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| Digitalisierung

Chinas Banken schlagen im digitalen Geschäft zurück

Das Bezahlen per Smartphone hat Plastikgeld in China fast überflüssig gemacht. Während die Kreditinstitute im Riesenreich zur Kooperation mit Internetgiganten fast schon gezwungen sind, sehen die Voraussetzungen für Banken und Sparkassen in Deutschland anders aus.

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Chinas Internet-Giganten graben seit Jahren den Staatsbanken das Wasser ab: dank umfangreichen Kundendaten, reichlicher Liquidität und enormer Flexibilität. Vor allem bei kleineren Krediten an Privatkunden nutzen die digitalen Rivalen der Banken strategische Vorteile wie ihr intimes Wissen über Kaufgewohnheiten der Onlinekundschaft sowie ihre immense Reichweite bis in die letzten Winkel des großen Landes. Jetzt aber schlagen die Banken im Reich der Mitte zurück. Verlorene Marktanteile wollen sie dabei ausgerechnet mithilfe der Internet-Riesen zurückerobern. Für deutsche Kreditinstitute hat die aktuelle Gefechtslage dabei aber nur begrenzte Ähnlichkeit mit der in China.

Explosives Wachstum und rasante Ausbreitung

Im Reich der Mitte haben die neuen Champions der digitalisierten Welt seit dem vergangenen Jahrzehnt den angestammten Banken schwer zugesetzt. Das explosive Wachstum digitaler Bezahlsysteme und die rasante Ausbreitung von Kleinkrediten im Internet haben dazu geführt, dass das Volumen der Internettransaktionen von Chinas Marktführern Baidu, Tencent und Alibaba im Jahr 2016 das addierte Transaktionsvolumen aller traditionellen Banken überholte. Schon ein Jahr später, 2017, war das digitale Bezahlvolumen außerhalb des Bankensektors sogar doppelt so groß. Der digitale Siegeszug schien unaufhaltsam. Und er war für die Banken äußerst schmerzhaft. Die Migration der Kundschaft in das digitale Kredit- und Bezahlgeschäft setzte bei ihnen die Margen empfindlich unter Druck, wie das Magazin „Asian Banking and Finance“ berichtet.

In einem Klima nachlassender Wachstumsraten und niedriger Zinsen konnte die Antwort der Kreditinstitute nicht lange auf sich warten lassen. Nun peppen Chinas Banken mithilfe der Tech-Titanen ihr digitales Geschäft auf. Im Kreditgeschäft sieht das beispielsweise oft so aus: Die kooperierende Bank nimmt einen Großteil des Kredits – meist bis zu 90 Prozent – in ihre Bücher, und die Internet-Partner berechnen eine Vertriebsgebühr für die Inanspruchnahme ihrer Internet-Infrastruktur von etwa 30 Prozent der erwarteten Zinseinnahmen. Weil in China Mobilgeräte den Internetverkehr stark dominieren, konnten die Banken in den vergangenen drei Jahren auf dieses Segment zielen und die Internetkonkurrenz bei den Wachstumsraten mobiler Bezahldienste übertrumpfen. Die Banken registrierten ein Wachstum von 798 Prozent, gegenüber 480 Prozent bei den Nichtbanken, wie „Asian Banking and Finance“ meldet.

 
Alipay, das Onlinebezahlsystem von Alibaba, beherrscht bereits 51 Prozent des Smartphonemarkts in China. Die Apps der Banken rangieren dagegen abgeschlagen bei rund zehn Prozent. © Shutterstock

Angetrieben wird dieses überaus dynamische Transaktionsgeschäft im Internet nicht nur durch die Tatsache, dass China mit mehr als 800 Millionen Nutzern zum größten Internetmarkt der Welt aufgestiegen ist und dass die Regulierer beim rasch wachsenden Onlinekreditgeschäft in der Startphase ein Auge zugedrückt haben, um schneller gegenüber dem Westen aufzuholen. Eine wichtige Rolle spielt auch, dass dank massiver Reichweite und enormer Umsätze die chinesischen Tech-Giganten schon seit Jahren über mobile Bezahl-Apps mit einem Reichtum an Daten verfügen, wie er in den USA und Europa von den Banken gerade erst fieberhaft erschlossen und gesammelt wird.

Fast alle kleinen und mittelgroßen Geschäftsbanken in der Volksrepublik haben nach Angaben aus der Branche längst Kooperationen mit einem der Tech-Titanen begonnen, um von deren Expertise und den Kundendaten zu profitieren. So hat Alipay, das Onlinebezahlsystem von Alibaba, laut dem App-Entwickler Aurora Mobile bereits 51 Prozent des Handy- und Smartphone-Marktes erobert, während die Apps von Chinas Banken bisher auf rund zehn Prozent kommen. Dass Chinas KP-Führung derzeit ein umfangreiches soziales Bewertungssystem für die 1,3 Milliarden Chinesen einführt, vergrößert den Datenvorsprung der Tech-Riesen noch einmal deutlich und macht sie zu noch attraktiveren Partnern der Banken für künftige digitale Geldgeschäfte. Mehr noch: Chinas Führung hat die digitale Ökonomie zum Treiber für den Umbau des volkswirtschaftlichen Geschäftsmodells – weg von billigen Exporten, hin zu nachhaltigem, vom Inlandskonsum getriebenen Wachstum – auserkoren.

In Deutschland herrschen für Banken und Sparkassen laut Daniel Draenkow beim Referat Digitalisierung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands jedoch komplett andere Voraussetzungen als in China. Bei 45 Millionen Girokarten sind rund neun Millionen Kreditkarten in Umlauf, ganz anders als in China, wo das nutzerfreundliche Bezahlen mit dem Handy das Plastikgeld fast überflüssig gemacht hat. In Deutschland werden neue Finanzprodukte und -dienstleistungen zudem besonders kundenorientiert entwickelt. Deutsche Kreditinstitute wie die Sparkassen reden laut Draenkow „zwar mit jedem vielversprechenden Partner“ im digitalen Universum, doch umarmt man seitens der Kreditinstitute die Internet-Riesen nicht so stark wie in China.

Sparkassen kennen keine Berührungsängste

Beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, so Draenkow, setzt man zunächst auf den Nutzen, den man für den Kunden stiften kann, „anstatt Produkte zu stricken, die in drei bis vier Jahren keiner mehr braucht“ – und fragt dann nach den möglichen Kooperationspartnern. „Die Sparkassen-Finanzgruppe arbeitet an verschiedenen Stellen mit Firmen wie Google, Amazon oder Facebook zusammen“, erläutert Draenkow. „Bei der Entwicklung und dem Einsatz neuer Produkte und Services und der Frage nach Kooperationsmöglichkeiten stellen wir den Kundennutzen in den Mittelpunkt. Dabei betrachten wir natürlich auch immer die sich stetig ändernden Kundenerwartungen und die Nutzung von Technologien.“ Berührungsängste gebe es dabei, was die möglichen Partner betrifft, aber nicht, wie das Beispiel Google zeige.

So mache es „sehr wohl Sinn, wenn wir unseren Kunden in Kooperation mit Google, gern aber auch zum Beispiel mit Amazon, die Möglichkeit geben, Beratungsleistungen oder sogar ihr Sparkassenkonto über den Google-Voice-Assistenten abzufragen oder Überweisungen auszulösen.“ Die Sparkassen haben sich in dem Projekt mit Google weit nach vorn gewagt. Gestartet wurde die Aktion im Februar vergangenen Jahres, als es möglich wurde, Kontostand und Umsätze mit Sprachkommandos abzufragen.