer IT- und Telekommunikationsdienstleister Swisscom sowie dem in Zürich und Singapur ansässigen Finanztechnologieunternehmen Sygnum eine strategische Partnerschaft, um gemeinsam auf Blockchain-Basis eine Finanzmarktinfrastruktur für digitale Anlageprodukte aufzubauen. „Unterschiedliche Blockchain-Anwendungen voranzutreiben und neue Standards zu setzen, hat für die Gruppe Deutsche Börse hohe Priorität“, sagt deren Leiter der Abteilung Neue Märkte, Jens Hachmeister.

Die beiden Ereignisse zeigen, dass die vor gut zehn Jahren von Internet-Anarchisten zur Disruption der internationalen Währungssysteme erfundene Technik heute fest in den Händen etablierter Kapitalmarktunternehmen angekommen ist. „Die Blockchain-Technologie ist so weit entwickelt, dass sie den Handel mit Wertpapieren vereinfachen und bislang illiquide Anlagegüter handelbar machen kann“, sagt Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

 
Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater: „Blockchain kann Wertpapierhandel vereinfachen.“ © Deka

Alles beginnt im Oktober 2008. In jenem Monat beschreibt der bis heute unbekannte Blockchain-Erfinder unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto in einem Strategiepapier, wie sich durch ein digitales und dezentrales Buchführungssystem alternative Geldsysteme schaffen lassen. Dass die Theorie auch in der Praxis funktioniert, zeigt Nakamoto am 3. Januar des folgenden Jahres: Mit der von ihm programmierten Software werden 50 Bitcoin geschöpft. Der Startschuss für die erste Kryptowährung der Geschichte ist gefallen. Ihr werden bald weitere folgen: Dash, Ether, EOS, Litecoin, Neo – inzwischen sind weltweit mehr als 4500 digitale Geldsorten entstanden.

Was Nakamoto schaffen will, ist Geld, das „sicher ist und mühelos transferiert werden kann“. Konventionelle Währungen würden nur so lange als Zahlungsmittel akzeptiert werden, wie die Menschen ihnen vertrauten, schreibt der Erfinder in seinem Strategiepapier. „Der Zentralbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht entwertet, doch die Geschichte ist voll von Verrat an diesem Vertrauen; Banken muss vertraut werden, dass sie das Geld aufbewahren, doch sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen mit einem kleinen Bruchteil an Deckung.“ Der Bitcoin und die anderen neuen Digitalwährungen sollen dies ändern – durch die Blockchain.

DSGV-Experte Schreiber-Handschug: Manipulationen fast unmöglich

Der englische Begriff steht für eine Kette aus Datenblöcken. Die werden, in genau festgelegter Reihenfolge, sukzessive in Rechnern verarbeitet. Durch die exakt aufeinander aufbauende Speicherung der Daten und Verschlüsselungsverfahren können die darin enthaltenen Informationen nachträglich nicht geändert werden. „Das macht Manipulationen – je nach Charakteristik – weitgehend unmöglich“, sagt Frank Schreiber-Handschug, Experte für Digitalisierung, Online-Banking und Cyber-Sicherheit beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

Hinzu kommt, dass bei Kryptowährungen die maximale Menge der in komplizierten Rechenvorgängen auf Computern erzeugbaren Geldeinheiten begrenzt ist, um eine Inflationierung des künstlichen Geldes zu verhindern. Das macht die Digitalwährung höchst begehrt, als die Eurokrise ausbricht. Kostete 2009 ein Bitcoin nur 0,08 US-Dollar, sind es Anfang 2013 bereits 13 US-Dollar. Am 30. November des Jahres werden sogar 1000 US-Dollar für einen Bitcoin gezahlt, 2017 erreicht der Kurs schließlich sogar die Marke von 14.000 US-Dollar.

Doch auch wenn die Kryptowährungen nicht manipuliert und nicht gefälscht werden können, vollkommen sicher sind sie nicht. Das zeigt sich, als immer mehr Betreiber von Cyberwallets, von virtuellen Geldbörsen, von Internetkriminellen gehackt werden. Cyberwallets sind Plattformen, auf denen Nutzer von Digitalwährungen ihr virtuelles Geld speichern. Im Frühjahr 2018 gelingt es Hackern in kurzer Zeit, Cyberwallets in Japan und Korea zu plündern. Bei der Aufbewahrungs- und Handelsplattform Coinrail in Seoul räumen sie dabei binnen Sekunden Kryptogeld im Wert von 37,2 Millionen US-Dollar ab. Das Vertrauen in die virtuellen Alternativwährungen sinkt rapide. Der Bitcoin-Kurs bricht im Verlauf des vergangenen Jahres um 72 Prozent ein.

Anleger-Hype weicht der Ernüchterung

Bei den Anlegern der Digitalwährungen ist der einstige Hype inzwischen einer Ernüchterung gewichen. Hingegen macht sich die klassische Finanzindustrie nun daran, die Vorzüge der Blockchain für sich zu entdecken. „Mit dieser Technologie können Banken und Sparkassen in erheblichem Umfang Kosten einsparen und ihre Geschäfte in erheblichem Umfang effektiver gestalten“, sagt DSGV-Experte Schreiber-Handschug.

 
Sparkassenhaus in Berlin – die Experten beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband arbeiten mit an einer Blockchain-Strategie. © Himsel

Ein Beispiel dafür liefern die regulatorischen Vorgaben für das Darlehensgeschäft. „Heute müssen Kredite, die nicht-natürlichen Personen vergeben werden, ab einem Volumen von 25.000 Euro an die Bundesbank gemeldet werden“, sagt Schreiber-Handschug. Dieser Meldeaufwand könnte deutlich reduziert werden, wenn die Finanzinstitute die Daten der von ihnen vergebenen Darlehen in einer entsprechenden Blockchain ablegten, auf welche auch die Bundesbank zugreifen könnte. „Die Bundesbank könnte als Aufsichtsbehörde dann jederzeit Einblick in entsprechende Kreditdatensätze der beaufsichtigten Banken und Sparkassen nehmen und wäre ständig im Bilde über das Volumen an ausgereichten Finanzierungen“, sagt der Experte. „Dies würde die regulatorische Meldestrecke vereinfachen und beschleunigen.“

Auch die Geschäftsfelder der Schuldscheindarlehen und Pfandbriefe würden in erheblichem Ausmaß von der neuen Technologie profitieren können. „Eine per Schuldverschreibung verbriefte Forderung könnte digital in eine Blockchain wirksam übertragen werden“, sagt Schreiber-Handschug. „Das Marktvolumen könnte dadurch beträchtlich gesteigert werden.“ Da Anleihen und Pfandbriefe an den Börsen gehandelt werden, wissen deren Emittenten derzeit nicht, in welchem Umfang Investoren Neuemissionen zeichnen werden, wenn die Laufzeit begebener Papiere endet. Dies zwingt die Emittenten, genügend Liquidität vorzuhalten, um theoretisch alle Investoren auszahlen zu können, wenn eine Anleihe oder ein Pfandbrief ausläuft. Wären die Papiere hingegen in Blockchains verpackt, hätten die Emittenten zum einen jederzeit Kenntnis, wer gerade welche Anteile an einem Pfandbrief hält. Zum anderen könnten die Investoren über die Blockchain den Instituten Wochen oder Monate vor Auslauf eines Papiers mitteilen, ob und in welchem Umfang sie an Investments in neuen Anleihen oder Pfandbriefen interessiert sind.

Gesetze stehen noch gegen umfassende Nutzung

Zudem ließen sich Wertpapiertransaktionen deutlich vereinfachen, wenn Aktien und Anleihen in Blockchains verpackt werden könnten. „Bei jeder Transaktion würde dann nur ein neues Datenpaket hinzugefügt, das den Besitzerwechsel dokumentiert“, sagt der DSGV-Experte. Wertpapierabwicklungs- und -verwahrgesellschaften wie Clearstream und die Deutsche Wertpapierservice Bank würden in dieser Funktion quasi obsolet werden; die laufenden Nebenkosten bei Investments in Aktien und Anleihen entsprechend sinken. Weil sämtliche Informationen zu einem Wertpapier in der Blockchain hinterlegt wären, würde dies auch zu einer höheren Transparenz führen. „Die Aufsichtsbehörden könnten einfach in die Datenkette blicken und sofort erkennen, welcher Anleger zu welcher Sekunde im Besitz einer Aktie oder eines Bonds war“, sagt Schreiber-Handschug.

Dies würde zudem den Aktienhandel sicherer machen. Zwar sichern Wertpapierverwahrgesellschaften ihre Datenräume sehr viel massiver als dies die Betreiber der im vergangenen Jahr gehackten Cyberwallets getan haben. Zudem haben sie Kopien sämtlicher elektronischer Unterlagen auf separaten Backup-Servern ausgelagert. „Sollte es Hackern jedoch dennoch gelingen, die Sicherheitssperren zu überwinden, könnten sie theoretisch sämtliche Daten vernichten“, sagt Schreiber-Handschug. Anleger müssten dann aufwendig anhand ihrer Sparkassen-Depotabrechnungen nachweisen, dass sie einzelne Aktien, Anleihen und Fondsanteile erworben und seither nicht verkauft haben. Würden Wertpapiertransaktionen hingegen in einer Blockchain registriert, bestünde diese Gefahr nicht. „Die einzelnen Datensätze sind dann über diverse Rechenzentren der Teilnehmer in diesen Netzwerken verteilt“, sagt Schreiber-Handschug. „Das macht es aktuell unmöglich, die elektronisch gespeicherten Informationen zu zerstören.“

Die Blockchain-Technologie könnte sogar dazu genutzt werden, „Anlagegüter handelbar zu machen, die bislang nicht liquide sind“, sagt Dekabank-Chefökonom Kater. Beispielsweise Mautbrücken oder -straßen. „Bislang sind Investments in solche Infrastrukturprojekte nur möglich, indem das gesamte Asset in eine Gesellschaft oder einen geschlossenen Fonds gekleidet wird, an deren Anteilseigner die Mauteinnahmen dann verteilt werden“, sagt Kater. Die regulatorischen Vorgaben für solche Investmentvehikel sind jedoch hoch. Das führt zu erheblichen Verwaltungskosten, die einen Teil der Rendite verschlingen.

Bundesfinanzministerium erarbeitet Gesetzentwurf

„Über die Blockchain könnten solche Anlagegüter hingegen einfach in kleine Anteile aufgeteilt werden, die dann an einer Börse handelbar sind“, sagt Kater. Weil in den Datenblöcken jede Transaktion der Anteile exakt festgehalten ist, könnten so die Mauteinnahmen aus Brücken und Straßen bei Anteilsverkäufen theoretisch sogar sekundenaktuell an den früheren und neuen Besitzer aufgeteilt werden.

Damit diese Visionen Realität werden können, ist allerdings eine Reihe von Gesetzesänderungen erforderlich. Insbesondere der Skripturakt müsste neu gefasst werden. Dieser schreibt bislang vor, dass die sich aus einem Wertpapier ergebenden Verpflichtungen – bei Anleihen von der regelmäßigen Zinsausschüttung bis hin zur Rückzahlung des investierten Betrags – vom Emittenten durch die Unterschrift auf der Wertpapierurkunde dokumentiert werden müssen. Das wäre bei einer Blockchain nicht möglich.

„Die Einführung von elektronischen Wertpapieren wird deshalb aktuell in der Bundesregierung intensiv diskutiert“, sagt Schreiber-Handschug. „Der Ansatz, das deutsche Urkunden- und die Schriftformerfordernis für Wertpapiere abzuschaffen und die Begebung digitaler Wertpapiere auf Grundlage eines qualifizierten digitalen Registers zu ermöglichen, trifft auf breite Zustimmung.“ Das Bundesfinanzministerium arbeite bereits an einem Gesetzentwurf zur „Entmaterialisierung der Wertpapiere“. Das Ziel: „Die Wertpapierurkunde soll zusammen mit allen relevanten Informationen in elektronischer Form direkt in der Blockchain hinterlegt werden“, sagt Schreiber-Handschug. Emittenten, Investoren und Aufsichtsbehörden könnten dann jederzeit die Informationen abrufen. „Kommt die Gesetzesänderung“, sagt der DSGV-Experte, „dürfte die Blockchain den Wertpapierhandel massiv vereinfachen.“