Anzeige
| Sparkassentag 2019 / Mit Video

"Ich bin stolz, Sparkässler zu sein"

Die Sparkasse als tolle Idee, der Mitarbeiter als Menschenfreund: Helmut Schleweis appelliert dafür, stolz zu sein auf einen Arbeitgeber, der Menschen aller Altersgruppen, sozialen Schichten und Heimatregionen zu einem besseren Leben verhilft.

Anzeige

Als Menschenfreunde im Jahr 1778 die erste Sparkasse gründeten, ist die Welt im Umbruch: Zwischen amerikanischer Unabhängigkeitserklärung und französischer Revolution wirft mit der Erfindung der Dampfmaschine die erste industrielle Revolution ihre Schatten voraus. Wie stark die Zeitenwende die Gesellschaft durcheinander wirbeln sollte, ist nicht abzusehen. Vorsorge jedoch scheint angebracht. "Zum Nutzen fleißiger Personen beiderlei Geschlechts" will die Mutter aller Sparkassen dienen, auch der "sauer erworbene Notpfennig" soll sicher verwahrt und mit Zinsen belegt werden.

Eine "tolle Idee", nennt Schleweis diese Sparkasse - und eine Idee, die heute noch so aktuell sei wie damals. "Menschen aller Bevölkerungsschichten zu einem wirtschaftlich selbstbestimmten Leben zu verhelfen": Dieser Auftrag einer "finanziellen und damit gesellschaftlichen Teilhabe" unterscheide die Sparkassen ganz grundlegend von Banken. Und dieser Auftrag muss heute wie damals vor großen Umbrüchen schützen. Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz verändern die Welt – und wieder weiß niemand, wie sehr.

"Auf den Kundenbedarf früh reagieren": Helmut Schleweis im Interview




Mittelstand sichert den sozialen Frieden

Facebook, Google, Amazon sind die Vorboten monopolartiger Machtstrukturen. Hier einer weltwirtschaftlichen Dominanz US-amerikanischer und chinesischer Konzerne vorzubeugen, die den fairen Wettbewerb einschränkt und Daten veruntreut, ist auch Aufgabe der Sparkassen. Es gelte für ein Wirtschaftsmodell zu kämpfen, das sich gegen eine übermäßige Konzentration richtet und Verbraucher und Daten schützt, so der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Mit seiner Präsenz in allen Teilen des Landes trage der deutsche Mittelstand - nachhaltig unterstützt von der Sparkassen-Finanzgruppe - zu einer Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen und einer Sicherung des sozialen Friedens bei.

Um auf Augenhöhe mit den Big-Techs der Welt agieren zu können, seien Netzwerke und mehr Zusammenarbeit in den einzelnen Branchen nötig, so Schleweis. So wollen die Sparkassen mit den Genossenschaftsbanken und anderen Kreditinstituten bei europäischen Bezahlsystemen zusammenarbeiten, um globalen Payment-Anbietern entgegenzutreten.

Wichtig sei zudem eine gerechte Verteilung des erarbeiteten Vermögens. Die Matrosen des Jahres 1778, um die sich die erste deutsche Sparkasse bemühte, sind heute die Paketboten, die unter prekären Arbeitsbedingungen ausliefern, was wir bei Google gesucht, bei Amazon bestellt und per Paypal bezahlt haben. Diesen Menschen Zugang zu Bankdienstleistungen und Vermögensvorsorge zu bieten, sei eine weitere große Aufgabe der Sparkassen. Dafür brauche man "einen Blick und ein Herz", die Fähigkeit und die Bereitschaft, auf alle Bevölkerungsgruppen zuzugehen, allen zuzuhören und mit allen zu reden. "Ich finde, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das großartig machen", sagte Schleweis in seiner Rede.

Mehr Aufmerksamkeit für die Würde des Menschen

Denn eine Sparkasse sei man nicht dann, wenn man sich wochentags wie eine Bank bewegt und am Wochenende durch Spenden oder Ausschüttungen Gutes für das eigene Geschäftsgebiet bewirkt. Eine Sparkasse erkenne man daran, dass sie in ihrer täglichen Geschäftspolitik einen Mehrwert für Kunden und die Region sicherstellt, ökonomisch und sozial nachhaltig. Der Sinn der Sparkassen und der Arbeit jedes einzelnen Angestellten liege im Gemeinwohl. Das Bundesverfassungsgericht hat klar festgestellt: "Sparkassen sind gekennzeichnet durch die Unterordnung des Gewinnstrebens unter ihre öffentliche Zielsetzung." "Genau deshalb", so Schleweis, "wollen wir nicht, dass Sparkassen den Regeln für Großbanken unterworfen werden".

 
Helmut Schleweis warb für starke Regionen und die europäische Idee.

Wenn heute Nationalismus, Abgrenzung und Polarisierung weltweit auf dem Vormarsch sind, habe das auch damit zu tun, dass in den vergangenen Jahren beim Gewinnstreben der Identität und damit der Würde von Menschen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist, sagte Schleweis weiter. Der Würde von Menschen jedoch wird man gerecht, indem man ihre Handlungsspielräume erweitert und sie in die Verantwortung nimmt.

Das gelte im Übrigen auch für Europa: "Wir brauchen ein Europa", so der DSGV-Präsident, "das nicht Kompetenzen an sich zieht, die auf kommunaler, regionaler oder nationaler Ebene bürgernäher ausgefüllt werden könnte". Es sei eine Fiktion zu glauben, dass man durch europäische Haftungssysteme wie Edis eine höhere Stabilität erreichen könne. "Wir müssen begreifen: Solche Verschiebebahnhöfe bringen uns nicht zusammen. Sie treiben uns im Krisenfall auseinander." Und das schade der großartigen europäischen Idee.

Viel Applaus für die Idee eines Zentralinstituts

Am meisten Beifall erntete Helmut Schleweis für seine Vorstellung einer einzigen, durch alle Sparkassen gemeinsam getragenen und kontrollierten Sparkassen-Zentralbank. Mit einheitlichen, von allen Sparkassen getragenen Instituten habe man sehr gute Erfahrungen gemacht: Die Deka und die Deutsche Leasing seien gute Beispiele, so der DSGV-Präsident. Aus diesen Erfahrungen müsse man lernen, bei den Landesbausparkassen und auch bei den öffentlichen Versicherungen. Es gebe dort mittelfristig Bedarf zur Fortentwicklung. Die Herausforderung wird sein, berechtigte regionale Interessen gut auszubalancieren. "Mir liegt daran, auf diesem Weg alle angemessen einzubinden", sagte Schleweis, "deshalb ist auch kein 'Big Bang' zu erwarten".

Die Rede im Wortlaut lesen Sie auf der Webseite des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.
Alle Berichte und Gastbeiträge zum Sparkassentag finden Sie unter sparkassenzeitung.de.