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Insolvenzen
Begleiten, betreuen, behalten
Insolvenz – ein Wort wie ein Schlag. Privat und beruflich erleben viele Betroffene eine schmerzhafte Zeit. Aus Scham, falscher Selbsteinschätzung oder Angst, dass man ihnen den Geldhahn zudreht, vermeiden viele das Gespräch mit ihrer Sparkasse. Deren Ziel ist, den Kunden als sanierten Firmenkunden zu behalten.

Am Geldautomaten holen ihn die schlechten Erinnerungen ein. Zu präsent ist für Stephan Müller die Zeit, als er zittern musste, ob der Automat noch was ausspuckt. Obwohl die Insolvenz seines Unternehmens inzwischen acht Jahre her ist, fällt es ihm noch immer schwer, darüber zu sprechen.

Müller, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Informatiker und hatte 2008 ein Fachgeschäft für Computertechnik übernommen. Der Vorbesitzer rechnete ihm vor, wie profitabel es lief. Müller ließ noch einen Unternehmensberater über die Zahlen schauen, lieh sich Geld bei der Sparkasse und Verwandten und kaufte es.

„Ich war naiv“, sagt Müller heute. „Im Nachhinein hätte mir klar sein müssen, dass es ein auslaufendes Geschäftsmodell war. Der Laden lief nie wie vorgerechnet.“ Zunehmend dominierten die großen Onlineshops den Markt, verkauften Computer zu Preisen, die teilweise unter seinen Einkaufspreisen lagen.

Der Schock am Geldautomaten

Er arbeitete bis an seine Grenzen, setzte neue Hoffnungen in einen eigenen Onlineshop. Aber die Umsätze sanken kontinuierlich. Müller schoss immer wieder privates Geld nach. „Man sieht ja so viele Hoffnungsschimmer. Ich brauchte lange, um festzustellen, dass es nicht mehr ging.“ Seine Lieferanten verlangten mittlerweile Vorkasse oder Barzahlung. Schließlich der Schock am Geldautomaten: nichts.

Zeitgleich kündigte seine Sparkasse den Kredit – kurz zuvor hatte ihn die Abwicklungsabteilung zum Gespräch bestellt und diesen Schritt angekündigt. Die GmbH war zahlungsunfähig. Müller blieb nur der Gang zum Amtsgericht, um Insolvenz anzumelden. Als er aus dem Gericht herauskam, atmete er tief durch: „Das war Super-GAU und Befreiung zugleich.“

Geschichten wie die von Stephan Müller kommen vielen Sparkassenmitarbeitern bekannt vor. Marcus Jaura ist Abteilungsleiter für Forderungsmanagement bei der Stadtsparkasse München. Auf seinem Tisch landen die Sanierungsfälle. Viele Unternehmer und Selbstständige würden viel zu spät das Gespräch mit ihrer Bank suchen.

Sie wenden sich mit der Hoffnung auf neue Kredite an ihn, wenn ihnen bereits das Wasser bis zum Hals steht. Jaura: „Da ist es nicht damit getan, einfach noch mal neues Geld zu geben.“ Es belastet ihn schon, wenn im Krisenfall das Haus verkauft werden oder der Bürge geradestehen muss.

Raus mit der Wahrheit

Jaura sagt: „Unternehmen sollten eigentlich schon früh feststellen, dass sich Krisen verschärfen. Aber viele versuchen sehr lange, das zu kaschieren.“ Je weiter die Krise fortgeschritten ist, desto schwieriger wird die Sanierung.

Auch die automatischen Frühwarnsysteme helfen kaum, wenn die Bilanz nicht die eigentliche Lage widerspiegelt oder der Kunde beim Jahresgespräch nicht reinen Tisch macht. Keine Bank ist daran interessiert, auf den Schulden sitzen zu bleiben. Jaura: „Unser Ziel ist es, den Kunden zu helfen und ihn als sanierten Firmenkunden zu behalten.“

Aktuell kann Jaura übrigens keine Zunahme an Insolvenzen feststellen, auch nicht an neuen Sanierungsfällen. Was nicht bedeutet, dass die Lage entspannt sei. Im Gegenteil: „Ich denke, dass die Schockstarre, in der sich viele Unternehmenskunden befinden, sowie die vom Gesetzgeber akut geschaffenen Erleichterungen wie die Aussetzung einer Insolvenzantragspflicht oder die Aussetzung von Tilgungsleistungen, zunächst verhindern, dass es steigende Fallzahlen gibt.“

Am Jahresende zeigen sich die Folgen

Erst ab dem vierten Quartal 2020, vor allem aber ab 2021, schätzt Jaura, würden die Folgen deutlich – verbunden mit einer zu befürchtenden hohen Zahl an Insolvenzen und vorgelagerten Sanierungsversuchen.

Schwierig wird es für Unternehmen, die erforderliche Restrukturierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren nicht angegangen sind oder hinausgeschoben haben. Jaura: „Die Gefahr, durch die Coronakrise jetzt den erforderlichen Turn­around nicht zu schaffen mit der Folge, in der Insolvenz zu landen, ist groß.“

Etliche Firmen müssten sich jetzt mit ihrer vielleicht nicht so rosigen Finanzsituation auseinandersetzen, was ohne Corona nicht geschehen wäre. Das Thema Insolvenz und Sanierungen schöben viele Kunden gerne vor sich her – bis es gar nicht mehr anders gehe.“

Die erste Krise seit Langem

Peter Bloett ist seit 16 Jahren in der Frankfurter Sparkasse Ressortleiter für Sanierung und Abwicklung und kennt das Zögern: „Manche Kunden sprechen die Bank bei Schwierigkeiten von sich aus an – im Idealfall. Aber viele haben auch Angst, etwa, dass ihnen der Geldhahn zugedreht wird“, sagt Bloett.

„Allerdings war das Thema Insolvenz bei uns lange recht überschaubar“. Denn die Wirtschaft lief gut, die Zahl der Firmeninsolvenzen war seit der Finanzkrise kontinuierlich gesunken, auf unter 20.000 im Jahr 2019. 20 Mitarbeiter hat sein Ressort. Als er anfing, waren es noch doppelt so viele.

Aktuell häufen sich auch in der Frankfurter Sparkasse die Anfragen nach Krediten oder Tilgungsaussetzungen. Diese Kunden müsse man jetzt natürlich auch genauer im Auge behalten. „Grundsätzlich versuchen wir immer, unsere Kunden schon in einem frühen Stadium enger zu begleiten – manche sehen sich selbst ja gar nicht so kritisch wie wir sie.“

Bei der Beurteilung, ob ein Kunde noch kreditwürdig ist, spielen neben den harten Zahlen auch persönliche Faktoren eine große Rolle. Anders als bei Direktbankkunden kennen Bloett und seine Mitarbeiter ihre Kunden.

Mit dem Alter wächst die Erfahrung

Für die Gespräche mit den Geschäftskunden braucht es viel Verständnis und Erfahrung, daher ist das Durchschnittalter der Abteilung das höchste der Sparkasse. Um Kontinuität sicherzustellen, werden demnächst erstmals Junior-Sanierer ausgebildet und zunächst zu kleineren Unternehmen geschickt. „Wir suchen Leute, die Problemkredit können“, sagt Peter Bloett und erzählt, dass heute kaum mehr jemand Krisen aus der Praxis kenne – die letzte sei einfach zu lange her.

Was gilt es bei schwierigen Gesprächen zu beachten? „Wichtig ist Demut“, habe sein früherer Chef ihn gelehrt. „Denn hinterher es ist leicht, sich hinzusetzen und zu sagen: ‚Das war ja klar.‘ Wir dürfen nicht zu sehr in die Vergangenheit schauen, sondern müssen konstruktiv miteinander sprechen.“

Interview mit einem Schuldnerberater

Roland Dingerkus, 59, ist gelernter Sozialarbeiter und war lange in der kirchlichen Schuldnerberatung tätig. 2003 gründete er die S.I.B., die Schulden- und Insolvenzberatung Solingen. Er berät vor allem Selbstständige, Freiberufler und kleine und mittlere Unternehmen.

Roland Dingerkus.

In welcher Situation befinden sich die Menschen, die zu Ihnen kommen?
Überschuldete Menschen stehen unter großem Druck. Gerade Selbstständige fallen sehr tief. Für sie ist Insolvenz oft ein Tabuthema, viele verlieren ihren Freundeskreis. Hierzulande ist man mit einer Insolvenz untendurch. Aber vieles passiert im Kopf der Menschen und wäre weniger dramatisch, wenn sie offen gegenüber ihrer Familie wären. Oft sprechen sie mit niemandem, weil sie nicht wissen, wem sie trauen können.

Wie reagieren Sie?
Ich rede mit ihnen darüber, wie sie aus der Situation herauskommen, wo sie Rat holen oder wen sie einbeziehen können. Oft weiß der Partner gar nichts von der Krisensituation. Gerade Männer wollen das mit sich allein ausmachen, sie haben Angst vor Entwertung. Aber als Unternehmer zu scheitern heißt ja nicht, als Mensch zu scheitern. Und selbst ein Insolvenzverfahren bedeutet ja nicht automatisch das Ende: Möglich ist sowohl eine Fortführung der Selbstständigkeit als auch die Anmeldung eines neuen Gewerbes.

Woran merkt man, dass es nicht mehr geht?
Viele verdrängen das so lange wie möglich. Es ist immer der Druck von außen, der den Schalter umlegt. Zum Beispiel durch eine Kontopfändung, dann ist der Selbstständige nicht mehr liquide, kann keine Ware mehr einkaufen, seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Geldeingänge gehen direkt an die pfändenden Gläubiger. Es wird fast unmöglich, die Krise durch Umsatzsteigerung zu überwinden.

Was sind die größten Risikofaktoren für eine Insolvenz?
Viele Leute haben eine gute Idee und sind oft sehr gut in dem, was sie tun. Aber sie sind schlecht in BWL, kalkulieren falsch, vergessen die Umsatzsteuer. Nicht jeder schafft es, sich betriebswirtschaftliches Know-how anzueignen. Aber Idee und Leistung sind nur die halbe Miete. Riskant ist auch, sich nur auf einen Kunden oder Partner zu verlassen. Und natürlich muss die Familie oder der Lebenspartner dahinterstehen. Sich gegen familiären Druck selbstständig zu machen, wird nicht gut gehen.

Sigrid Rautenberg
– 19. Mai 2020