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Coronakrise
ETFs befeuern Börseneinbruch
Sorgen um die Corona-Epidemie haben in der vergangenen Woche weltweit die Aktienmärkte beben lassen. Haben ETFs die Entwicklung verschärft?

Studien zeigen, börsennotierte Indexfonds können in Krisenphasen Negativtrends verschärfen, weil über sie auch Papiere von Unternehmen verkauft werden, die von den Ereignissen gar nicht betroffen sind oder – wie Pharmatitel – sogar von ihnen profitieren. Dabei, das zeigt eine neue Untersuchung, sind ETFS (Exchange Traded Funds, an Börsen gehandelte Anleihen), entgegen der landläufigen Meinung, aktiv gemanagten Fonds gar nicht überlegen. Im Gegenteil…

Minus 1822 Zähler in nur 35 Handelsstunden: Als zu Beginn der letzten Februarwoche der sich nun auch in Europa ausbreitende Coronavirus Investoren in Schrecken versetzt, bricht der Dax, wie andere Leitindizes, ein. Knapp 13,5 Prozent verliert das deutsche Börsenbarometer bis zum Freitagmittag der Woche.

Irrationales Verhalten der Investoren?

Was dabei verwundert: Unter die Räder kommen nicht nur Aktien von Konzernen, deren Geschäft durch die Infektionskrankheit massiv beeinträchtigt wird – wie etwa das Papier der Lufthansa. Auch die Börsennotierungen von Unternehmen fallen, die tendenziell von der Pandemie profitieren könnten: Die Aktie des im Dax vertretenen Gesundheitskonzerns Fresenius erleidet ebenso kräftige Kursverluste, wie die im US-Index Dow Jones gelisteten Pharma-Konzerne Johnson & Johnson und Merck sowie die zum Schweizer SMI-Index gehörenden Branchenunternehmen Novartis und Roche.

Wobei Novartis auch noch ein Spezialist bei der Erzeugung und Entwicklung von Antibiotika und antiviralen Medikamenten zur Behandlung von Atemwegs- und Infektionskrankheiten ist – und das US-Analysehaus Jefferies seine „Kauf“-Einstufung für die Aktie inmitten der Turbulenzen bekräftigt.

Was wie ein irrationales Verhalten der Investoren erscheint, spiegelt tatsächlich nur wider, wovor eine Reihe von Finanzmarkt-Experten seit Jahren immer wieder warnt: Die rasant wachsenden börsennotierten Indexfonds würden Abschwünge an den Börsen massiv verstärken.

Die im Börsenfachjargon kurz ETF genannten Anlageinstrumente könnten in angespannten Marktphasen zu „Fire Sales führen und die Volatilität verschärfen“, analysierten im vergangenen Jahr die Ökonomen Marco Pagano von der Universität Neapel und Jozef Zechner von der Wirtschaftsuniversität Wien zusammen mit Antonio Sánchez Serrano, Volkswirt des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken, in einem Report für die EU-Kommission.

„Angesichts des inzwischen im ETF-Markt gebündelten Kapitals kann ein großes Ereignis massive Notverkäufe bei Indexfonds auslösen und die Kurse von Wertpapieren sehr stark bewegen.“

Zum selben Schluss kamen bereits 2014 die US-Ökonomen Itzhak Ben-David, Francesco Franzoni und Rabih Moussawi in ihrer Studie „Do ETFs Increase Volatility?“ – zu Deutsch: Erhöhen ETFs die Volatilität? Das Fazit ist ein klares Ja. Aktien, in die ETFs investieren, würden im Schnitt 12,3 Prozent häufiger pro Börsentag gehandelt als andere Papiere. Ihre Kurse würden deshalb um 3,7 Prozent stärker nach oben und unten ausschlagen als die anderer Aktien.

Niedrigere Kosten machen ETFs immer beliebter

ETFs bilden passiv einen Index wie den deutschen Dax nach. Dadurch müssen diese Indexfonds keine Manager und Analysten anheuern. Das senkt erheblich die laufenden Verwaltungskosten, die zum Teil weniger als 0,3 Prozent pro Jahr betragen. Hingegen weisen aktiv verwaltete Fonds jährlich Managementgebühren von zum Teil mehr als 1,5 Prozent auf. Obendrein entfallen bei ETFs die Ausgabeaufschläge, weil die Anteile dieser Indexfonds allein über die Börse gehandelt werden.

Die niedrigen Kosten machen ETFs bei Profi- und Privatanlegern immer beliebter und bescheren den Anbietern jährliche Wachstumsraten von rund 20 Prozent. Weltweit waren Ende vergangenen Jahres annähernd 6000 Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 5450 Milliarden Euro, in börsennotierte Indexfonds investiert. Ed Gordon, Leiter ETF und Indexinvesting Schweiz beim ETF-Anbieter iShares, einer Tochter des US-Finanzinvestors Blackrock, prognostiziert, dass sich das global in Indexfonds investierte Kapital in fünf Jahren auf 12.000 Milliarden US-Dollar verdoppeln wird.

Getrieben wird die Nachfrage der Privatanleger nach ETFs insbesondere von den Verbraucherzentralen und der Stiftung Warentest. Letztere rät, Indexfonds seien „ideal für Sparpläne“: „Ein Fondsmanager ist dafür nicht nötig.“ Die Verbraucherzentrale NRW empfiehlt: „Wer mit seiner Geldanlage höhere Gewinne erzielen will, sollte sich zunächst um niedrigere Kosten bemühen.“ ETFs seien deshalb aktiv gemanagten Fonds vorzuziehen: „Weil sie keine aktive Anlagestrategie verfolgen, benötigen sie auch kein teures Management-Team.“

ETFs führen zu „Sippenhaft“

Ganz anderer Ansicht ist Folker Hellmeyer. Der frühere Chefvolkswirt der Bremer Landesbank und heutige Chefanalyst der Bremer Fondsgesellschaft Solvecon Invest, sagt: „Wer in ETFs investiert, betrachtet nicht mehr differenziert die Geschäftsmodelle der einzelnen börsennotierten Unternehmen.“ Die wachsende Ausbreitung der Indexfonds habe dazu geführt, dass bei negativen Nachrichten „zunächst aus Aktien unter die Räder kommen, deren Umsatz- und Gewinnentwicklung von den Ereignissen gar nicht betroffen sind – oder die sogar davon profitieren“, sagt Hellmeyer.

Differenzierter urteilt Christian Schmidt, charttechnischer Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). „ETFs führen zwar zu einer gewissen Art von Sippenhaft, indem sie bei einer Verkaufswelle auch die Kurse defensiver Aktien vorübergehend drücken, sodass diese einen Teil ihres defensiven Charakters verlieren.“ Allerdings sei der Einbruch beim Dax im Zuge der Ausbreitung der Corona-Epidemie auch auf zahlreiche weitere Ursachen zurückzuführen.

„Den Großteil der Dax-Investoren stellen heute ausländische Profianleger“, sagt Schmidt. „Für ihre Investmententscheidungen spielen auch Einflussfaktoren wie das Euro-Dollar-Verhältnis eine Rolle.“

Der Einfluss von ETFs auf den Börseneinbruch nach Ausbruch des Coronavirus in Europa im Februar sei eher gering gewesen, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. „Investoren haben sich zu diesem Zeitpunkt von Aktien auf breiter Front getrennt, weil sie den Eindruck gewannen, dass der konjunkturelle Abschwung deutlich stärker ausfallen und länger andauern könnte als zuvor erwartet.“

Ein von ETF-Anhängern immer wieder ins Feld geführtes Argument lautet, dass aktiv gemanagte Fonds in der Regel keine bessere Performance als Indexfonds aufweisen würden. Investoren könnten sich deshalb die höheren Gebühren bei aktiv verwalteten Fonds sparen, weil diese ohnehin keine bessere Rendite erwirtschaften würden. „Kaum ein Profi schafft es noch, den Markt zu schlagen“, sagt Marc-Oliver Lux, Geschäftsführer der Münchner Vermögensberatung Dr. Lux & Präuner. „Für den Vermögensaufbau fahren Privatanleger deshalb am besten, wenn sie für ihr Basisinvestment auf Indexfonds setzen.“

Aktiv gemanagte Fonds besser als ihr Vergleichsindex

Eine neue Studie der Berliner Rating-Agentur Scope kommt hingegen zu einem anderen Ergebnis. Danach gelingt es etlichen aktiv gemanagte Fonds durchaus, bessere Renditen für ihre Kunden zu erzielen als diese mit einem ETF-Investment einfahren würden. Für die Untersuchung wurde die Performance von rund 2000 aktiv gemanagten Fonds in Relation zu ihrem Vergleichsindex analysiert. „Von den Fonds, die ausschließlich in deutsche Aktien investieren, schnitten dabei im vergangenen Jahr 64,3 Prozent besser ab als ihr Index“, sagt Scope-Analystin Manquing Sun.

Wurde das in den aktiv gemanagten Fonds investierte Kapital zugrunde gelegt, fiel das Ergebnis noch besser aus. „Vom Anlagevolumen her betrachtet, betrug die Outperformance-Quote bei den Deutschland-Fonds sogar 96,2 Prozent“, sagt Sun. „Denn sämtliche Fondsschwergewichte konnten den Vergleichsindex übertreffen.“ Bei den auf Emerging Markets spezialisierten aktiv gemanagten Aktienfonds betrug das volumengewichtete Outperformance-Ratio 59,4 Prozent, bei den auf Aktien aus Eurostaaten fokussierten, aktiv verwalteten Fonds lag die Quote bei 50,3 Prozent.

Die geringste Erfolgsquote gegenüber ihrem Index wiesen hingegen in 2019 die aktiv gemanagten Fonds der Gruppe „Aktien Welt“ mit 24,9 Prozent sowie „Nordamerika“ mit 30,8 Prozent auf. „Die Fonds beider Gruppen sind schwerpunktmäßig auf dem sehr effizienten US-amerikanischen Markt aktiv“, sagt Sun. „Dies stützt den bereits in früheren Auswertungen aufgezeigten Befund, dass effiziente Aktienmärkte es Fondsmanagern erschweren, Outperformance zu generieren.“

Die Studie zeigt zudem, dass aktiv gemanagte Fonds auch über mehrere Jahre hinweg ihren Vergleichsindex schlagen können. So konnten 53,57 Prozent der aktiv gemanagten Deutschland-Fonds in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich eine Outperformance aufweisen. Global betrachtet hätten seit 2014 „sogar mehr als 340 Fonds mit fast 330 Milliarden Euro aggregiertem Fondsvolumen ihren jeweiligen Vergleichsindex übertroffen“, sagt Sun.

„Anlegern stehen ausreichend aktiv gemanagte Fonds zur Verfügung, die auch über längere Zeiträume Outperformance generieren“, sagt die Analystin. „Die Scope-Studie zeigt, dass aktiv gemanagte Fonds genauso in ein Anlageportfolio gehören, wie ETFs“, sagt Dekabank-Chefvolkswirt Kater.

Anstieg
Experten empfehlen Anlegern, nicht in Panik zu verfallen. Dekabank-Chefvolkswirt Kater: „Wir sehen aktuell nur einen temporären Rückgang bei den Börsenkursen durch die vom Coronavirus belastete Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal, die jedoch durch ein stärkeres Wachstum im zweiten Halbjahr wieder ausgeglichen werden sollte.“

Trotz der tiefen Kurseinbrüche an den Börsen in der vergangenen Woche empfehlen Experten Anlegern, nicht in Panik zu verfallen. Ein Verkauf von Anteilen aktiv gemanagter Fonds oder von Einzelaktien sei für Privatanleger nur sinnvoll, wenn ein mehrjähriger Bärenmarkt zu erwarten sei, sagt Kater. Dies sei aber derzeit nicht zu erkennen.

„Wir sehen aktuell nur einen temporären Rückgang bei den Börsenkursen durch die vom Coronavirus belastete Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal, die jedoch durch ein stärkeres Wachstum im zweiten Halbjahr wieder ausgeglichen werden sollte.“ Privatanleger sollten solche kurzfristigen Korrekturen aussitzen. „Sparpläne bei aktiv gemanagten Fonds helfen in solchen Phasen, weil sie es Anlegern automatisch ermöglichen, während des Korrekturmodus günstiger an weitere Aktien zu gelangen“, sagt Kater.

Corona-Erkrankungen könnten mit fortschreitendem Frühling sinken

„An den Aktienmärkten findet derzeit ein Ausverkauf statt“, analysiert Helaba-Stratege Markus Reinwand. „Auch wenn es kurzfristig zu weiteren Kursabschlägen kommen kann, bieten derartige Marktphasen für mittelfristig orientierte Anleger erfahrungsgemäß die Gelegenheit, antizyklisch Positionen aufzubauen.“ Durch die Korrektur sei die zum Teil hohe Bewertung von Aktien wieder abgebaut worden. Sollte der Coronavirus bald unter Kontrolle gebracht werden, dürften sich die Börsen schnell erholen.

Jüngste Daten deuteten darauf hin, dass die weltweit getroffenen Vorsorge- und Akutmaßnahmen gegen den Krankheitserreger langsam greifen, sagt Analyst Hellmeyer. Gab es Anfang Februar noch rund 2000 Neuinfektionen pro Tag, sind es nach jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorgansiation nun nur noch 900. Wie der saisonalen Grippe und der Sars-Pandemie von 2003 erwarten Wissenschaftler, dass die Zahl der Corona-Erkrankungen mit fortschreitendem Frühling erst sinken und schließlich enden werden.

Steigende Temperaturen und stärkere UV-Einstrahlungen durch die länger werdenden Tage bei höherem Sonnenstand setzen Viren heftig zu und lassen regelmäßig klassische Winter-Epidemien enden.

„Die Aktienmärkte dürften sich dann schnell erholen und könnten im Sommer bereits wieder auf dem Stand von der vorvergangenen Woche sein“, sagt Hellmeyer. Die globale Konjunktur dürfte sich von der Krise im zweiten Halbjahr erholen. „Die Börsen werden jedoch die Aufholeffekte vorwegnehmen“, sagt der Analyst. „Schließlich sorgt die Tiefzinspolitik der Notenbanken unverändert für hohen Anlagedruck.“

 

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Richard Haimann
– 3. März 2020