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11. Juli 2018 - 05:00Weltkonjunktur

Handelskriege − und wer sie gewinnt

von Richard Haimann

Unter Europas Ökonomen gilt es als ausgemacht: Handelskriege kennen nur Verlierer. In den USA urteilen Wirtschaftswissenschaftler anders und differenzierter. Auch deshalb sucht US-Präsident Trump einen Konflikt, an dem die Europäische Union nicht ganz unschuldig ist.

Die arbeitslosen Bewohner dieses "Hooverville" genannten Elendsviertels in Seattle gehörten 1933 definitiv nicht zu den Gewinnern der Weltwirtschaftskrise. Doch US-Ökonomen sehen die USA heute als Profiteure des von US-Präsident Hoover eingeleiteten Handelskriegs. Die Zollschranken seien zwar vorübergehend krisenverstärkend, jedoch nicht die Ursache der "Great Depression" gewesen. (dpa)
Haben Strafzölle die Große Depression der 1930er-Jahre verursacht? Europas− Wirtschaftsforscher bejahen das und sehen alle Beteligten am damaligen Handelskrieg als Verlierer. Doch US-Ökonomen sehen die Vereinigten Staaten als Sieger in früheren "Wars of Trade". Das hat auch mit unterschiedlichen Deutungen von Wirtschaftsgeschichte zu tun.

Im Juni des Jahres 1930 ziehen immer wieder schwere Gewitter über Washington hinweg. Das Wetter passt zur Stimmung im Weißen Haus. Abend für Abend empfängt US-Präsident Herbert Hoover Ökonomen, Bankiers und Vertreter der US-Industrie. Seit der im Vorjahr ausgebrochenen Finanzkrise ist die US-Konjunktur schwer angeschlagen. Reed Smoot, Senator aus Utah, und Willis C. Hawley, Repräsentant aus Oregon − beide sind führend in Hoovers republikanischer Partei − haben mit knapper Mehrheit eine Gegenmaßnahme durch Repräsentantenhaus und Senat gebracht. Ihre Idee: Importzölle von durchschnittlich 20 Prozent auf 20 000 ausländische Rohstoffe und Waren – darunter auch Stahl, Öl und Kautschuk – sollen Amerikas Wirtschaft und ihre Beschäftigten vor ausländischer Konkurrenz schützen. Die Idee ist, gelinde gesagt, umstritten.
Ein Freund von Handelskriegen: Herbert Clark Hoover, US-Präsident von 1929 bis 1933 (dpa)
Autozar Henry Ford verbringt Anfang des Monats einen ganzen Abend im Weißen Haus, um Hoover zu überzeugen, sein Veto gegen den Smoot-Hawley Tariff Act einzulegen, damit dieser nicht zum Bundesgesetz wird. "Es ist wirtschaftlich unsinnig", legt Ford dar. Die Zölle auf Rohstoffe und Vorprodukte würden die Automobilfertigung verteuern, die Preise für die Fahrzeuge in die Höhe treiben, den Absatz schwächen und so letztendlich Arbeitsplätze kosten. Thomas W. Lamont, Vorstandschef der Bank J.P. Morgan, steht kurz danach dem Präsidenten gegenüber, wiederholt eindringlich die Warnung Fords: "Ich bin quasi auf die Knie gefallen, um Hoover zu bitten, diese dumme Gesetz nicht zu unterschrieben", schreibt Lamont in seinen Memoiren. Doch der Präsident unterzeichnet am 17. Juni das Papier. Nur Tage später reagieren Kanada und 22 europäische Staaten mit eigenen Zollschranken auf US-Waren.

88 Jahre später, auf den Monat genau, scheint sich der Konflikt zu wiederholen. Wieder ist es mit Donald Trump ein Republikaner im Weißen Haus, der die Zollmauern rund um die stärkste Wirtschaftsnation und den größten Warenabsatzmarkt der Welt in die Höhe wachsen lässt. Wieder antworten betroffene Länder mit Gegenmaßnahmen. Aus der Vergangenheit, so scheint es, haben die Verantwortlichen jenseits und diesseits des Atlantiks nicht gelernt. "Der Smoot-Hawley-Act war ein möglicher Grund für das Abgleiten in die Große Depression", sagt NordLB-Volkswirt Stefan Große. Für den massiven Abwärtssog, der die Wirtschaften in Nordamerika, Europa und Japan in den folgenden Jahren immer stärker schrumpfen, Millionen Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren ließ und am schließlich in Deutschland Adolf Hitler und seine NSDAP an die Macht spülte und in den Zweiten Weltkrieg mündete. "Man mag den Personen am Ruder in Washington nur zurufen: Schaut auf die Geschichte!", sagt Große.
Ein Gegner von Handelskriegen, der sich gegen Präsident Hoover nicht durchsetzen konnte: Henry Ford senior, Autofabrikant und Erfinder des Fließbands (dpa)
Doch das historische Narrativ in den USA geht anders. Diesseits des Atlantiks sind nicht nur alle Wirtschaftsexperten überzeugt, dass bei Handelskriegen – den Wars of Trade – immer beide Seiten verlieren. Sie sehen das Pingpong-Spielen aus Zöllen und Gegenzöllen zu Beginn der 1930er-Jahre auch als Ursache für den zeitlich darauf folgenden tiefen Crash der Weltkonjunktur. In den USA hingegen ist strittig, ob und inwieweit der Smoot-Hawley-Act zur Großen Depression beigetragen hat. Die Meinung der meisten Wirtschaftsforscher in den Vereinigten Staaten decke sich zwar mit der ihrer europäischen Kollegen, sagt Patrick Franke, Ökonom und USA-Spezialist der Landesbank Hessen-Thüringen. "Es gibt aber unterschiedliche Interpretationen über die Auswirkungen der Zollschranke auf den Verlauf der Weltwirtschaftskrise."

Was ist Ursache, was Katalysator?

Nicht nur konservative Gegner staatlicher Regulierung wie Milton Friedman, einst Wirtschaftsberater von US-Präsident Ronald Reagan und Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher, sprechen in ihren Arbeiten den damaligen Handelskrieg weitgehend davon frei, die US-Konjunktur der frühen 1930er-Jahre beschädigt zu haben. Auch der liberale Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman von der City University of New York sieht die von den USA niedergelassenen Zollschranken nicht als Ursache des damaligen Einbruchs der Weltwirtschaft. "Der Protektionismus verlangsamte später nur die Konjunkturerholung nachdem Nachfrage und Fertigung wieder anzogen." Ähnlicher Ansicht ist Dartmouth-Ökonom Douglas Irwin, Spezialist für die Erforschung der Großen Depression: Der Smoot-Hawley-Act sei "nicht die Ursache" des massiven Wirtschaftseinbruchs gewesen, er habe "lediglich den Rückgang im globalen Handel verstärkt".

Krugman sieht vielmehr die restriktive Geldpolitik der Notenbanken und die massiven Sparmaßnahmen der Regierungen in den USA und Europa als Ursachen für die Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre. Erst als Hoovers Nachfolger im Weißen Haus, US-Präsident Franklin Delano Roosevelt, mit seinem "New Deal" die Konjunktur mit milliardenschweren Staatsausgaben stimuliert habe, sei es den Vereinigten Staaten gelungen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Nach Ausbruch der Finanzkrise von 2008 warnt Krugman in seinem Buch "End this Depression Now!" davor, Hoovers Fehler zu wiederholen, und ruft dazu auf, mit staatlichen Konjunkturprogrammen dem Roosevelts Beispiel zu folgen.

Der 1999 verstorbene US-Wirtschaftshistoriker Robert Sobel belegt mit langen Zahlenreihen in seinem 1972 erschienenen, noch heute an manchen US-Universitäten verwendeten Standardwerk "The Age of Giant Corporations: A Microeconomic History of American Business", dass die US-Wirtschaft nach Implementierung des Smoot-Hawley-Acts zunächst wieder Tritt fasst. Sein Fazit: "Unternehmen stellten wieder eifrig Mitarbeiter ein, die Industrieproduktion und der Bau neuer Fabriken zogen kräftig an." Erst die mit dem 1931 erfolgten Zusammenbruch der österreichischen Creditanstalt ausgelöste Bankenkrise habe zunächst das Finanzsystem in Europa und anschließend auch in den USA so schwer erschüttert, dass die Weltwirtschaft kollabierte.

Isolationistische Theorien befeuern Trumps Politik

Wiederbelebt die Tradition des US-Handelskriegs: Amtierender US-Präsident Donald Trump. (dpa)
Es sind solche Schlussfolgerungen, die Trump glauben lassen, Amerikas Konjunktur könne vom Handelskrieg profitieren. Kräftig gestärkt wird er in dieser Ansicht vom früheren Professor für Ökonomie der University of California in Irvine, Peter Navarro. Der 69-Jährige gilt zwar mit seiner Forderung nach einer isolationistischen Wirtschaftspolitik auch in Kreisen von US-Ökonomen als radikaler Außenseiter. Er hat Trump damit jedoch so beeindruckt, dass dieser ihn zum Direktor des neu geschaffenen Nationalen Handelsrats der USA ernannt hat.

Navarro und andere Isolationisten führen ins Feld: Die US-Wirtschaft habe nicht nur zunächst vom Smoot-Hawley-Act profitiert, sondern auch in anderen Handelskriegen obsiegt. Etwa im Uhrenkrieg von 1954: In jenem Jahr hob US-Präsident Dwight David Eisenhower den Einfuhrzoll auf Schweizer Uhren von 35 auf 54 Prozent an. Eisenhower, im Zweiten Weltkrieg Oberbefehlshaber der amerikanischen, britischen und französischen Truppen in Europa, will damit die US-Uhrenindustrie vor der Billigkonkurrenz aus der kleinen eidgenössischen Republik schützen, damit Amerikas Militär weiterhin auf präzise Zeitmesser heimischer Fabrikation zählen kann. Und er will den Schweizer Markt für amerikanische Waren öffnen, denen die Regierung in Bern bislang durch eigene Zollschranken den Weg zu den Konsumenten versperrt.

Für die Schweizer Uhrenindustrie geht es um die Existenz. Sie verkauft zu dieser Zeit ein Drittel ihrer Produktion in die USA. Bern hat keine Wahl. Die Schweizer Regierung tritt dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) bei, öffnet ihre Grenzen für Produkte aus den USA und anderen Staaten – und ermöglicht darüber hinaus Amerikas Uhrenherstellern die Beteiligung an eidgenössischen Mitbewerbern. Hamilton aus Lancaster in Pennsylvania, zu diesem Zeitpunkt einer der größten Produzenten von Zeitmessern in den USA und Hauptlieferant von Army und Navy, übernimmt sogar komplett die Büren-Uhrfabrik im Schweizer Büren an der Aare. Als gegen Ende der 1960er-Jahre japanische Hersteller mit ihren billigen Quartzwerken die globalen Uhrenmärkte erobern, gehen keine Zollschranken hoch. Gerettet wird die Schweizer Uhrenindustrie von Nicolas George Hayek. Die von ihm erfundene Swatch-Uhr reduziert die Komponenten einer Quartzuhr von 151 auf nur noch 51 Einzelteile, die in gespritzte Plastikkörper eingeschweißt werden – und ist damit noch günstiger zu fertigen. Hayeks Swatch Group kauft erst diverse Schweizer Manufakturen auf – und schließlich auch Hamilton.

Als Sieger fühlen sich die USA auch im jahrzehntelang schwelenden "Flugzeugkrieg" zwischen dem europäischen Airbus-Konzern und dem US-Konkurrenten Boeing. Das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO urteilte im Mai 2018 weitestgehend zugunsten des amerikanischen Luftfahrzeugherstellers, wonach EU-Beihilfen für Airbus illegal waren. "Dies ist Wasser auf die Mühlen der Protektionisten in den USA und könnte in der aktuell aufgeheizten Stimmung zu Maßnahmen des US-Handelsbeauftragten gegen Flugzeugimporte führen – unabhängig davon, dass die Europäer die Strukturen der kritisierten Darlehen nun nachträglich angepasst haben", sagt Helaba-Ökonom Franke.

Wie kommt ein Leistungsbilanzdefizit zustande?

Im Premiumsegment der Automobilbranche interessieren sich viele Amerikaner für Importware vor allem deutscher Hersteller. Viele hochwertige Produkte stellten Unternehmen zu günstigen Konditionen in Deutschland her, kritisiert Wirtschaftsfachmann Heiner Flassbeck. (dpa)
Was Trump und Navarro immer wieder ins Feld führen, ist das Leistungsbilanzdefizit der USA. Amerika importiert den Daten zufolge mehr Waren, als es exportiert. Das aber sei letztendlich ein "Resultat der Reservewährungsfunktion des US-Dollars" im globalen Finanzsystem, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. "Mit jedem US-Dollar, der im Ausland umläuft, geht ein Kredit an die US-Volkswirtschaft einher, der sein Spiegelbild in einem Ungleichgewicht in der Handelsbilanz findet." Der Vorteil einer Reservewährung sei ein leicht niedrigeres Zinsniveau, als es andere Länder aufweisen, erläutert Kater. "Der Nachteil liegt in einem leicht höheren Außenwert, der die Leistungsbilanz negativ beeinflusst."

Nicht nur der EU, auch China hat Trump den Handelskrieg erklärt und kräftige Strafzölle auf Waren aus dem Reich der Mitte in Kraft gesetzt. Dies legt auf den ersten Blick Gedanken an konzertierte Gegenaktionen von Brüssel und Peking gegen Washington nahe. Tatsächlich jedoch, sagt Kater, „stehen die Europäer in diesem Konflikt den Amerikanern näher als China“. Denn europäische Unternehmen leiden im selben Ausmaß wie US-Konzerne unter dem Diebstahl geistigen Eigentums durch chinesische Konkurrenten.

Europa sollte mit dem Abbau von Strafzöllen anfangen

Etliche Volkswirte in Deutschland halten es denn auch für einen Fehler, dass Europa mit eigenen Strafzöllen auf US-Produkte kontert, anstatt Entspannungssignale zu senden, um den – tatsächlich seit Jahren anhaltenden – Konflikt beizulegen. Bereits seit den 1990er-Jahren beklagen US-Regierungen unter republikanischen und demokratischen Präsidenten, dass die EU auf etliche Warengruppen deutlich höhere Zölle erhebt als die USA. "Autos aus europäischer und damit vor allem deutscher Produktion werden in den USA lediglich mit 2,5 Prozent belastet, während die EU für US-Automobile den vierfachen Satz erhebt", sagt Hans-Werner Sinn, Ex-Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. "Bereits die Vorgänger von Trump haben diesen Zustand gerügt − aber nichts dagegen unternommen", sagt auch der Ökonom Heiner Flassbeck, Honorarprofessor an der Universität für Wirtschaft und Politik in Hamburg, im Interview mit dem Managermagazin Sparkasse.
Aus der Not müsse eine "Tugend werden", sagt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. "Die EU sollte als Reaktion auf Trumps Strafzölle ihre Zölle im gleichen Ausmaß verringern." Europa sollte den Handelsstreit als "Gelegenheit verstehen, Zölle rigoros abzubauen", sagt auch Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der sogenannten Wirtschaftsweisen. "Ein neu verhandeltes transatlantisches Abkommen wäre dazu ein geeignetes Vehikel."
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