Anzeige
| Sparkassentag 2019

An Geld und Strukturen fehlt es nicht

Wie soll ehrenamliches Engagement künftig Integration und Gemeinwohl befördern, wenn die Gesellschaft keine gemeinsame Basis mehr findet? Eine Forumsdiskussion suchte nach Antworten.

Anzeige

"Mitmachen ist Heimat", hieß das Forum. Jeder vierte Bundesbürger macht mit und hilft in der Nachbarschaft, im Verein oder in sozialen Initiativen. Diesem Engagement sind viele Teilhabemöglichkeiten an Kultur, Bildung und Sport zu verdanken. Darin steckt eine große Integrationsleistung, die auch Migranten, Geflüchtete und sozial Schwächere einzubinden versucht.

Professorin Naika Foroutan, Direktorin vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, hielt dazu einen zahlen- und faktengesättigten Impulsvortrag, goss beim anschließenden Forum aber Wasser in den Wein. Nach 2015 habe das ehrenamtliche Engagement für die Geflüchteten schnell wieder nachgelassen. Es seien hauptsächlich Frauen gewesen, die sich ehrenamtlich engagierten. Die Integration von Migranten brauche heute vor allem geeignete Strukturen, etwa auf Vereinsebene. Doch gerade in den Sportvereinen fehle es oft an Nachwuchs, auch bei den Trainern. Es habe für Unmut gesorgt, dass es offenbar Geld für Geflüchtete gebe, nicht aber für Schwimmbäder, Schulrenovierungen oder den Kinderspielplatz. Hier könne auch die Sparkasse etwas tun, sagte Foroutan und empfahl einen "Matching-Fonds", der für Ausgleich bei den finanziellen Engagements sorgen könne.

 
Solange man noch miteinander reden kann, ist es nicht zu spät. Aber die soziale Vertrauenskrise erschwert das Zuhören, und die noch verbleibende Zeit, neue Formen der Gemeinsamkeit zu finden, ist wahrscheinlich ähnlich knapp bemessen wie die Dauer eines Forums auf dem Sparkassentag. © Peter Himsel

Roman Huber, Gründungsmitglied der Zukunftswerkstatt SchlossTempelhof in Baden-Württemberg, berichtete von seinem genossenschaftlich organisierten Wohn- und Landwirtschaftsprojekt, bei dem 150 Bewohner in enger Gemeinschaft leben: "Ärzte treffen hier auf Handwerker, Buddhisten auf Atheisten und Amazon-Kunden auf Konsumverweigerer. Zusammen loten sie andere Formen des Wohnens aus“, schrieb die "FAZ" einmal in einem Beitrag über das Wohnprojekt, das allein schon Thema genug für eine Forumsrunde gewesen wäre.

Bedenkenswert erschien vor allem Hubers Statement, dass es beim bürgerschaftlichen Engagement weder am Geld noch an den rechtlichen Strukturen fehle, sondern dass es eine Krise des sozialen Miteinanders gebe. Die Perspektive des Praktikers bestätigte damit den wissenschaftlichen Befund von Professorin Allmendinger vom Vormittag, dass es in der Gesellschaft vor allem an gegenseitigem Vertrauen fehle. Huber ging danach ans Eingemachte: Das parlamentarische System vertrage eine Erweiterung, denn die Leute seien nicht über-, sondern unterfordert und suchten daher nach neuen Formen der politischen Partizipation jenseits der repräsentativen Demokratie. Das zeige etwa die bayerische Debatte über das Artensterben, in der es nur vordergründig um Bienen gehe, sagte Huber.

Aber was kann bürgerschaftliches Engagement wirklich? Ulrich Netzer Präsident, Sparkassenverband Bayern, griff Foroutans Stichwort von den Strukturen auf und sagte, dem bürgerlichen Engagement förderliche strukturelle Voraussetzungen könne vor allem die Kommune schaffen, in der auch die Sparkassen mit ihren Stiftungen und sozialen Engagements ihren festen Ort hätten. Foroutan bekannte, zwar wenig über die Sparkassen zu wissen, aber Männer in dunklen Anzügen und in Führungspositionen gebe es dort offenbar zur Genüge, und sie wisse nicht, ob sie sich mit einer solchen Institution identifizieren könne. Das sorgte für etwas Betretenheit, lenkte den Blick aber darauf, dass das vielbeschworene fehlende Vertrauen in die Institutionen sehr vielfältige Gründe haben kann, auch die Genderfrage.

Peter Figge, Partner und Vorstand Jung von Matt, sagte etwas über das neue "Zuhören" in Unternehmen, womit er offenbar meinte, dass Organisationen die sozialen Medien tracken sollten, um zielgruppengerecht werben und Innovationen auf der Spur bleiben zu können. Gemeinschaftlichkeit mithilfe digitaler Medien – auch dies ein interessanter Aspekt in einer etwas atemlosen, weil zeitlich zu knapp bemessenen und von lauten Küchengeräuschen gestörten Diskussion unterschiedlicher Gesprächspartner, die sich nicht immer viel zu sagen hatten. Die gut vorbereitete, rasch und präzise nachfragende Moderatorin Corinna Wohlfeil machte das Beste daraus.

Weitere Berichte und Gastbeiträge zum Sparkassentag finden Sie unter sparkassenzeitung.de.

Wie gut kennen Sie die Sparkassen? Testen Sie Ihr Wissen mit dem
Quiz der SparkassenZeitung zum Sparkassentag