Anzeige
| Problemkredite

Was Transaktionsplattformen leisten können

Mit Problemkrediten wird schon lange gehandelt. Dennoch bleiben die Bankbestände hoch. Eine Lösung: Den Abbau durch digitale Transaktionsplattformen beschleunigen. Doch funktionieren die in der Praxis wirklich?

Anzeige

Trotz einiger Verbesserungen sind die Fortschritte bei der Reduktion notleidender Kredite (Non-Performing Loans, NPLs) aus der Finanzkrise in Europa deutlich geringer als in den USA und Japan. Aktivitäten, das NPL-Problem in den Griff zu bekommen, lassen sich in drei Phasen einteilen:

Phase 1
Sie war geprägt durch die unmittelbare Reaktion von Politik und Aufsichtsbehörden auf die hohen NPLs. Man hat seinerzeit eingegriffen, um die Zahlungsfähigkeit der Banken und das Vertrauen in das System wiederherzustellen. Auf diese Weise sind angeschlagene Banken rekapitalisiert worden. Anschließend konnten NPLs an „Bad Banks“ oder spezielle Asset-Management-Companies (AMC) übertragen werden. Zudem haben verschiedene Regulierungsmaßnahmen die Qualität der Vermögenswerte der Banken transparenter gemacht, auch um den Handel mit NPLs zu erleichtern.

Phase 2
Die Banken haben ihre internen NPL-Management- und Trainingsfunktionen verbessert und damit begonnen, auch Dienstleistungen auszulagern. Regulierungen waren darauf ausgerichtet, die NPL-Abwicklung zu verbessern – etwa durch geänderte Regeln für Umschuldungen und den NPL-Verkauf. Während der beiden ersten Phasen haben sich die Banken vor allem mit relativ homogenen und einfachen Hypotheken- und unbesicherten Retail-NPLs beschäftigt. Aktuell liegt das Augenmerk eher auf NPLs von Unternehmen und KMU, ein Thema, das aus Sicht der Abwicklung deutlich komplexer ist.

Dennoch war der NPL-Handel in den vergangenen Jahren sehr ineffizient, was unter anderem an weiten Geld-Briefspannen erkennbar ist. Da die Banken mehr Informationen über die tatsächliche Qualität der Vermögenswerte hatten als ihre Gegenparteien, haben die Investoren die Unsicherheit des Angebotspreises diskontiert und so die Kluft zwischen der Nachfrage- und Angebotsseite des Markts vergrößert.

Zudem fallen mit jedem Handel hohe Transaktionskosten (zum Beispiel aufgrund teurer Due-Diligence-Prüfungen) an. Schließlich liegt die Verhandlungsmacht unausgewogen bei den wenigen Käufern, die vor allem große Handelsabschnitte bevorzugen. Insofern blieb der Sekundärmarkt bisher nur für Banken mit großen NPL-Volumina eine Option.

Phase 3
Benötigt werden hier weitere Instrumente. Sie müssen in der Lage sein, den Markt für ein möglichst breites Publikum von Verkäufern und Investoren – beispielsweise durch eine NPL-Transaktionsplattform – zu öffnen.

Merkmale einer NPL-Transaktionsplattform

 
© BBL
Eine Transaktionsplattform ist ein technologiegestützter Marktplatz für handelbare Vermögenswerte. Die Vorteile einer Informationsplattform werden dadurch kombiniert, Käufer und Verkäufer an einem Ort zusammenzubringen. Banken bieten der Plattform freiwillig Vermögenswerte – auch kleinere Portfolios – zum Verkauf an. Die Transaktionsplattform erweitert das Publikum der Investoren um Akteure, die in der Regel aufgrund mangelnder Größe und Fähigkeiten nicht am Markt teilnehmen. Im Gegensatz zu AMCs besitzen Plattformen selbst keine Vermögenswerte. Abbildung 1 veranschaulicht, wie ein solcher NPL-Marktplatz funktionieren könnte. Er umfasst drei Schlüsselprozesse:

1. Datenkonsolidierer
Der Marktplatz fungiert als Datenkonsolidierer. Er sammelt qualitative und quantitative Informationen über Kredite auf Basis Workflow-basierter Prozesse und standardisierter Datenformate. Die Datenhaltungsfunktion, die Vergleichbarkeit, der einfache Zugriff und hohe Qualitätsstandards sorgen dafür, den gesamten Transaktionsprozess schneller und kostengünstiger zu machen. Gleichzeitig werden Asymmetrien zwischen den Akteuren reduziert. Ein zentraler Punkt für die Abwicklung ist die Standardisierung des Transaktionsprozesses (zum Beispiel Vereinheitlichung von Informationstechnologien, Non-Disclosure-Agreements und Post-Trade-Settlements).

2. Zentrale Anlaufstelle
Ein solcher NPL-Marktplatz ist eine zentrale Anlaufstelle. Investoren durchsuchen die Vermögenswerte gemäß ihren Präferenzen und Renditeerwartungen. Vermögenswerte von mehreren Verkäufern lassen sich bündeln. Eine vereinfachte Due Diligence unterstützt sie dabei. Durch eine Zunahme der Verkäufe werden höhere Verkaufspreise erwartet. Ziel ist es, einen „dauerhaften Kanal“ einzurichten, über den sich notleidende Kredite effizient veräußern lassen.

Nach Vorstellungen der Europäischen Zentralbank (EZB) soll es dabei nicht nur um notleidende Konsumentenkredite gehen. Auf der Plattform gehandelt werden sollen darüber hinaus Schiffsfinanzierungen sowie Unternehmens- und Immobilienkredite/-portfolios, also auch komplexe Kreditstrukturen. Angeboten werden könnten ferner Mehrwertdienste. Ein praktischer Anwendungsfall: die Zusammenstellung des Portfolios, um die Bedürfnisse der Käufer mit den verfügbaren Vermögenswerten in Einklang zu bringen.

3. Gesamtkontrolleur
Schlussendlich wird der Marktplatz zum Gesamtkontrolleur. Die Anwesenheit eines Prozessverantwortlichen, der Transparenz und Fairness garantiert, ist der wichtigste Hebel, um Informationsasymmetrien abzubauen und das Vertrauen zwischen den Parteien zu stärken. Diese Funktion ebnet den Weg für weitere ergänzende Dienstleistungen. Robuste Governance-Standards und sichere Technologien tragen dazu bei, Verbraucher, Banken und Investoren zu schützen und den Datenschutz zu gewährleisten. Sofern diese Plattformen personenbezogene Daten verarbeiten, muss die Datenschutzgrundverordnung in allen Punkten präzise eingehalten werden. Nur so erreicht man das erforderliche Vertrauen in die Plattform, damit sie von einer unabhängigen Einheit betrieben werden kann.

Das Konzept einer NPL-Transaktionsplattform wird seit einigen Monaten von privaten Initiatoren und politischen Entscheidungsträgern intensiv diskutiert. Dazu gehört auch die EZB, die bereits im November 2017 ein Papier zu diesem Thema veröffentlicht hat. Die Europäische Kommission hat im Dezember 2018 ebenfalls angeregt, solche Plattformen einzurichten. Nach der Veröffentlichung hat am 15. Januar ein Runder Tisch mit Interessenvertretern aus der Bankenbranche, der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde und der EZB stattgefunden. Mehr als 80 Personen waren damals der Einladung gefolgt. Diskutiert worden sind vor allem konkrete Industriestandards für europäische NPL-Plattformen. Das Folgetreffen hat im Juni stattgefunden.

Die bisherigen Diskussionen haben gezeigt, dass es noch einige Einschränkungen gibt, die der Einführung solcher Marktplätze entgegenstehen. Banken halten etwa den uneingeschränkten Zugang zu allen Informationen in einem solchen Netzwerk für kritisch. Sensible Informationen über ihr NPL-Portfolio müssen an Investoren weitergeben werden, die auch an anderen Märkten tätig sind.

Datenschutzbestimmungen können das vollständige Offenlegen an Investoren verhindern. Darüber hinaus kann der Informationsaustausch dazu führen, Kreditverträge anzupassen. Eine mögliche Lösung für diese Probleme ist, einen zweistufigen Offenlegungsprozess zu etablieren, bei dem hochsensible und anonymisierte Daten an Investoren weitergegeben werden. Und zwar dann, wenn sie in den Angebotsprozess eintreten und entsprechende Vereinbarungen unterzeichnen.

Darüber hinaus ist unklar, wie sich solche Plattformen ordnungsgemäß verwalten lassen. Aktuell wird gerade diskutiert, ob die Plattform(en) als gesamteuropäische Einheit unter der Aufsicht der Europäischen Bankaufsichtsbehörde eingerichtet werden sollen. Ebenso ist der Einsatz dezentraler Einheiten denkbar, um den Wettbewerb zu verbessern. Die zweite Option wäre nach Ansicht des Autors vorzuziehen, da sie sowohl Interessenkonflikte als auch das Problem, Rechteinhaber identifizieren zu müssen, vermeidet. Die erstgenannte Lösung würde dagegen eine höhere Akzeptanz garantieren und sicherstellen, dass sich möglichst viele Marktteilnehmer beteiligen.

Schließlich müssten die Details des operativen Betriebs geklärt werden. Offen sind unter anderem zwei Fragen:
  • Sollen Plattformen als reine Broker agieren, um die Abstimmung zwischen Nachfrage- und Angebotsseite des Marktes zu erleichtern?
  • Fungieren Plattformen als Händler, die Portfolios kaufen und an Investoren weiterverkaufen?
Darüber hinaus ist nicht klar, ob es Mechanismen zur Übernahme von Abwicklungsrisiken geben soll (zum Beispiel in Form einer Clearing-Stelle).

Schon bald ist eine strukturelle Transformation im NPL-Markt zu erwarten: Einerseits müssen Großbanken ihre NPL-Bestände weiter reduzieren. Andererseits sind neue Vorschriften für die Risikovorsorge in Kraft getreten. Beides könnte dazu führen, dass es künftig statt wenigen Mega-Deals zahlreiche hochfrequente und kleine Transaktionen geben könnte. Niedrige Transaktionskosten werden für die Arrangeure ein wichtiger Erfolgsfaktor sein.

Obwohl einige private Initiativen Transaktionsplattformen entwickelt haben und ihre Dienstleistungen derzeit Verkäufern und Investoren zur Verfügung stellen, hat derzeit noch keiner von ihnen ein nennenswertes Transaktionsvolumen erreicht. Zu nennen sind beispielsweise Debitos aus Deutschland, IlliquidX aus Großbrittanien oder Debt Avenue aus Italien. Ein möglicher Grund für die geringe Nutzung könnte sein, dass es sich bei den meisten Deals nach wie vor um große, private Transaktionen handelt, bei denen Plattformen keinen klaren Vorteil bieten.

Fazit

NPL-Transaktionsplattformen können künftig zu einem funktionierenden Ökosystem für Käufer und Verkäufer werden. Einerseits haben die Verkäufer einen effizienten Marktzugang, in dem sie auch kleine Portfolios mit niedrigen Transaktionskosten veräußern können. Daneben ist ein fairer Preismechanismus gewährleistet und nachfrageorientierte Beratung möglich. Auf der anderen Seite können Käufer NPLs in einer sicheren Umgebung kaufen, in der auch kleine Unternehmen Transaktionen tätigen dürfen. Informationen werden dabei von einem unabhängigen Dritten überprüft und überwacht. Zudem ist es ist einfach, eine Beziehung zum Dienstleister aufzubauen.

Eine solche Entwicklung lässt sich ansatzweise bereits in Ländern wie Spanien beobachten. Die Plattformen dort unterstützen die Banken dabei, neue Digitaltechnologien für NPLs anzuwenden, die die Servicequalität verbessern und Vermögenswerte effizienter verwalten. Da der Verkaufsprozess digitalisiert wird, sind die Kreditportfolios im Regelfall nach wenigen Wochen auf der Plattform handelbar. Bei traditionellen Verkaufswegen werden dafür häufig mehrere Monate benötigt.

Dennoch ist die Skepsis gegenüber solchen Transaktionsplattformen groß. Tatsächlich war das Kreditmanagement schon immer eine interne und vertrauliche Angelegenheit. Den tradierten Ansatz und die tägliche Zusammenarbeit mit externen Akteuren zu ändern, erfordert einen kulturellen Wandel. Der kann nur durch ein klares Verständnis der neuen Umgebung gefördert werden. Zwei zentrale Herausforderungen für die Marktplätze verbleiben: erforderliche Datenqualität und heterogene Markpraktiken. Mithin dürfte es noch ein langer Weg sein, eine solche NPL-Plattform zu implementieren.

Autor
Dr. Silvio Andrae ist Abteilungsdirektor beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.