Anzeige
Anzeige

Exklusiv für Abonnenten

Dieser Beitrag steht exklusiv Abonnenten des SparkassenZeitung Portals zur Verfügung.
Bitte loggen Sie sich hier ein:

Haben Sie Ihr Passwort vergessen oder benötigen Sie ein neues?
Hier anfordern

Weitere Informationen zu Produkten, Bestellmöglichkeiten mit Testzugang, Lizenzprüfung oder FAQs finden Sie im Bereich Abo-Service.
Bei Fragen nehmen Sie gern Kontakt online mit uns auf oder rufen Sie uns an:
Tel.: +49 711 782-1173.

Passwort vergessen

Geben Sie Ihre E-Mail Adresse an und erhalten Sie einen Link um Ihr Passwort zurückzusetzen.

Bitte geben Sie hier Ihre E-Mail-Adresse an, mit der Sie bei uns registriert sind. Nach dem Klicken auf "Absenden" bekommen Sie eine Mail mit dem Link. Klicken Sie den Link an oder kopieren Sie diesen in die Adressleiste Ihres Internetbrowsers. So werden Sie automatisch angemeldet und können Ihr Passwort ändern.

Anzeige
27. Oktober 2017 - 10:16Konjunktur

"Gesamtwirtschaftlich stabil"

von Dieter W. Heumann

Ferdinand Fichtner, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, sieht Deutschlands Wirtschaftswachstum bei 1,8 Prozent und bis 2019 auf einem guten Weg.

Die Wirtschaftswissenschaftler (von links) Heiner Mikosch, Oliver Holtemöller, Timo Wollmershäuser, Roland Döhrn und Ferdinand Fichtner stellen ein Gutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute vor. Fichtner gehört seit Jahren zu den Mitautoren. (dpa)
Herr Fichtner, in Ihrem Herbstgutachten erwarten die fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute 1,9 Prozent Wachstum für dieses Jahr und zwei Prozent für 2018. Spiegeln sich darin auch bereits erste wirtschaftliche Folgen des Brexits wider?
Ferdinand Fichtner: Bezüglich des Brexit unterstellen wir, dass bis März 2019 − wenn Großbritannien aus der EU austreten muss − eine Übergangslösung vereinbart wird, die zulässt, dass Großbritannien und die EU noch weiter verhandeln können. Die Auswirkungen des Brexit sind dann im Prognosezeitraum begrenzt. Natürlich schlägt sich die Planungsunsicherheit der Unternehmen bereits jetzt in etwas schwächeren Investitionen nieder. Aufgrund des geringeren Wachstums der britischen Wirtschaft beobachten wir auch, dass die britischen Importe und damit die deutschen Exporte auf die Insel bereits gedämpfter verlaufen.

Und die populistische Handelspolitik der USA?
Fichtner: In Bezug auf die Trumpsche Wirtschaftspolitik sind wir im Vergleich zum Frühjahrsgutachten heute etwas zurückhaltender. Wie sich zeigt, ist US-Präsident Trump kaum in der Lage, von seinen wirtschaftspolitischen Zielen Wesentliches durchzusetzen. Wir gehen daher nicht davon aus, dass es zu substanziellen handelspolitischen Einschränkungen kommen wird. Auch erwarten wir keine großangelegten fiskalischen Einflüsse – etwa Steuersenkungs- oder Investitionsprogramme − wie er sie im Wahlkampf noch angekündigt hatte.

Das wirtschaftliche Wachstum ist in Deutschland erstaunlich robust. Erleben wir über längere Zeit eine Verstetigung dieses hohen Wachstums?
Fichtner: Momentan fallen die Wachstumsraten in der Tat kräftig aus – sogar höher als die deutsche Wirtschaft strukturell hergibt. Wir befinden uns also in einem Aufschwung, der in dieser Ausprägung aber keinen Bestand haben wird. Nach 2020 erwarten wir konjunkturell bedingt eine schwächere Expansion, denn die Löhne und Preise dürften etwas kräftiger anziehen. Aber auch strukturell dürfte sich das Wachstum verlangsamen. Dafür wird der demografische Wandel sorgen. In unserer mittelfristigen Schätzung gehen wir daher nur noch von wirtschaftlichen Wachstumsraten in Höhe von unter anderthalb Prozent aus.

Die Gutachter mahnen die Politik dringend, das Problem des demografischen Wandels anzugehen.
Fichtner: Es gilt, für die Rente das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben zu stabilisieren – und zwar rechtzeitig. Und dazu gibt es drei Stellschrauben: Die Ausgaben sind durch die Höhe der Rente sowie die Zahl der Rentner bestimmt, die ihrerseits vor allem durch das Renteneintrittsalter beeinflusst werden kann. Die Einnahmen sind von den Rentenbeiträgen abhängig. Die Politik muss sich überlegen, wie sie den Menschen eine Erhöhung des regulären Renteneintrittsalters schmackhaft machen kann. Andernfalls wird man nicht umhinkommen, Alternativen wie Rentenkürzungen oder eine Erhöhung der ohnehin schon hohen Sozialabgaben ins Auge zu fassen. Eine Senkung des Renteneintrittsalters oder dieses auch nur einzufrieren, wäre sicherlich der falsche Ansatz.  

Fichtner: "Das Bildungssystem ist der Dreh- und Angelpunkt." (dpa)
Ließe sich zusätzlich die Arbeitsproduktivität erhöhen?
Fichtner: Wenn wir zu wenig Arbeitskräfte haben, müssen wir diese natürlich gut qualifizieren, um eine möglichst hohe Arbeitsproduktivität zu erreichen. Dazu gehört, dass die Mitarbeiter laufend aus- und fortgebildet werden und dass ihnen gute Maschinen zur Verfügung stehen. Also muss es für Unternehmen attraktiv sein, in Deutschland zu investieren. Das wiederum tun sie, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – etwa wenn gut qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Das Bildungssystem ist also der Dreh- und Angelpunkt.

Die Zeit für Reformen bleibt günstig: 28 Milliarden Euro Budgetüberschuss werden für 2017 und 32 Milliarden Euro für 2018 Euro prognostiziert. Dies schafft nach Ansicht der Gutachter der neuen Bundesregierung Spielräume für eine überfällige wachstumsorientierte Politik. Wozu raten die Wirtschaftsforscher?
Fichtner: Die bisherige Bundesregierung hat vor allem die konsumtiven Ausgaben – etwa  die Mütterrente oder die Rente mit 63 − deutlich erhöht. Im investiven Bereich − und da schließe ich auch die Bildung mit ein − ist nicht viel erreicht worden. Hier sehen wir Nachholbedarf. Eine Option ist aber auch die Reduktion der Einnahmen − der Einkommensteuer sowie vor allem der Sozialbeiträge − und mehr investive Ausgaben für die  bereits erwähnte Bildung, aber auch für Sachkapital. Aus Sicht der Institute würde dies helfen, die langfristigen Herausforderungen wie den demografischen Wandel besser zu bewältigen.  

Zurück zur Konjunktur: Welches sind die wesentlichen Treiber des konjunkturellen Aufschwungs?
Fichtner: Da verschieben sich derzeit die Schwerpunkte: In der jüngeren Vergangenheit war die Binnenwirtschaft, vor allem der Konsum, wesentlicher Träger des Aufschwungs. Wegen der höheren Inflation − insbesondere wegen nicht mehr rückläufiger Energiepreise − verliert der private Verbrauch aber etwas an Schwung. Die Inflationsraten werden sich 2017 bis auf 1,7 Prozent und 2018 auf 1,8 Prozent erhöhen. Statt des Konsums springen nun die kräftigeren Exporte in die Bresche. Die Gründe: die günstigere Entwicklung der Weltwirtschaft und vor allem eine spürbare konjunkturelle Verbesserung im Euroraum. Somit bleibt die wirtschaftliche Dynamik hierzulande insgesamt hoch.  

Für den Konsum sind aber auch die weiteren Einkommenserwartungen und die Situation am Arbeitsmarkt entscheidend. Wie sehen die Institute die Entwicklung der Löhne und Gehälter in diesem und im kommenden Jahr?
Fichtner: Wir gehen für 2017 und 2018 von einem Lohn- und Gehaltsanstieg in Höhe von durchschnittlich  etwa drei Prozent aus. Das sind keine übermäßig hohen Lohn- und Gehaltszuwächse. Aber weil auch die Zahl der Beschäftigten weiter steigt, nimmt die Kaufkraft für die Bevölkerung insgesamt zu. Das wird den Konsum  weiterhin stützen.  

Der Arbeitsmarkt befindet sich in der Tat in stabiler Verfassung. Die Institute sehen aber auch Spannungen?
Fichtner: Die Situation am Arbeitsmarkt bleibt außerordentlich gut. Wir haben eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit und kräftige Beschäftigungszuwächse. In diesem Jahr wird die Beschäftigung um 600 000 und in den kommenden zwei Jahren um jeweils zumindest 400 000 Personen steigen. Für bestimmte Branchen wie die Bauwirtschaft kann der Arbeitsmarkt aber nicht mehr liefern, was sich die Firmen wünschen, nämlich ein ausreichendes Angebot an Fachkräften. Das führt zu Verspannungen.

Das hat bisher aber noch nicht zu kräftigerem Lohanstieg geführt?
Fichtner: Bislang nicht. Für uns spricht viel dafür, dass die Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen andere Prioritäten gesetzt haben. Es standen bisher weniger die Löhne als eher Arbeitszeitmodelle oder die betriebliche Altersversorgung im Vordergrund. Das Bedürfnis nach kräftigen Lohnsteigerungen könnte durch die kaum spürbare Inflation in der Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten sein. Das dürfte sich in Zukunft ändern.

Jahrelang war die Investitionstätigkeit in Deutschland ein Problem. Am Bau hat sich dies mittlerweile ins Gegenteil gewandelt. Führt der Bauboom zum Kollaps?
Fichtner: Nein, einen Kollaps sehen wir auch in den Ballungsgebieten und den Großstädten sowie in deren engerem Umfeld derzeit nicht. Allerdings erwarten wir eine Verlangsamung der Bautätigkeit, denn die Kapazitäten sind mittlerweile hoch ausgelastet. Auf den Mangel an Arbeitskräften in der Branche habe ich bereits hingewiesen. Dies und das künftig geringere Angebot dürfte zudem die Baupreise beflügeln.

Die öffentlichen Investitionen sind auch aufgrund der guten öffentlichen Kassenlage mittlerweile deutlich angesprungen?
Fichtner: Ja, aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Es gibt viele Kommunen, die durchaus noch einen erheblichen Nachholbedarf bei den investiven Ausgaben im Bereich der Infrastruktur haben. Da fehlt es nicht immer an Geldmitteln, sondern oft an den notwendigen Kapazitäten, etwa im Bereich der Planung, der zuvor häufig personell ausgedünnt worden war, um Kosten einzusparen. Im Bereich der öffentlichen Investitionen gibt es also noch einiges zu tun. Das gilt vor allem für die bereits angesprochene Bildung, aber stellenweise auch für die Verkehrsinfrastruktur.  
Und wie steht es um die Investitionen der Unternehmen? An Ausrüstungsinvestitionen hat es hierzulande lange Zeit gemangelt.
Fichtner: Die Ausrüstungsinvestitionen sind in der ersten Jahreshälfte auch aufgrund der lebhafteren Exportnachfrage angesprungen. Dieser Prozess setzt sich fort, und er dürfte in den kommenden beiden Jahren anhalten. Gemessen an der Investitionstätigkeit der Unternehmen in den Jahren vor 2007 − also vor der Finanz- und Wirtschaftskrise − und angesichts des derzeit kräftigen konjunkturellen Aufschwungs sind die Ausrüstungsinvestitionen heute aber immer noch recht niedrig. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die durch Unsicherheiten geprägt sind, könnten der Grund sein. Den Brexit und die wirtschaftlichen Vorstellungen Trumps haben wir schon angesprochen. Aber auch die immer noch vorhandenen Verspannungen im Euroraum spielen eine Rolle.

Großes Interesse herrscht hierzulande an der weiteren Entwicklung der Zinsen, sowohl bei den Häuslebauern als auch bei Millionen von Sparern. Die Interessen gehen allerdings auseinander.
Fichtner: Wir gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im kommenden Jahr zunächst ihre Anleihekäufe langsam zurückfahren wird. Wir nehmen an, dass dies den Zinsen für langfristige Anlagen leichten Auftrieb gibt. Möglicherweise wird es bis Ende 2019 auch noch einen kleinen Zinsschritt der EZB nach oben geben – vorausgesetzt, die konjunkturelle Entwicklung bleibt robust. Das dürfte auch zu einem moderaten Anstieg der Sparzinsen führen. Aber einen kräftigen Zinsanstieg sehen wir  für die kommenden Jahre nicht.

Ein leichter Zinsanstieg wird die Sparer nicht zufriedenstellen, denn die Inflation wird den erwarteten Zinsanstieg  voll kompensieren.
Fichtner: Ich würde zu etwas vorsichtigerer Interpretation raten: Auch früher hat es Zeiten gegeben, da der Realzins bei null Prozent oder auch im negativen Bereich gelegen hat.
Ist nicht zu befürchten, dass der jahrelang sehr niedrige Zins die Gefahr erheblicher Fehlinvestitionen sowohl bei Unternehmen als auch bei der Schaffung von Wohneigentum erhöht?
Fichtner: Angesichts der eher vorsichtigen Ausweitung  der Ausrüstungsinvestitionen sehe ich diese Gefahr bei den Unternehmen derzeit nicht. Im Bereich des Wohnungsbaus gibt es einzelne regionale Märkte, in denen man angesichts der Baupreisentwicklung die Investitionen genauer unter die Lupe nehmen muss. Alles in allem sehen wir im Investitionsbereich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene trotz der niedrigen Zinsen aber noch keine ausgeprägten Fehlentwicklungen.

Ge samtwirtschaftlich brauchen wir uns in Deutschland also bis zum Ende des Jahrzehnts keine Sorgen zu machen?
Fichtner: Unsere Prognose weist auch für 2019 noch eine stabile gesamtwirtschaftliche Entwicklung aus. Das Wirtschaftswachstum haben wir mit 1,8 Prozent veranschlagt − also nur geringfügig unterhalb der Werte für 2017 und 2018. Nach dem langen, kräftigen Aufschwung der vorausgegangenen Jahre ist ein leichter Abschwung ein durchaus notwendiger, weil gesunder Prozess, der verhindert, dass es zu einer Überhitzung der Konjunktur kommen kann.
Anzeige
 Druck-PDF herunterladen

Kommentare zum Artikel (0)